Literaturgefluester

2015-10-03

Das Tortenprotokoll

„Ein Roman über das österreichische Rezept, sich die Vergangenheit und deren Schmerz mit Torten und Tascherln vom Leib“ zu halten“, steht am Buchrücken von Marianne Jungmaiers bei „Kremayr und Scheriau“ erschienenen Debutroman „Das Tortenprotokoll“, in dem die Ich-Erzählerin Friederike von ihren Eltern aus Berlin in das heimatliche Dorf geholt wird, weil die Großmutter gestorben ist.

Und die 1985 in Linz geborene Marianne Jungmaier, eine sich in einem Polstersessel räkelnde junge Frau mit rot geschminken Lippen, schwarzen Pulli, schwarzen Stiefelchen und Leggings im Leopardenmuster, die digitales Fernsehen, Filmwissenschaften und Journalismus studierte, seit 2011 freischaffende Autorin ist, lebt auch in Berlin und anderswo, wie am Klappentext zu ersehen ist.

Ich habe sie einmal bei einer Lesung in der „Alten Schmiede“ gehört, werde sie wahrscheinlich auch bei ihrer GAV-Antrittslesung am 23. Oktober hören und war vor einigen Tagen bei der Vorstellung des jungen Literaturprogramms, das es jetzt bei „Kremayr und Scheriau“ gibt.

Sie sei auf Marianne Jungmayr bei einer Lesung im Salzburger Literaturhaus aufmerksam geworden, erklärte dort, glaube ich, die Lektorin Ursula Eibel und das Buch ist, wie wahrscheinlich viele Debutromane in einer schönen, vielleicht ein wenig widersprüchigen Sprache geschrieben „Ich habe noch nie jemanden verloren, jedenfalls nicht absichtslos“ oder „Tobi, mit dem ich aufgewachsen war, der mir mehr Bruder war als meine Schwester“, wahrscheinlich hat sie auch an der „Leondinger Akademie“ studiert, auf jedenfalls wird Gustav Ernst am Schluß gedankt und beschrieben wird, wie wahrscheinlich auch in vielen Debutroman, die Kindheit und das Aufwachsen in der Provinz.

Trotzdem ist das Dorf, in dem Friederike, sie heißt so, wie ihre Großmutter, eigentlich keines aus den Achtziger und Neunzigerjahren, zumindest erinnert es mich stark an die, die ich aus den Fünfziger-und Sechzigerjahren kenne.

Da stehen die Marmeladegläster in den Kellern auf den Regalen und die Großmutter, die wieder einerseits als strenge Frau geschildert wird, die Fliegen tötete, andererseits aber der Sehnsuchtsort der kleinen Friederike war, denn bei ihren Eltern ist es noch gefühlloser zugegangen, denn die haben ihr in Friederikes Empfinden immer signalisiert, nicht erwünscht zu sein, stand den ganzen Tage in der Küche, buk Torten, kochte ein, versorgte die Hendln und das Gemüse und sie versorgte auch noch einen anderen Haushalt. Wohnte sie doch in einem Ausziehhäuschen, zwischen dem Haus von Friederikes Eltern und denen von Tobi und der war Friederikes Jugendfreund und Spielkamerad und  dessen Großvater Emil, seine Mutter war depressiv, der Vater sonst irgenwie unbrauchbar, die Großmutter versorgte. Der ist dann gestorben, als die Kinder sechs und sieben  waren und jetzt kommt Friederike heim, um am Begräbnis der Großmutter teilzunehmen, das ihre Eltern und ihre Schwester schon eifrig vorbereiten. Sich darum kümmern, wer eingeladen wird, was es zum Essen gibt. Sonst wird über Gefühle nicht geredet. So geht Friederike in das Haus der Großmutter und sucht nach dem „Tortenprotokoll“, das ist die Rezeptsammlung der Großmutter, in der sie alle Zutaten für die Apfel-und die Eierlikörtorten aufnotierte und in dem findet sie  einen Liebesbrief, in dem ein Mann in schönen Worten von seinen Gefühlen zu der Großmutter schreibt, von Gefühlen für die in der Familie nie Zeit war oder die immer über  das Essen von Torten, Mehlspeisen, Keksen ausgetragen wurden.

Vom Übergewicht ist in dem Buch eigentlich nie die Rede, immer nur von der Gefühls-und Lieblosigkeit und so beliben auch die Gefühle Friederikes zu Tobi, dem Jungenfreund irgendwie vage.

Nach dem Bebgräbnis verläßt sie jedenfalls den Ort mit Gegenständen aus ihrem Jungendzimmer, das sie in der Nacht ausräumte und dem Tortenprotokoll, das inzwischen von anderen Verwandten gesucht und nicht gefunden wurde, um nach Berlin zurück zu kehren, wo sie zwar keine Familie, aber offenbar eher eine Heimat hat und man weiß nicht recht, ob sie ihm böse ist, weil er von dem Geheimnis der Großmutter zu seinem Großvater wußte, es aber niemanden in der Familie verraten wollte und auch den Vater kann sie nicht verstehen, der nicht reagiert, als sie ihm einen der Liebesbriefe vorliest.

Denn das kann es doch nicht geben, eine Liebe zwischen einer alten Frau und einem alten Mann, die Großmutter sollte nach dem Krebstod des Großvaters gefälligst mit den drei Kindern allein zurückbleiben und deshalb hat sie sich in dieser Sprach- und Gefühllosigkeit wahrscheinlich auch für die Heimlichkeit entschieden und darauf verzichtet, mit Emil Reisen auf Reisen zu gehen und ist stattdessen jeden Tag in sein Haus hinübergegangen, um ihm und wahrscheinlich auch Tobi und seinen Eltern, die schönsten Torten, Strudeln, Kuchen zu backen.

Ja Liebe geht durch den Magen und Linz  ist nicht so weit von dem Ort entfernt, wo Thomas Bernhard seine  Schimpftiraden auf dieses böse Österreich und dessen Gefühlskälte schrieb.

Ein Roman in dessen Tradition wahrscheinlich, der mir in seiner österreichischen Art gefallen hat, obwohl es  nicht wirklich etwas Neues ist, was diese junge Frau erlebte. Man kann es wahrscheinlich in vielen Debutromanen lesen und, ob man die zwei Tortenrezepte, die in dem Buch enthalten sind, nachbacken kann, müßte  ich erst ausprobieren.

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