Literaturgefluester

2015-08-14

Die Enden der Welt

Filed under: Bücher — jancak @ 10:02
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Obwohl es schon bald ans Longlistenlesen geht, kommt jetzt noch ein richtiges Sommerbuch, ein Reisebuch der Extreme sozusagen, nämlich Roger Willemsen „Die Enden der Welt“ und ich kenne den deutschen  Publizisten und Fernsehmoderator, der morgen sechzig wird, von meinem Frankfurter Buchmessensurfing.

Da wurde er wohl interviewt oder ist mir aufgefallen und dann habe ich sein Reisebuch, wo er wirklich oder metaphorisch, die Enden der Welt erkunden wollte, irgendwann einmal im Schrank gefunden und inzwischen auch das, wo er sich ein Jahr lang ins Parlament setzte und  die Zustände dort beschrieb.

Irgendwie ein seltsames Buch, denn die Welt hat ja kein Ende, sondern ist eine Kugel und man kann sie wohl auch nicht auf einmal bereisen, also sind die Reisen, die in den zweiundzwanzig Kapitel beschrieben werden,  in  drei Jahrzehnten absolviert und Roger Willemsen, entnehme ich „Wikipedia“ ist ein Vielreisender, der viel für Hilfsorganisationen an den Enden unterwegs ist und „Der Aufbruch ist in der Eifel“, da sitzt oder liegt Willemsen am Bett eines krebskranken Jungen, der erfahren hat, daß er bald sterben wird und der sagt, nach dieser Diagnose „Mir ist fad?“

„Wie kann das sein?“, denkt Willemsen, „wenn er doch nur mehr so wenig Zeit zu leben hat?“, legt sich zu ihm und reist mit ihm im Kopf durch die Welt und wo will er hin? Natürlich an das Ende.

Das zweite Kapitel heißt dann  „Gibraltar“ und das ist ein britisches Hoheitsgebiet am Ende von Spanien, beginnt aber in Tokio, wo Willemsen, die vielen gleichgekleideten Mädchen beobachtet und sich sehr einsam fühlt.

So ruft er in Hamburg eine Freundin an und verabredet sich mit ihr zehn Tage später durch Spanien, bis hin nach Marokko zu reisen.

Dann geht es an ein anderes berühmten Ende, nämich an den Himalaya.

Dort interviewt er einen hundertdreijährigen Asketen, der das Ende der Welt schon bald nahen sieht, nimmt an Begräbnisritualen teil und spricht mit Monika, der Leiterin einer Hilfslorganisation.

Ein weiteres Ende ist Isafjördur, in Island, wo schon Jahre keine Morde geschahen, so daß der Polizist im Wirtshaus sitzt und von dem Mann erzählt, der den Duschvorhang im wahrscheinlich einzigen Hotel küßte, als sich dort einmal eine schöne Touristin einquartierte.

„Der letzte Vorhang“ ist, behauptet Willemsen in Afrika, dort gibt es Schwarze, Farbige oder „einfach Afrikaner“ und die wollen, füge ich jetzt mal hinzu, bevorzugt weg vom Ende, in die Festung Europa, riskieren oft ihr Leben dafür und landen, wenn überhaupt in einem überfüllten Erstauflager in Lampedusa oder Traiskirchen.

Dann geht es nach Minsk, Weißrussland, vormals eine der Sowetrepubliken, das merkt man immer noch, schreibt Willemsen, an dem Verordnungswahn, dann geht er ins Krankenhaus und besucht dort einen Alten und legt ihm ein paar Salzgurken an das Bett.

Patagonien, ist, schreibt Willemsen, ein verbotener Ort und  trifft dort Lili, die war sieben und lebte in Santiago, als dort 1973 der Putsch kam, da gab es ab zwanzig Uhr ein Ausgangsverbot, so nahm sie als die Mutter um diese Zeit noch nicht zu Hause war, den  kleinen Bruder an die Hand und irrte mit ihm durch die Straßen, obwohl die Soldaten von den Dächern schossen.

Jetzt ist Lili Selbstversorgerin, schlachtet selbst und kocht Marmelade und mit Willemsen fährt sie in die evakuierte Stadt Chaiten, die das ist seit 2008 dort der Vulkan ausbrach und irrt mit ihm durch die Ruinen, in denen inzwischen Tramper hausen.

In „Timbuktu“ über das ich vor kurzem einen Film gesehen habe, trifft er sich mit den Tuaregs, während er in „Bombay“, das jetzt Mumbai heißt, ein Bordell besucht und in „Tangkiling“ erzählt er zuerst von den Transmigrationsprogrammen der Holländer, die hunderttausende Menschen von Java nach Borneo übersiedelten, dann begleitet er ein  vierzehnjähriges Mädchen, das auf einem Holländerfahrrad, die „schlechte Straße“ ins Gymnasium fährt, dabei oft die Lehrer nicht antrifft, da sich diese lieber auf Land beackern und aufs Goldwaschen verlegen, sich dabei aber eine Atemwegserkrankung zugezogen hat.

Dann geht es nach Sibirien, dort wo früher die Straflager der Verbannten lagen, nach „Kamtschatka“ und nach Petropawlows, der „dreckigsten Stadt“ Russland und dorthin reist man nicht allein, sondern mit der Dolmetscherin Nastja, dem Chauffeur Sergej und Galina für die bürokratischen Angelegenheiten, dann treffen sie noch auf Kolja und Jelena, die zum Kraftwerk wollen. Sie schließen sich ihnen an und am Ende kommt es auch noch zu erotischen Beziehungen mit Jelena.

Die gibt es in Birma, im „Strand“, dem besten Hotel mit der alleinreisenden Britin Belinda, mit der er das Zimmer teilen muß, wahrscheinlich nicht und dann geht es dem schlechten Gewissen wegen des kolonialen Hotels am nächsten Tag mit einem Billigticket nach „Mandalay“ weiter. Dort trifft er in der „Holzklasse“ das Buchbinderpaar Khin Maung und Mariam, die in einer gesperrten Zone wohnen, das Meer sehen wollten, aber keine Erlaubnis dazu bekamen, so daß sie mit ihrem Truthan und der roten Festkleidung, die sie für diese Wallfahrt trugen, wieder zurückmußten.

Zum „Fuciner See“ in die Abbruzzen geht es auch, aber nur, weil Willemsen in den Achtzigerjahren eine Frau in der Nationalbibliothek kennenlernte, die wie besessen an „Kafka“ arbeitete.

Der „Hungerkünstler“ schien sie besonders zu faszinieren, so zog sie sich zur „Auszehrung“ in ein Nonnenkloster zurück. Die Nonnen schmissen sie hinaus, so rief der besorgte Vater, der die Tochter zurück an den See holte, Willemsen an und der fand den See ausgetrocknet, die Tochter noch mehr abgezehrt, die sich dann noch weigerte mit dem Vater im selben Zimmer zu übernachten und heute lebt sie nicht mehr, hat sie doch, wie Willemsen schreibt „ihren Ausgang“ aus den Enden der Welt gefunden.

In Goree, dem „Sicheren Hafen“, eine Insel vor Senegal wurden in den vorigen Jahrhunderten die Sklaven verschickt, man kann das Cape Coast Castle oder das „Dachau Schwarzafrikas“, das inzwischen zu einem Museum gegen Sklaverei geworden ist, heute noch besichtigen.

Nelson Mandela war dort, Johannes Paul II, Bill Clinton und seine Gattin Hillary, während heute die Nachfahren der Sklaven Schmuck und  Sonnenbrillen an die Weißen verkaufen und der Hoteldirektor nachweist, daß „Goree im Sklavenhandel gar keine wichtige Rolle spielte.“

Dann gehts nach Hongkong, dort wo ich mit dem Alfred und der Anna, als es noch eine britische Kolonie gewesen ist, auch ein paar Tage lang war, in einem dieser hohen Hotels wohnte, wo die Gepäcksstücke der An-und Abreisenden unter ein Netz gestapelt werden, durch die Stadt wanderten, nach Vicktoria, wo glaube ich, die langen Rolltreppen sind, hinaufwanderten und auch mit einem Schiff von einem Teil der Insel zur anderen fuhren.

Nach Afghanistan geht es  auch, dort war ich noch nie, dafür kommen, glaube ich, derzeit sehr viele Flüchtlinge von dort zu uns  und Willemsen schildert traditionelle Hochzeiten, wo die Braut noch auf einem Kamel zurm Bräutigam gebracht wird, obwohl es doch schon Motrräder gibt.

Zum Königreich Tonga geht es auch und von dort nach „Toraja“, also wieder nach Indonesien, zu den Totengebräuchen, die, wie wahrscheinlich einiges innerhalb und außerhalb der Ränder, ein wenig makaber sind. Da werden die Verstorbenen nämlich solange aufgebahrt und einbalsamiert, bis man das Geld für die Ochsen, die dann in einem Ritual geschlachtet werden, zusammen hat und die Toten, die man auf den Straßen findet, bleiben einfach liegen.

Im „Kongo“ war ich vor kurzem, obwohl Roger Willemsen vom Außenamt  die Reise abgeraten wurde, zu gefährlich, denn ständig Krieg und Kindersoldaten, aber es gibt auch die Musik und Papa Wemba, einen berühmten Sänger, den Willemsen begleiten oder filmen soll, was auch nicht so einfach ist.

Dann geht es in die Opiumhöhlen von „Chiang Mai“ im Norden Thailands und von dort zurück ins gute alte Italien, wo ich früher auch öfter war, von Florenz nach Orvietto um den berühmten Dom zu besuchen und eine Frau zu besuchen, haben wir es geschnallt, Roger Willemsen ist natürlich ein sehr männlicher Schreiber und dann zum Höhepunkt der Gefühle, an den „Nordpol“, dorthin geht es auch für den Individualisten nur mittels einer Gruppenreise und so habe ich in einigen Badewannesessions in ein paar Tagen, die ganze Welt bereist, obwohl ich ja, wie ich immer schreibe, eigentlich nicht so reiselustig bin und meine Sommer am liebsten in der Sommerfrische von Harland bei St. Pölten verbringe, darüber auch mal einen Sommerroman schreibe und meine Radtouren in Richtung Wilhelms– oder Herzogenburg mache.

Bei Roger Willemsen, dem Intellektuellen, wie ihn die „Amazon Rezensenten“ nennen, von denen viele bei dem Buch ausgestiegen sind und es sowohl mit einem oder auch fünf Sternen bewerten, ist das anders.

Seine schlechte Sprache wird dort, bemängelt, die ist mir naturgemäß nicht aufgefallen, aber auch nicht seine große Intellektualität. Ich denke eher, da ist ein Priveligierter, der es sich leisten kann, um die Welt zu reisen oder dorthin geschickt wird und der in seinem männlichen Selbstbewußtsein etwas oberflächlich darüber plaudert.

Sicherlich sehr spannend, auch für die Nichtreiselustige, obwohl auch ich  bei manchen Kapiteln ausgestiegen bin und jetzt alles Gute Roger Willemsen zum morgigen Geburtstag!

„Keine Ahnung, wo Sie den verbringen werden?“

Am Südpol oder vielleicht auf Recherche im überfüllten Aufnahmelager von Traiskirchen, was zur Abwechlung auch sehr wichtig wäre, bei mir gibt es jedenfalls zwei Geburtstage und ein Fest zu feiern!

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