Literaturgefluester

2015-11-12

Am Ufer

Nun kommt ein schon ziemlich aufgelöstes Leseexemplar von Rafael Chirbes „Am Ufer“.

„Liebe Kollegen, bitte keine Besprechungen vor dem 15. 1. 2014“ und nach dieser Zeit habe ich das Buch, es hatte, glaube ich, schon einen zerknitterten Rücken, irgendwo in den Schränken gefunden und Rafael Chirbes, von dem ich jetzt erst mitbekommen habe, daß er am fünfzehnten August gestorben ist, habe ich und da bin ich stolz darauf, bei meinem ersten Frankfurt-Buchmessensurfen 2008 kennengelernt.

Da wurde „Krematorium“ vorgestellt, daß ich dann in einer Abverkaufkiste fand und daß ich „Mimoun“ schon 2005 oder 2006 in der „Buchlandungs-Abverkaufskiste“ auf der Mariahilfestraße, um einen Euro kaufte, bin ich auch erst später daraufgekommen und habe den Spaner damals wohl auch wegen der „Wagenbach-Ausgabe“ für einen Italiener gehalten.

„Krematorium“ Ende 2013 gelesen hat mir dann gar nicht so gefallen und „Am Ufer“, jetzt ist die Immobilienblase endgültig zerplatzt und alles in den Bach beziehungsweise in den Sumpf hinuntergeschwommen, ist, würde ich sagen ein fast ähnlich schwer zu lesendes Buch, wie der Ulrich Peltzer und ich würde auch gerne wissen, wie die Bucherblogger mit ihm umgegangen sind oder es würden?

Denn dieser endlos Monolog des Don Estebans liest sich nicht einfach und es gibt auch immer wieder zwischendurch kursiv eingestreute andere Erzählstimmen, so habe ich fast eine Woche dazu gebraucht, obwohl auch bei mir andere Bücher warten, beispielsweise der Frank Witzel, aber um diesen Unbill vorzubeugen, gibt es ein beigelegtes Blatt, auf dem alle bzw. die meisten Personen angegeben sind.

Es ist ja ein besonderes Buch, „mein persönliches Leseexemplar“, das ich da gefunden habe.

Es gibt ein Vorwort von Antje Kunstmann, der Verlegerin an die „Lieben Kolleginnen, liebe Kollegen!!“, ob die Buchhändler damit gemeint sind und ein beigelegtes Faxformular für Rückmeldungen. Dann ein Bild von Rafael Chirbes und ein Portrait von ihm, wo sein Leben geschildert wird und er selbst sagt, daß er jetzt nicht mehr viel schreiben und mehr kochen würde.

Das ist jetzt auch vorbei und „Am Ufer“ höchstwahrscheinlich, der letzte Chirbes, der erscheint, aber nicht der, den ich lesen werde, denn da gibt es ja außer „Mimoun“  noch den „Fall von Madrid“, ebenfalls ein Fund aus dem Bücherschrank auf meiner Leseliste.

Man sieht, ich bin fast eine Chirbes-pezialistin und seine Themen, seine sozialkritischen Anklagen müßten mir ja auch sehr liegen, sein männlicher Ton, in dem er da von den Huren und anderen Freuden des Mannes erzählt, eher nicht.

Aber alles in allem hat mir das Buch gefallen, obwohl ich mir öfter dachte, wenn ich einen solchen Endlosmonolog abliefere, schmeißen ihn mir die Leute vor die Füße, aber das tue ich ja auch, wenn auch in einer weiblicheren stilleren Art.

Da sind also vierhundert Seiten, die vom Niedergang des spanischen oder  überhaupt  des allgemeinen Globalisierungsleben erzählen.

Das erste Kapitel ist sehr kurz, da geht Ahmed, der in Don Estebans Schreinerei gearbeitet hat, bevor diese geschloßen wurde, in den Sumpf, sieht dort menschliche Gebeine und ein abgefacktes Auto und flieht aus Angst von der Polizei behelligt zu werden. Dann kommt der Hauptteil des Buches, nämlich fast vierhundert Seiten, in denen Don Esteban sein Leben schildert, bevor er und sein Vater in den Sumpf gehen, weil er ein Opfer der Spekulanten geworden ist, die Schreinerei beschlagnahmt, kein Geld mehr im Haus, die kolumbianische Pflegerin entlassen, die anderen Arbeiter arbeitslos, etcertera und der, der ihn in den Ruin getrieben hat, der Bauunternehmener Pedros tafelt   im dritten kurzen „Exodus“ mit anderen Bauunternehmern Hummer, Süßigkeiten, Paella, etcetera bis wahrscheinlich zum Exodus, denn er hat sich rechtzeitig mit Estebans Geld abgesetzt und der hat die Scheiße auszulöffeln.

Das ist jetzt wieder eine Kurzfassung des Inhaltes, den man sich eigentlich auch aus der Beschreibung und den Beilagen zusammenreimen kann.

Wozu so kompliziert, könnte man dann fragen?

Die ganze spanische Geschichte kommt noch herein und es wird auch genau erläutert, daß der Mensch eine Bestie ist, weil er  Fisch ißt, Tiere schießt, beziehungsweise, das, was eigentlich stinkt, als teuere Delikatessen verkauft, die anderen Menschen ausbeutet, verkauft, versklavt, etcetera.

Der Straßenstrich wird geschildert zu dem dann die ausländischen Arbeiter und die Fernfahrer gehen und die Unterdrückung der kolumbianischen Pflegerin Liliana, die vorher Don Estebans alten Vater pflegte.

Jetzt tut er das allein, wäscht ihm, wechselt ihm die Windeln und hat vielleicht auch Schuldgefühle, denn er hat ja das Familienunternehmen verspekuliert. Er hat aber  auch nicht Schreiner werden wollen, sondern wurde von seinem Vater und seinem Großvater dazu gezwungen, die aus sozialistischen Familien kamen. Der Vater hat eine Bauerntochter geheiratet und sein Freund Francisco, der Gourmetkritiker kam auch aus besseren Kreisen, mit dessen verstorbener Frau Leonor er ein Verhältnis hatte und so spult sich sein ganzes Leben ab, bevor dann das passiert, wovor der markkanische Ex-Arbeiter am Anfang flüchtete.

Rafael Chirbes nimmt sich kein Blatt vor den Mund, erzählt alles in einer rauhen deftigen Sprache und hat  damit wahrscheinlich auch sein Leben zu Ende erzählt. Denn er ist ja inzwischen auch in die Sümpfe gegangen und das, was von der Spanischen oder Weltwirtschaftskrise übergeblieben ist, können wir täglich im Radio oder Fernsehen verfolgen.

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