Literaturgefluester

2015-11-13

Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenanger im Sommer 1969

So alle LL-Bücher ausgelesen und bin damit, soweit ich weiß, ziemlich einzigartig unterwegs, „Zeilensprünge“ haben es noch getan und der Otto hat sich alle gekauft um mir zwei davon zum Lesen überlassen, so daß er zumindest den Vladimir Vertlib noch nicht gelesen hat, denn den hat er mir in der Plastikhülle verpackt übergeben.

Was habe ich davon habe, werden meine Leser vielleicht fragen? Viel ist die Antwort, obwohl mein Bemühen in Bloggerkreisen ziemlich unbemerkt geblieben ist und sogar zur Löschung meiner Verlinkungen geführt hat.

Aber ich habe jetzt einen einmaligen Einblick welche Bücher da für den deutschen Buchpreis und damit, wie ich behaupte, auch für den Weihnachtstisch ausgesucht wurden und weil ich bei den früheren dBps ja immer nur „theoretisch“ mitgemischt habe, kann ich auch nicht sagen, ob die heurige Auswahl normal oder etwas Besonderes war?

Es waren aber einige sehr dicke Bücher und ein sehr schwer zu Lesendes dabei und, wie es der Zufall wollte, ist das Buchpreisbuch erst ganz zum Schluß, als ich schon meine Shortlist und meinen Sieger hatte zu mir gekommen und kann nur sagen, es ist ebenfalls ein „irres“ Buch.

Da ich mich da für die deutsche Geschichte, das dritte Reich, die DDR, die RAF, die Studentenbewegung, etc, sehr interessierte, hat mich das Buch schon im August bei der Longlistbekanntgabe sehr interessiert.

„Matthes und Seitz“ haben es mir nicht geschickt, in den St. Pöltner Buchhandlungen war es, als ich mit dem Alfred zweimal dorthin kaufen ging, nicht zu bekommen. Der Otto hat es gerade gelesen, als er mir den Vertlib und den Peltzer brachte, aber da habe ich es mir von meiner lieben Schulfreundin Trude, die mir zum Geburtstagsfest immer ein Buch bringt und zweimal eines erwischte, daß ich schon vom Alfred hatte, gewünscht, nun also ganz zum Schluß das irre Buch, das der Preisträger bei der Preisverleihung, glaube ich, selbst als solches bezeichnet hat und sich wunderte, daß er auf die Shortlist kam.

Eine Menge Verlage haben es, glaube ich, auch vorher abgelehnt, zwölf Jahre dürfte er daran geschrieben haben, Ingo Schulze und und Thomas Meinecke haben den1955 in Wiesbaden geborenen Schriftsteller, Zeichner und Musiker, von dem ich vorher noch nie etwas hörte, unterstützt und ich würde es neben das Richter-Buch, das lange nicht so surreal ist und vielleicht deshalb im Lesereigen der dicken Bücher etwas untergegangen ist, einreihen.

Die sogenannten offiziellen Bücherblogger, die ja gar nicht soviel gelesen haben, sondern oft nach dem Anlesen  weggeschmissen oder abgebrochen, haben es, glaube ich, auch eher vermieden.

Der Kaffeehaussitzer und Jochen Kienbaum haben es aber gelesen und für den war es auch der Favoriti und mich würde jetzt interessieren, was Tobias Nazemi, der ja den Peltzer abbrach und sich beim Setz darüber beschwerte, daß er so lang sei und ihm am Lesen seiner anderen Bücher hinderte, dazu sagen würde und wann und, ob er das Buch abbrechen würde?

Auf den „Amazon-Seiten“ gibt es die übliche Diskussion, die es schon beim Setz gab, die einen vergleichen es mit Musil, die anderen sagen „Unbrauchbar, so eine Zumutung, welch ein Quatsch, wer wird das lesen?“

Das ist auch eine Frage, die mich beschäftigt und ich bin ja wahrscheinlich eine Überdurchschnittsleserin, eine, die eine knappe Woche dazu brauchte, die nicht abgebrochen hat, obwohl ich manches nicht verstanden und daher überlesen habe.

Der Stil ist aber flüßiger, als beim Peltzer und mein Favorit beezüglich des surrealen-Verrückten, bleibt, glaube ich, der Setz, da ist mir als Psychologin und Psychotherapeutin wohl der Inhalt näher.

Borderlinepersönlichkeiten und Behindertenbetreuer interessiern mich eben, obwohl es in dem Buch  auch darum geht und der Teenager, wie ja schon der Titel sagt, psychisch auffällig ist.

Also durch die achtunhundert Seiten, die kein Chronologie haben, so daß ich jetzt eigentlich noch nicht sagen kann, was da  der Anfang ist und warum es geht?

Um die Weltgeschichte, um das Aufwachsen im katholischen Nachkriegsdeutschland, der fünfziger und sechziger Jahre, um Borderline und Bipolitarität umd Schuld und Sühne oder vielleicht, um etwas ganz anders?

Richtig um die Musik der Beatles und Co, wo ich mich nicht so auskenne und nicht so interessiere, geht es auch und wenn ich es mir interpretieren sollte, würde ich sagen, es geht um die Vergangenheitsbewältigung eines später Geborenen, wieder auf eine ungewöhnliche Art, wie es auch Peter Richter mit seinem Jugendlichen in der DDR zwischen 1989 und 1990 versucht hat.

Der Jugendliche, um den es geht, ist 1969 dreizehn oder dreizehneinhalb und heißt entweder Timo vom Heiligen Timotheus, dem Schutzpatron für das Bauchweh oder Frank Witzel selbst und der wurde  auch 1955 in Wiesbaden geboren, das, wenn ich es richtig verstanden habe, in der Nähe von Bibrich ist, wo der Jugendliche, Sohn eines Fabrikanten, lebt.

Die Mutter hatte einen Schlaganfall oder eine ähnliche Krankheit, wird aber später wieder gesund, deshalb ist eine Frau von der „Caritas“ im Haus und daran entknüpfen sich die Fantasien des Heranwachsenenden, der sich mit seinem Freund Bernd und seiner Freundin Claudia ganz am Anfang  eine Verfolgungsjagd mit der Polizei bietet.

Aus Wasserpistolen wird geschoßen, Spielzeuge werden im Auto vergessen, im Fernsehen berichten sie dann von Terrorüberfällen in denen die Jugendlichen verwickelt sein sollen. Die Frau von der „Caritas“ schöpft Verdacht, wird dafür in der Phantasie oder in der Wirklichkeit vom Erzähler in der DDR geschickt, wo es ganz furchtbar ist und man statt Schokolade, nur hartes Brot mit Kakakopulver hat.

Die Frau von der „Caritas“ taucht dann als DDR- Funktionärin in Uniform wieder auf und die Jugendlichen, die inzwischen auch eine Bank überfallen haben und einen Obdachlosen mit einer Flasche Whisky vergifteten, werden dorthin gebracht, erfahren es gibt Salami, die besser als die Westdeutsche schmeckt und werden von der „Caritas-Frau“ in Unform wieder zurück ins Heimatstädtchen gebracht.

Dazwischen, davor oder danach, das habe ich nicht ganz herausgekriegt, gibt es einen Sanatoriumsaufenthalt des Jugendlichen, der sehr schlecht in der Schule ist, er kommt auch vorher oder nachher in ein Konvikt und soll Priester werden und wie das offenbar im Mief der Sechzigerjahre so war, streiten sich dann der Psychiater oder Psychologe, dem Dr. Märklin werden beide Berufe zugeordnet, obwohl doch der Psychiater Medizin und der Psychologie Psychologie studierte, mit dem Pfarrer über Gut und Böse beziehunsweise über den kleinen Patienten.

Es kommen auch immer wieder Kapitel vor, die sich mit der „Erfindung der Freundlichkeit“ etc beschäftigen und  am Schluß gibt es ein Register, wo Begriffe, wie Paul, Robinien, etc den Seiten, wo sie vorkommen, zugeordnet werden. Was soll das?, man könnte man fragen, als aber irgendwo auf den siebenhunderter Seiten, der Jugendliche erklärt, daß der das mit der RAF nur erfunden hat, weil er verschleiern wollte, was er im Sommer 1969 wirklich tat, nämlich nach London fuhr und dort offenbar einen Sänger in einem Schwimminbpool ertränkte, habe ich nachgeschaut wo „Gibber Kerb“, ein Begriff, der mir nichts sagte, vorkommt, um besser zu verstehen.

Der erwachsenen gewordene Teenanger taucht auch immer wieder auf, will in die Klinik für Boderlinestörung in Hamburg Eppendorf, ist mit einer Frau namens Gernika zusammen, hält einen Vortrag an dieser Klinik und Theaterspiele für die Patienten, wo der Nationalsozialismus oder die Weltgeschichte erklärt werden, kommen auch  vor, wie vieles andere, was ich jetzt auslasse, um nicht so fürchterlich zu spoilern und das Lesevergnügen zu zerstören.

Wobei sich  natürlich schon die Frage stellt, wer tut sich in Zeiten, der Ungeduld, der Überforderung, des zwanzig Prozent Analphabetismus auf unseren Schulen, diese achthundert Seiten, das zwölfjährige Werk des Frank Witzels, wirklich an?

„Matthes und Seitz“ ist das Wagnis eingegangen,  hat das Buch gedruckt und für die LL eingereicht. Dann ist der Verleger aber, glaube ich, ohne eine neue Auflage zur Preisverleihung gefahren, so daß das Buch  einige Zeit vergriffen war und erst wieder vierzigtausendmal aufgelegt wurde.

Jetzt sieht man es auch in den Buchhandlungen und ich frage mich schon, was die berühmten Schwiegermütter dazu sagen werden, wenn sie es am Weihnachtstisch unter den Gaben finden und die Überlegungen der Buchpreisjury ist auch interessant, beziehungsweise kann man herrlich spekulieren, nach welchen Prinzip sie jetzt das eine Buch auswählen?

Herausbekommen wird man das wahrscheinlich nie, weil die Jury ja jährlich wechselt, aber ich habe mir gedacht, der Peltzer wird es nicht, weil zu kompliziert. Ein sogenanntes anspruchsvolles Buch wird es aber schon sein, der Setz ist vielleicht zu jung und sein „Wahnsinn“ zu speziell auf die Generation Dreißig abgeschnitten und dann verliert man die lesenden Schwiegermütter.

DDR, Holocaust und dessen Bewältigung durch die Studentenbewegung und die roten Armeefraktion ist aber sicher interessant, was man auch an den vorigen Buchpreisbüchern sehen kann.

So ist es also Frank Witzel und seine „Erfindung“ geworden.I ch gratuliere sehr, hätte selber den Rolf Lappert den Preis gegeben und Zaimoglu, Erpenbeck, Setz, Weyandt, Monique Schwitters, die den deutschen Buchpreis für „Eins im Anderen“ bekommen hat, noch auf auf Shortlist gesetzt.

Bei Frank Witzel weiß es ich nicht und muß das auch nicht tun. So schließe ich also das heurige Buchpreisbloggen ab. Sybille Lewitscharoff, die  2011 mit „Blumenberg“ auf die Shortlist gekommen ist, steht noch auf meiner heurigen Leseliste, werde mich jetzt auf die Buch-Wien und den Ö1-Quiz stürzen und kann das Buchpreisbloggen und das Longlistenlesen, jeden nur empfehlen, obwohl man da natürlich die hundert, tausend, oder wieviel auch immer schönen Bücher versäumt, die in diesem Jahr erschienen sind und die man auch lesen sollte.

Ein Buchpaket mit zehn bzw. neun schönen Bücher, wo einige andere Neuerscheinungen darauf sind, habe ich ja bei Buzzaldrin gewonnen, sechs davon stehen noch auf meiner heurigen Leseliste.

Mal sehen, ob ich alles schaffe und eine Kritik kann man bei dem Buchpreisbuch noch anmerken, zumindestens die Buchqualität ist sehr schlecht, nämlich nach einmal Badewannelesen schon aufgelöst und an den Rändern kaputt.

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