Literaturgefluester

2015-10-31

Eigentlich müßten wir tanzen

Jetzt kommt buch neunzehn meines heurigen Buchpreisbloggens, nämlich Heinz Helles „Eigentlich müßten wir tanzen“, das dritte oder vierte Buch mit Endzeitstimmung von der Liste und wahrscheinlich, das brutalste, männlichste.

Valerie Fritsch war ja sehr poetisch, Ulrich Peltzers Globalisierungsroman, den man vielleicht auch diesbezüglich einordnen könnte, mir zu kompliziert geschrieben und Ulrich Lapperts „Über den Winter“, der wahrscheinlich, neben dem Setz, mein bisheriger Favorit wäre, ein Buch über die Midlifekrise, die dann ein wahrscheinlich positiveres Ende findet, aber das Leben ist endlich und irgendwann sterben wir alle und wenn wir das auch nicht in realen verlassenen Welten tun, kann man das im Gitterbett mit Alzheimer in einer überforderten Pflegestation oder wenn man zu Hause verhungert, vielleicht ähnlich empfinden…

Interessant ist sicher, daß soviel Winter beiden heurigen LL-Büchern vorkommt, soviel Endzeitstimmung, Jenny Erpenbeck zeigt vielleicht auch Ähnliches und die Flüchtlingswelle überrollt uns gerade, obwohl wir  noch oder auch wahrscheinlich weiterhin gut leben….

Der 1978 in München geborene und in Zürich lebende Heinz Helle, der das Schweizer Literaturinstiut absolvierte und 2013 beim Bachmannpreis mit „Wir sind schön“ gelesen und den „Ernst Willner Preis“ gewonnen hat, hat eine schöne, klar präzise Sprache, nicht so kitschig blumig, wie Valerie Fritsch, sondern hart, brutal, männlich, wie es bei einem Weltuntergang vielleicht sein muß, schildert er die Apokalypse und hat mir vielleicht gerade deshalb nicht so gefallen, denn ich bin ja nicht für das Brutale Aggressive und Marlen Haushofers „Wand“ ähnlich aussichtslos, ist vielleicht weiblicher geschildert.

Da sind fünf junge Männer für ein paar Tage auf eine Berghütte gezogen, um sich dort anzusaufen, sie machen das schon seit Jahren und als sie am letzten Tag mit ihren Kaffeebechern vor die Hütte treten, sehen sie hinab in ein brennendes Dorf und der Untergang hat begonnen.

Auf hunderteinundsiebzig Seiten,  in neunundsechzig sehr kurzen Kapiteln wird das nicht sehr chronologisch und auch nicht zusammenhängend geschildert, von der Stimmung her muß das wohl auch sein und ich würde es als einen sehr kalten,  harten Roman ohne viel Gefühle bezeichnen.

Es ist ja auch Winter oder auch nicht, denn irgenwann wird der April und das knospende grün der Bäume geschildert und einige der jungen Männer haben das Ganze auch ein paar Wochen überlebt, bevor sie  aufgeben uns sich mit einem Messer die Schlagadern aufschneiden.

Vorher passiert noch sehr viel und es sind wirklich schöne Bilder in denen das Brutale geschildert wird und natürlich ist das Ganze auch ein bißchen unlogisch, wahrscheinlich weil sich niemand ein Weltuntergangsszenario wirklich vorstellen kann. Die Häuser brennen, gut, aber wo sind die Menschen? Ein paar Leichen liegen herum ja, aber die Lebensmittel müßten überbleiben, gut sie sind verkohlt, aber schön der Reihe nach, obwohl es die ja nicht wirklich gibt, denn Heinz Helle springt gleich hinein und erzählt erst später nach und nach, wie das alles gekommen ist.

So beginnt es gleichmit einer Vergewaltigung, irgendwo liegt eine Frau und die Fünf,  darunter ein Molekularbilologe, ein Architekt, ein Pilot, ein Versicherungsmakler, einer der ein Exportgeschäft überwacht, stürzen sich auf sie und lassen sie dann zurück, ein Kind mit toten Eltern taucht auf  und Container mit Kühlschränken, verlassene Diskotheken und Supermärkte, in die man hineinkriechen kann, die fünf bewegen sich aber auch viel im Wald. Einer bricht sich bald das Bein und wird zurückgelassen.

Nach und nach wird es dann konkreter, man erfährt, von dem brennenden Dorf, das die Fünf von oben sahen, sie gehen hinunter, sehen eine Autoschlange, die sich im Kreisverkehr verknotete, die Menschen alle weg, auch die aus einem Bus, den sie später finden. Sie kommen zu einer Talstation und einem verlassenen Haus, finden dort noch Bier, alte Sandwiches, Gurken und Betten ohne Matrazzen. Dort tanzen sie die Nacht durch, später irren sie durch die Wälder, essen Tiere, machen Feuer, blenden in ihr früheres Leben zurück, stellen sich vor, was sie nachher machen werden, ein Pissoir für Frauen erfinden oder eine Fernsehshow, wo Häuser in Straßen mit furchtbaren Namen zu gewinnen sind.

Beim Aufstemmen des Containers mit den Kühlschränken kommt noch einer um, dann kehren sie zu der Hütte zurück, finden dort einen Mann im Bett, da stirbt der Dritte, die zwei andere schlagen den Schädel des Angreifers ein, vergraben ihn und verlassen dann nach Tagen halb verhungert die Welt, nicht ohne in die Vison von einem schönen Leben zurückzukehren: „Wenn eines Tages doch noch einmal ein ganzu normaler Montag kommen sollte, von mir aus auch im November, werde ich beim Signal des Weckers um sechs Uhr dreißig aus meinem Bett springen wie das Sankt Petersburger Ballet…“

Die Bücherblogger haben das Buch auf ihre Shortlist gesetzt, zwei von ihnen haben es auch gelesen und ich werde mein dBp-Bloggen jetzt vorläufig beenden, beziehungsweise auf mein Geburtstagstagsfest und darauf warten, ob mir die Trude den Frank Witzel bringt.

Dann gibt es noch ein Resumee, ansonsten kann ich auf meine bisherigen Artikel verweisen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12  und schreiben, das Buchpreisbloggen war sehr schön, interessant, informativ und ich habe viel dabei gelernt, aber natürlich nur neunzehn Bücher aus einer Flut von Neuerscheinungen gelesen.

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