Literaturgefluester

2015-08-06

Der Sammler

Wieder ein Buch von Evelyn Grill, von der 1942 in OÖ geborenen und in Deutschland lebenden Schriftstellerin, die sozusagen Elfriede Haslehner einmal für ihren „Wiener Frauenverlag“ entdeckte, habe ich schon viel gelesen und der 2006 erschienene Roman „Der Sammler“ ist auch eines, das vorletzte, noch nicht gelesene, das ich vor fast zwei Jahren, bei dem „Augustin-Flohmarkt“ kaufte, vorher habe ich von dem Buch schon einiges gehört und war, 2006 wahrscheinlich, auch auf einer Lesung bei „Rund um die Burg“ und das „Messie-Thema“ interessiert   die Psychologin, die ja auch eine Büchersammlerin ist.

Evelyn Grill greift alle oder viele heiße Eisen an, könnte man so sagen, tut es manchmal, meistens, oft mit einer Art Bernhardschen Boshaftig- und Gründlichkeit und sie versteht auch noch die schönen Künste in das Buch hineinzupacken, diese damit zu verbinden oder gegeneinander auszuspielen.

Da gibt es in einem feinen Italiener in der Stadt Mannheim, glaube ich, einen Stammtisch, wo sich jede Woche der Philosophieprofessor Gregor Voss nach seiner Vorlesung mit seinen Freunden trifft, seine Freundin Dora Stein, eine Schriftstellerin ist dabei, Evelyn Grill ist, glaube ich, auch mit einem Universitätsprofessor verheiratet, eine Studentin, ein Privatdozent, eine Sozialpädagogin, eine Psychotherapeutin, die auch Künstlerin ist und Alfred Irgang, ein Freund Voss, beziehungsweise war der auch mit seinen Eltern befreundet und Alfred Irgang, obwohl aus gutem Hause, der Vater war Fabriksbesitzer, die Mutter Halbjüdin und wurde von den Nazis verfolgt, hat Alfred, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, die bürgerliche Laufbahn nicht geschafft, irgendwas ist da schiefgelaufen, vielleicht war er schon von Kindheit an ein eigenwilliger Knabe, der Nägel sammelte, etc.

Jdenfalls hat er sein Geschichtsstudium nicht geschafft, weil er so gründlich war und mußte nach fünzehn Semestern vom Vater wieder heimberufen werden, keine Doktorarbeit, nicht einmal viele Zeugnisse, dafür Mappen von Vorlesungsmitschriften, jetzt haust er in einer zugemüllten Eigentumswohnung, in einem eher schlechten Viertel, es scheinen auch Zuhälter dort zu wohnen, aus den anderen wurde er hinausgeschmissen, ist aber sehr wohlhabend, denn die Eltern haben ihm nicht nur Geld, sondern auch einen Beckmann und anderes wertvolles Inventar hinterlassen, nur findet man das nicht in der Wohnung nicht, denn Alfred schleppt Gebisse, Sardinenbüchsen, etc, an, häuft das in Gängen in seine Wohnung, wo sich schon die Kakerlaken tummeln, auf die begibt er sich in der Nacht auf Jagd, sonst lebt er von Jopghurt und Milchreis, die leeren Becher inventarisiert er dann und wirft sie nicht weg, seine Zähne sind kaputt, die Hände haben von dem vielen Dreck, in denen er wühlt auch schon Ekzeme und die Freunde, wenn er dann verspätet in den Stammtisch schreitet und dort seine Tomatensuppe löffelt, reden auf ihn ein, doch mal aufzuräumen, zum Zahnarzt zu gehen, sich zu rasieren, etc!

Besonders tut das Uta Aufbau, die Sozialpädagogin, denn die ist ja schon von ihrem Beruf her dazu verpflichtet, sie hat es auch seiner Mutter versprochen und sie spricht auch auf die Freunde ein, Alfred doch nicht zu unterstützen, in dem sie die Geschenke, die er ihnen immer aus den Mülltonnen mitnimmt, annehmen, nein, denn der Leidensdruck muß erhöht werden, erst dann ist Alfred bereit Therapie anzunehmen, wie das wahrscheinlich in den  Therapiebüchern so steht…

Die Freunde haben aber unterschiedliche Interessen, die Schriftstellerin will einen Roman über ihn schreiben, beziehungsweise will das vielleicht Gregor Voss, das sie das tut, Alfred will das auch und die Psychotherapeutin und bildende Künstlerin Kyra, will eine Kunstistallation aus seinen Sachen machen und schleppt auch einen Galeristen an, der ihm am liebsten mit seinem Gerümpel in seiner Galerie, als lebendes Kunstprodukt ausstellen will.

Alfred läßt sich von all dem nicht sehr beirren, denn er hat andere Probleme, die Heizungsableser will in seine Wohnung, ich hatte einmal eine Klientin, die hat mir ähnliches berichtet, das Gesundheitsamt will den Kammerjäger schicken und der Hausmeister bedrängt ihn, er soll einen Keller ausräumen, der ihm nicht gehört, sonnst….

Es gibt auch wilde Gestalten in dem Wohnhaus, die Alfred bedrängen, so larviert er herum, beschwichtigt den Hausmeister und fragt zuerst Rudi  Muster, das ist auch so eine Lichtgestalt, ein ehemaliger Stammtischbesucher, ein Akademiker ohne Geld, der vom Sozialamtlebt, weil er sich nicht verkopfen lassen will und den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen ist, ob er ihn für dreißig Euro in der Stunde, die Sachen aus dem Keller in einen anderen räumt, der ist entsetzt, weil körperliche Arbeit für ihn nicht zumutbar, überfordert ihn ja schon das Maschineschreiben, da trifft er plötzlich eine Matroschka, das ist eine obdachlose Frau ohne Zunge, die wurde ihr, weil verkrebst amputiert und zwischen den Beiden beginnt eine seltsame Liebesbeziehung und weil die Nachbarn ihm bedrohen, darf sie auch in der Wohnung schlafen.

Uta will mit Gewalt diese Zweckbeziehung verhindern, hat am Stammtisch aber wenig Verständnis und es kann erst etwas geschehehn, als Alfred von einer Ratte gebissen wird, eine Sepsis bekommt und ins Spital eingewiesen wird. Jetzt beginnen die Freunde zu handeln, das heißt sie räumen seine Wohnung auf, schmeißen den Müll weg, beziehungsweise fotografiert der Galerist alles und schleppt die Fotos und den Schlaftsessel, im Bett konnte man schon lange nicht mehr schlafen, in die Galerie.

Dora Stein macht auch Aufzeichnungen und Uta räumt mit Hilfe von polnischen Studenten, die in ihrem Hause wohnen, auf und als Alfred entlassen wird, hängt der Beckmann wieder an der Wand, alles glänzt und die Freunde erwarten ihn mit Sekt und Brötchen nach dieser „Eine saubere Wohnung für Alfred-Hilfaktion“.

Es kommt wie es kommen muß, Alfred bekommt einen Tobsuchtsanfall, schmeißt die Freunde hinaus und als er sich in seiner Verzweiflung aus dem Fenster stürzten will, sieht er unten die Stumme auf einem Berg Müll sitzen und winkt sie erleichtert zu sich hinauf.

Die Freunde zerstreiten sich an den nächsten Alfredlosen Stammtischen, war ihre Aktion jetzt gut oder nicht?

Darüber gehen die Meinungen auseinander, Alfred kommt ja nicht mehr und Uta erzählt, er räumt die Sachen aus dem Keller mit der Stummen in seine Wohnung, der Hausmeister ist zufrieden, das Gesundheitsamt und der Heizungsableser auch und die Heizkörper hat Alfred, der sowieso nie heizt, auch noch hinausgeworfen, also alles leiwand und paletti, bis die nächsten Kakerlaken kommen, könnte man so sagen.

Vorerst schon, denn das Semester geht zu Ende, da löst sich der Stammtisch sowieso auf und der Professor zieht sich mit Dora in sein Häuschen am Land zurück und ist nicht mehr erreichbar.

Die Schriftstellerin schreibt ihren Roman, ist aber mit dem Ende unzufrieden. Soll sie es so unbefriedigt enden lassen? ist das Literatur oder war der Anfang richtig?

Nach einigen Wochen kommt der erlösende Brief von Uta mit dem Nachsendungsauftrag, die Sache hat doch eine Wende genommen, denn im Keller von Alfreds Haus hat es gebrannt. Alfred war zwar nicht zu Hause, sondern auf seiner Mülltour, aber die Nachbarn, die zum Teil verletzt wurden und auch Angehörige verloren haben, richten ihre Wut auf den „Sandler“ und sein Kellergerümppel, als Alfred kommt, will er in den Keller, denn da ist ja sein Eigentum, die Feuerwehr läßt ihn nicht hinein. Er fängt zu schreien an, da kommen die zwielichtigen Gestalten, die ihn schon mal bedrohten, heben das kleine dünne Männchen hoch, lassen es in der Luft zappeln und werfen es dann auf den Boden.

Alfred stirbt noch im Krankenwagen, er hat aber ein Testament hinterlassen, die Stumme ist die Erbin, die vorübergehend von Ute aufgenommen wird und ein Blick in die Wohnung zeigt, der Beckmann ist verschwunden.

Ute fügt noch dazu, was die anderen Stammtischbesucher machten, der Galerist und Kyra eine „In Memorian Alfred Irgang Ausstellung“, der Dozent und die Studentin nehmen den Ruf an eine andere Uni an, Uta hat auch noch Rudi in ihr Haus aufgenommen und die Schriftstellerin verspricht den Professor zu heiraten, denn jetzt kann ihr Roman ein gutes Ende nehmen.

Mit einem bösen Lächeln Evelyn Grills wahrscheinlich, endet der Roman und läßt vielleicht ratlose Leser oder viele Fragen zurück.

Denn, wie kann man einen pathologischen Sanmmler wirklich helfen? Die „Sigmund Freund Uni“ versucht es und hat auch eine „Messie Gruppe“. Sie machte auch einen solchen Kongreß und hat Elfriede Gerstl, die ja auch eine Sammlerin war, zum Eröffnungsvortrag oder Lesung eingeladen.

Weniger schwere Fälle lassen sich vielleicht auch freiwillig therapieren und finden Lösungen, wie sie mit ihren Heizungsablesern und Gesundheitsproblemen umgehen können.

Hier hat Evelyn Grill würde ich sagen einen bitterbösen Roman über ein sehr reales Thema, das einen kleinen Teil der Bevölkerung betrifft, geschrieben und da ich auch manchmal mit solchen Klienten arbeitete, kann ich sagen, sie hat es das Milieau und die Schilderung gutgetroffen, wenn auch, wie von der Literatur  ja auch gefordert wird, gelegentlich übertrieben und so ist es ein bitterböser Roman geworden, der Sammler am Ende tot und nur die Schriftstellerin und der Galerist triumphieren.

Aber mit der Schriftstellerin,  Dora Stein, ist ja auch eine Österreichin, hat sich Evelyn Grill am Ende selber an der Nase genommen und sich über sich selber ein bißchen lustig gemacht?

Für mich ist es das beste Evelyn Grill Buch, das ich bisher gelesen habe.

„Vanitas oder Hofstätters Begierden“ ist übrigens 2005 auf die Longlist des dBp gekommen.

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