Literaturgefluester

2015-10-04

Wir zerschneiden die Schwerkraft

Die 1984 in Salzburg geborene Irmgard Fuchs, die ich von den „Studentenlesungen“ kenne, dann im „MUSA“, weil sie für ihren Erzählband ja Stadt-Wien Stipendiatin war und bei Christine Hubers „DichtFest“ hörte, war für mich eine Überraschung.

Denn die über Dreißigjährige, die auch einen sehr freundlichen sympathischen Eindruck macht, bringt es zusammen, einen ohne làrt pour l`art Sprachräusche und Flucht in das vorige Jahrhundert einen neuen frischen Ton in die Literatur zu bringen, erzählt von Einsamkeit, prekären Verhältnissen und löst mit einer neuen frischen Sprachen durchaus Beklemmung und Räsel aus.

So soll Literatur sein, denke ich und so würde ich es auch gern können, ein bißchen poetischer in meinem Realismus sein. Irmgard Fuchs macht es mir vor und ich habe ihren bei „Kremayr und Scheriau“ erschinenen Debutband „Wir zerschneiden die Schwerkraft“ gelesen

Neun Erzählungen, für die sie, wie sie bei der Präsentation in der „Gesellschaft der Literatur“ erzählte, eine Menge Titel hatte, dieser ist finde ich, ein durchaus passender, denn er drückt genau aus um was es da geht und was ich mir auch manchmal denke, das Elend des Menschen und wie es dem Durchschnittsmenschen geht, wenn er nicht zu den Celbrities gehört, aber durchaus einen bekömmlichen Lebenstandard hat.

Oder auch nicht, so ganz sicher ist das nicht und da gibt schon die erste Geschichte, die ich, glaube ich auch damals im „Musa“ hörte, einige Fragen auf. Denn da ist eine zulangsam für den Arbeitsmarkt. So schraubt sie Kugelschreiber zusammen und weil man ihren Freund an das andere Ende der Welt versetzte, ist sie sehr allein. Sie hat zwar eine Katze, aber sonst nicht viel Kontakt zur Umwelt, so zählt sie Ameisen und legt manchmal Kugelschreiber auf die Straße, um zu beobachten, wer sich darum bückt und sie kommt auch auf die Idee einen Brief mit einer Rakete in die Luft zu schicken, um denen von oben von der Welt unten zu erzählen.

Damit geht es gleich weiter, mit dem Leben einer Kartenabreißerin, die sich während sich das Publikum im Kozertsaal berauscht, Katstrophen ausdenkt.

„Was ist schlimmer Feuer oder Wasser?“

Das fragt sie ihren Ex.Mann, der paradoxerweise zu ihrem Geburtstagsfest kommt, dafür bäckt sie einen Kuchen und kauft auch Schlagobers, das ihr aber blöderweise vor der Kassa aus der Hand fällt.

Dann geht es in den Zirkus, dahin nimmt ein paar zwei „Attrappenkinder“ mit, denen sie dafür soviel Süßigkeiten bis sie speiben versprechen, denn man geht ja nicht ohne Kind dorthin. Der Mann will aber keine Kinder, weil in Zeiten, wie diesen….

Er ist auch sehr umweltbewußt, sammelt die Schnecken aus dem Schrebergärtchen ein und trägt sie in den Wald. An diesem Abend nach der Zirkusvorstellung tut es die Frau und kommt wahrscheinlich nicht mehr zurück.

Danach wacht eine auf, hat Zahnschmerzen, hat vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf geträumt, geht am Sonntag durch die Stadt spazieren, lernt einen entlassenen Mörder kennen und in der Mülltone liegen die toten Goldfische.

That ist live,  im wirklichen Leben ist es wahrscheinlich noch trivialer, Irmgard Fuchs schmückt es als Sprachkunststudentin natürlich entsprechend aus, sie tut es aber auf eine Art un Weise, wie ich es noch nicht gelesen habe.

Surrealer wird es dann in den „Einhundersechzehn interstellaren Abbildungen“ und man könnte sich fragen, wird hier eine Psychose oder der ganz normale Wahnsinn des alltäglichen Lebens beschrieben?

Aber das trifft für alle Geschichten zu, Irmgard Fuchs hat nur den realen Ton in dem sie prekäres Leben schildert, das sie vielleicht selbst erlebte.

Wenn das Ich dann hungrig durch die Fastfoodtempeln einer Kleinstadt geht, nach dem sie von  Mc Donald Säcken der Sitznachbarn im Zug dorthin fuhr und dann noch verwechselt wird, ist vielleicht nur mehr die Irrealität zu spüren und ich frage mich auch, ob der Richard, der dann aus dem Entspannungsprobetraining, wie einige andere Prototagnosten der Erzählungen auch, nicht mehr zurückkehrt jetzt ein „Burn out“- oder ein „Bourn out  Verhinderungstraining“ machte?

Die akkurate Psychologin fragt sich das. Irmgard Fuchs wird hier wohl wieder listig mit der Ironie gespielt haben. Dann soll ein alter Mann in ein Altersheim, weil seine Frau schon längst tot am Küchentisch sitzt, so habe ich es mir jedenfalls gedeutet. Er putzt wie wild die Wohnung und verschwindet dann mit einem Koffer ins All.

Ja, ja das ist Surreale, mit dem ich doch so wenig anfangen kann oder ist es nur ein Abwehrmechanismus oder eine poetischere Beschreibung für den Tod?

Am Schluß kommen die „Bewerbungsschreiben“, die ich schon  in der „Gesellschaft“ hörte. Auch hier verschwindet schließlich die, die vorher in Zeiten wie diesen verzweifelt einen Job suchte, ins Nichts oder auf eine Insel und auf dem Klappentext steht „Die Figuren zweifeln an sich selbst, an der Wirklichkeit und an der Welt im Allgemeinen. Sie haben ihre Schwerkraft verloren, gewinnen dadurch allerdings eine Freiheit, die es ihnen erlaubt, anders zu sein.“

Das würde ich nun bezweifeln, beziehungsweise habe ich die Geschichten anders gelesen.

„Poetische und schräge Geschichten vom Zweifel an der Welt und an der eigenen Daseinsberechtigung“, bleiben es allemal.

Irmgard Fuchs, wie weiter im Klappentext steht „beeindruckt durch ihren genauen Blick und ihren eigenwilligen Ton, der poetisch, leicht, verträumt und ironisch zugleich ist.“

Lesen würde ich raten, weil die Releaseparty im „Siebenstern“ ja schon vorüber ist.

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