Literaturgefluester

2015-08-08

Das Fenster

Filed under: Bücher — jancak @ 00:53
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Jetzt kommt das letzte Buch dieses „Augustin-Flohmarktes“, den man eigentlich als Leseprojekt dieses Sommers bezeichnen könnte und eines, vor dem ich mich nicht gerade gefürchtet, ich habe es ja freiwillig genommen, aber doch öfter behauptet habe, daß ich es nicht verstehen werde und es einmal sogar mit Arno Schmidt verglichen habe, nämlich Richard Obermayrs „Fenster“ 2009, bei „Jung und Jung“ erschienen und wahrscheinlich auch Leseexemplar aus Anna Jellers Buchbeständen.

Und es war gar nicht so schlimm, könnte man diese Rezension, beziehungsweise Besprechung beginnen oder „Die Zeit ist es sonderbar Ding“, wie es die Marschalin im „Rosenkavalier““ besingt, der 1970 in Ried im Innkreis geborene Richard Obermayr, von dem Marie Theres Kerschbaumer, als er sich in  die GAV beworben hat, sagte, sie wäre bei seinen Texten nicht sicher gewesen, ob da einer nicht ihre Literaturkenntnisse testen und ihr irgendeinen Text unterjubelt hätte, hat er offenbar nicht und er ist mit seinen“ Sprachräuschen“, wie ich es immer so respektlos nenne, 1996, als ich das einzige Mal  live beim „Bachmannlesen“ war, dort auch nicht sonderlich auf- bzw. durchgefallen.

Dann hat er, glaube ich, bei „Floriana“ und wahrscheinlich noch, wo anders gewonnen.

1998 erschien bei „Jung und Jung“ oder war das damals noch „Residenz“, der erste Roman, „Der gefälschte Himmel“, den ich auf einem der Büchertürme der „Literatur im März“ fand. Ich habe ihn in der Badewanne gelesen, beziehungsweise überflogen, als ich nicht mehr verstanden habe, worum es da ging.

Den „Priessnitz-Preis“ hat er auch gewonnen und aus dem „Fenster“ gelesen und sich im zweiten Roman, für den er mehr als zehn Jahre brauchte, was mich nicht wundert, sich mit der Zeit beschäftigt.

Ein interessantes Thema, woran sich sicher schon andere die Zähne ausgebissen haben, das man essayistisch, philosophisch, als Sachbuch und auch anders behandeln kann.

Richard Obermayer tut es sehr poetisch in seiner sprachbesessenen Art und so bin ich in einigen Badewannensessions mitgewirbelt, habe machmal gedacht, wie langweilig und wer will das Lesenß, meistens aber war ich bemüht, die Handlung, die mir beim Schreiben und beim Lesen ja immer sehr wichtig ist, zu erfassen.

Daniela Strigl hat, glaube ich, in ihrer Rezension geschrieben, kaum glaubt man ein Äutzerl in der Hand zu haben, ist es flugs schon wieder weg. Aber es gibt eine Handlung, wenn auch eine ziemlich ungewöhnliche, nämlich, wie ich es verstanden habe, die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit und das mit vielen schönen Bildern, mit freien Assoziationen ist der Psychologin einmal eingefallen.

Der Ich-Erzähler, der seine Geschichte erzählen will, kommt aber immer wieder auf ihm wichtige Details zurück, die da der Vater und die Mutter wären.

Die Buchvorder- und Rückseite zieren auch ein Familienbild wahrscheinlich aus den Siebzigerjahren, eine Frau mit Kinderwagen, ein Mann mit einem Hut tragenden kleinen Buben auf der Schulter.  Mag das der kleine Richard sein? Dann steht im Klappentext noch etwas von einem „Schuß, einer Pistole und einer Kugel, die durch den Raum fliegt“, darauf wird auch immer Bezug genommen und erschien mir etwas verwirrend oder befremdlich.

Sonst könnte die Psychologin ja sagen, da ist ein junger oder auch älterer Mann und schaut auf sein Leben zurück. Erzählt vom Vater und der Mutter und an einigen Stellen, wo es ein bißchen narrativer wird, auch von seiner Freundin Cäcilia.

Er beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit und das immer wieder mit wunderschönen Sprachbildern und Sätzen, kommt dabei vom Hundersten ins Tausendste und wieder zurück.Fragt sich, ob man seine Vergangenheit einholen, oder anders machen kann? Alles wichtige Themen, mit denen sich wahrscheinlich schon die größten Philosophen beschäftigt haben.

Richard Obermayr tut es sehr poetisch, wiederhole ich mich und er verwendet dabei auch öfter den Satz „Ich erinnere mich“.

Das ist ein literarischer Stil habe ich gelernt und habe auch das Buch von Patrik Ourednik gelesen.

Richard Obermayr oder der Ich- erzähler erinnert sich also an den Vater und seine Mutter, den Vater beschreibt er als sehr apathisch, die Mutter serviert eine Forelle, die Familie ißt Erbsenrahmsuppe, Motive von einem Zirkus und einem Artisten tauchen auf, Theatermotive und dem Zuspätkommen in die Vorststellung, so daß man erst nach der Pause hineinkommen kann.

Die Mutter ist Klavierlehrerin und es gibt auch ein Mädchen, das immer wieder dasselbe Stück falsch spielt, immer wieder die selben Fehler wiederholt, eine andere Klavierlehrerin hat immer zwei Tassen auf den Tisch stehen und serviert ihren Schülern Malzkaffee und Rosinenbrot und es gibt auch immer wieder sehr schöne Sätze und Wendungen, etwa dreißig habe ich mir angestrichen.

„Ob sich der Wanderzirkus der Geschichte noch einmal bei ihnen niederläßt und ein letztes, ein allerletztes Mal eine Vorstellung gibt?“, vielleicht oder „So weit kann das eigene Schicksal zurückreichen. So geduldig kann der Tod sein“.

„Seit dieser Aufführung ist die Kugel unterwegs und fragt sich zu mir durch.“

„Genausogut könnte man fragen: wo hört der Sommer auf und wo beginnt der Herbst“

Ach ja die Geschichte spielt im Sommer. Im August, geht dann nahtlos in den Winter über, wo es plötzlich Schnee gibt und der Protagonist hat es nicht gemerkt.

„Die Zeit ist ein sonderbar Ding!“, wir wissen es und wiederholen es wieder.

Die Mutter ist auch schon  gestorben, während der Erzähler durch das Leben taumelt, um seine Geschichte zu erzählen und dafür einen Anfang sucht.

Begräbnisse werden beschrieben und eines stammt aus einem Buch, das die Mutter gelesen hat. Da kommt ein Artist in den Ort, Schwanenstadt wird öfter erwähnt, wo einer verschwunden ist, dem er sehr ähnlich sieht. So wird ein Begräbnis insziniert, wo er den Toten spielt und so hüpft der Autor, hüpft der Leser  durch das Buch, durch die Zeit und hat einen sehr poetischen Roman über ein sehr wichtiges Thema gelesen.

2010, wo  es erschienen ist, ist es nicht auf der Longlist des dBp gestanden, weil wahrscheinlich dem durchschnittlichen Leser nicht zuzumuten und es wird vielleicht, wenn in fünf Jahren der dritte Roman erscheint, dieser auch nicht darauf stehen, trotzdem und das mag meine Leser nun verwundern, freue ich mich, die mit den bloßen Sprachräusche, der l art pour l art, wo in schönen Worten nichts passiert, darauf und werde ihn, soferne ich ihn finde, begierig lesen und mich wahrscheinlich auch weniger davor fürchten, ob ich alles verstehen werde?

„Als Richard Obermayr vor über zehn Jahren seinen ersten Roman vorlegte, wirkte er ebenso verstörend wie begeisternd. Ein neuer Autor war auf den Plan getreten, dem man Außerordentliches zutraute. Zu Recht: Sein zweiter Roman löst das Versprechen, das der erste gab, auf glänzende  Weise ein.“

Da kann ich nur gespannt sein und werde bis dahin wahrscheinlich weiter realistisch und weniger abgehoben schreiben.

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