Literaturgefluester

2015-09-26

Siebentürmeviertel

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:37
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„Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen.“

So beginnt Feridun Zamoglus neuer auf die LL gekommener Roman „Siebentürmeviertel“, der in fast achthundert Seiten, in sehr bildreichen, kraftvollen und wahrscheinlich auch künstlichen Worten, das Leben des kleinen Wolf, in einem Istanbuler Armenviertel erzählt.

Wolf ist sechs und mit fünf ist er mit seinem Vater Franz, einem sozialdemokratischen Lehrer, der sich in der Schule über Hitler lustig machte, nach Istanbul, in das Siebentürmeviertel zu Abdullah, einem Freund des Vaters gekommen.

Aber in Istanbul herrschen strenge Sitten, so muß der Vater bald den Sohn und das Haus des Freundes verlassen, weil Gerüchte aufkommen, daß er dessen Tochter Derya zu Nahe kommt. So bleibt der kleine Wolf alleine in der Gastfamilie, nennt Abdullah bald Vater und balgt oder kämpft mit seinen Freunden auf der Straße, so daß Narben zurückbleiben und er  auch der Narbengesichtige genannt wird. Das Viertel ist voll von Ausländern, Griechen Tschetschenen, Armenier, Juden und  alle kämpfen gegeneinander.

Die Mutter nimmt den Kleinen zu ihren Freundinnen mit, der Vater ins Kaffeehaus, wo Schnaps getrunken wird und so hört und sieht er viel und die kinderlosen Damen des Viertels begeheren auch den Urin des kleinen Bruders, weil sie glauben, daß sie dadurch fruchtbarer werden.

Das Buch ist in zwei Teilen gegliedert, der erste  heißt „Istanbul 1939“ dürfte aber über über einige Jahre spielen, denn Wolf wird eingeschult und macht auch seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht.

Die Haare werden abgeschnitten, in den Vierzigerjahren mußte man wohl in der Schule glatzköpfig sein, am ersten Tag schlägt die schöne Lehrerin, die sich später erhängen wird, die Schüler mit einem Stock, das läßt Bayka Hanim, die Ziehmutter nicht zu, gemeinsam mit Wolf und Derya sucht sie Lehrerin auf und stellt sie zur Rede, die sich dann auch  ändert. Batur, der Sohn ist gestorben, so nimmt Wolf nach und nach seine Stelle an.

Im Zweiten „Istanbul 1949“ ist er Schüler des St. Georgs College, der berühmten österreichischen Schule, die in einem anderen Viertel liegt, wohnt bei einer Tante Rena, die er dann später nicht mehr so nennt, als er sie besteigt und sie ihm in die Liebe einführt, aber die hat er schon in einigen Freudenhäusern erfahren, hat eine Mitschülerin zum „Kußmädchen“ gemacht und seine ehemaligen Spielkameraden werden nach und nach ermordet.

Das sind die Gerüchte, die nächtens durch das Viertel gehen, aber auch die Fehden zwischen den Volksstämmen, Abdullah Bey wird für den selbsternannten Rächer gehalten, den alle fürchten oder verfluchen, während die Tochter Derya, die sich als Lehrerin ausbilden ließ, zur Kommunistin wurde und mit den Bolschwisten bakeln soll.

In der Nacht geschehen die Gewalttaten und die Liebesdienste, während Wolf am Tag brav mit der Schülermütze im Gymnasium sitzt, von der Geschichtslehrerin Frau Schenay unterrichtet wird, der Direktor Liebig wird „Führer“ genannt und eine schöne Griechin ist in den Deutschlehrer Dr. Bernhard verliebt und schickt den Schüler Wolf, den kleinen Arier mit Liebesbriefen zu ihm, er sitzt auch neben seinem Erzfeind, dem Tschetschenen Kurbilay, dessen Vater, die Freunde ermordet haben, während Abdullah Bey wieder für den Tod des Erstgeborenen Kaytun verantwortlich sein soll.

Den Irren am Fenster gibt es auch,  die Herrin des kahlen Baumes und eine paar Katzen mordende Frauen, die in eine Irrenanstalt eingewiesen wurden.

Im Siebentürmeviertel ist man bitter arm, so muß sich Wolf noch als Kind beim einäugigen Krämer verdingen, später arbeitet er als Dolmetscher für den reichen Seyfettin Bey, der seine Frau im Bett mit einem anderen erwischt, aber trotzdem nicht zu der üblichen Blutrache schreitet.

Am Schluß will Vater Franz seinen Sohn nach Deutschland zurücknehmen, der weigert sich aber und bleibt bei seiner Ziehfamilie im Siebentürmeviertel und über den Roman des 1964 in Anatolien geborenen Ferdiun Zaimoglu, der seit fünfundvierzig Jahren in Deutschland lebt, den ich über den Bachmannpreis kennengelernt habe und in Leipzig dabei war, als er den „Preis der Literaturhäuser“ bekam, habe ich in Blogs gelesen, daß hier die umgekehrte Migration beschrieben wird und das Leben im Siebentürmeviertel mit dem Aufwachsen der kleinen Türkenbuben in Neuköln etcetera zu vergleichen ist.

Das mag vielleicht, was die Gewalt betrifft stimmen, dennoch habe ich es als ein sehr „orientalisches Buch“, schon der Sprache wegen erlebt, die wie ich gelesen habe, sehr künstlich sein soll.

Das kann ich nicht so beurteilen, ist es doch der erste Zaimoglu, den ich gelesen habe und ich habe auch lang gebraucht, bis ich in das Buch, das in neununneunzig Kapitel geteilt ist, die alle die neunundneunzig Namen Gottes  tragen, hineingekommen bin, das ich als ein sehr gewalttätig poetisches bezeichnen würde und das auf meine Shortlist kommt, auf der, soweit ich das schon beurteilen kann, inzwischen Jenny Erpenbeck, Key Weyand, Monique Schwitters und Alina Bronsky, also auch eine ziemliche Bandbreite stehen und, daß es nicht auf die wirkliche echte gekommen ist, finde ich sehr schade.

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