Literaturgefluester

2015-11-22

Stimmen aus dem Iran

„Die „Literatur im Herbst“, deren Eröffnungsveranstaltung ich wegen der „Poet-Night“ leider versäumte, hat sich heuer ein ganz besonders brisantes Thema ausgesucht.

„Literatur aus dem Iran“,  von der ich, obwohl ich ja eigentlich sehr belesen bin und auch über den Tellerrand hinausschaue, nicht viel weiß und so waren mir die Namen auf dem Programm auch mehr oder weniger unbekannt.

Mit ausnahme von Ilija Trojanow, einem der Kuratoren natürlich,  dessen LL-Buch „Macht und Widerstand“ auch so ziemlich eines der wenigen auf dem Büchertisch, das ich kannte.

Stimmt nicht ganz, denn dieses iranische Comic „Persepolis“ wurde, glaube ich noch bei der „Literatur im März“ einmal vorgestellt, aber der Eröffnungsredner, der 1956 in Teheran geborene Amir Hassan Cheheltan war mir unbekannt, zum Glück ist aber seine Rede nicht nur im „Wochenend-Standard“ abgedruckt, sondern er stand gleich um fünf mit seinem neu auf Deutsch erschienenen Roman „Iranische Dämmerung“ am Programm.

Vorher konnte ich noch beobachten, daß die iranische Gemeinde in Wien sehr groß sein dürfte, denn sie strömte zahlreich herein und hat dann, glaube ich auch, den „Brigitte Salanda Stand“ ziemlich leer gekauft.

Amir Hassan Cheheltan absolvierte in England ein Studium der Elektrotechnik, lebt in Teheran und das Gespräch mit Ilija Trojanow drehte sich unter anderem um die Zensur.

Da gibt es in dem präsentierte Roman zum Beispiel eine Stelle mit einem homosexuellen Vater, das wurde aber so verklausuliert beschrieben, daß die es nicht bemerkte, sondern ihm eine andere Stelle mit einem Mädchen hinausstrich.

Nun ja zu Zeiten Nestroys hat es das, glaube ich, auch bei uns gegeben und der zweite Autor, der dann folgte, der 1959 geborene Sharam Rahimian, ist ebenfalls sehr jung zum Studium ins Ausland, nämlich nach Deutschland gegangen, nach der Revolution aber in Hamburg geblieben, so daß er inzwischen schon auf Deutsch Kriminalromane schreibt.

Andere seiner Romane liegen aber noch wie im Programm steht, bei der iranischen Zensurbehörde.

Vorgestellt wurde „Dr. N. liebt seine Frau mehr als Mossadegh“, wo es, wie der Autor betonte hauptsächlich um die Liebe geht. Es geht aber auch um ein Interview zu dem Dr. N. gezwungen wurde, wo er  seinen Chef verriet, daran  hat er dann sehr zu leiden, bezeihungsweise ist das der Romangegenstand.

Dann folgte eine Frau, nämlich die inzwischen in Amerika lebende, 1946 geborene Soziologin, Shaharnush Parsipur, deren Roman „Frauen ohne Männer“ verfilmt wurde und der sowohl realisitische als auch surrealistische Elemente zu beinhalten scheint, so geht es um Männer ohne Köpfe und um Bäume, aber vor allem wahrscheinlich, um Frauen, die sich von der Männerherrschaft befreit haben.

Nach einer Pause gab es dann noch „Eine poetische Reise durch die klassische Lyrik aus dem Iran“, die von Ufuk Özturk ausgewählt und präsentiert wurde.

Begleitet wurde er davon musikalisch durch Nariman Hodjaty und Amirkasra Zandian und in fünf Stationen ging es durch die Gedichte von Attar, Hafez, Saadi, etcetera.

Ufuk Özturk hat die Stationen, beispielsweise das Tal der Liebe, das der Bedürfnislosigkeit, der mystischen Erkenntnis oder der Verwirrung genau erklärt. Einen noch gründlicheren Streifzug durch die iranische Literatur kann man aber auch in einem Aufsatz von Maryam Moayedpour im „Hammer“ finden, den es wieder  als Spezialausgabe gab.

„Also sehr interessant!“, wie die neben mir sitzende Dame zu mir sagte, die mir erzählte, daß sie sich inzwischen nur mehr von iranischen Brot ernährt, das sie sich aus einem Spezialgeschäft im zwanzigsten Bezirk besorgt und die  sich gleich von einigen der Iranerinnen  einiges erklären ließ.

Am Sonntagvormittag ist es dann mit einem Werkstattgespräch in der „Alten Schmiede“ zum Thema Lteratur und Macht zwischen Monireh Baradaran, das ist eine 1955 in Teheran Geborene, die inzwischen in Deutschland lebt und viel über Folter und ihre Jahre im Gefängnis geschrieben hat, den in Teheran lebenden und in deutschen Zeitschriften publizierenden Amir Hassan Cheheltan und Josef Haslinger, 1955 in Zwttl geboren, inzwischen Co-Direktor in Leipzig und Präsident des deutschen PEN, was mir zwar ein bißchen unverständlich ist, weil ich dachte, als GAVler darf man nicht beim PEN sein, beim deutschen PEN aber offenbar doch und  erzählte viel über das „Writer in Prison Programm“, für das sich der PEN sehr einsetzt, gab Beispiele und meinte, daß es am schwersten sei, sich für die Rechte der Blogger einzusetzen, weil man Blogs löschen kann, während Bücher  nicht zu übersehen wären. Daran spann sich eine Diskussion, weil Blogs ja wieder eine Möglichkeit sind, seine Stimme zu erheben, wenn man sonst keine hat, wie ich das beispielsweise betreibe und Monireh  Baradaran meinte, daß es manche Bücher nur über „Amazon“ zu bekommen wären.

Das wurde dann auch sehr diskutiert und der Diskussionsleiter fragte Amir Hassan Chelltan dann noch, wie er es schaffe, in Teheran zu leben und trotzdem kritisch zu sein?

Das läge wahrscheinlich am Bekanntheitsgrad meinte der und weiter, daß es in Teheran zwar verbotene Bücher gäbe, man diese aber sehr leicht am Schwarzmarkt kaufen könne, wobei es ihm natürlich lieber wäre, offiziell erscheinen zu können, weil er auch verdienen will.

Am Nachmittag ging es dann mit zwei Frauen weiter, nämlich mit der 1966 geborenen, in Teheran lebenden Sara Salar, die als einzige der Frauen ein Kopftuch trug und von Jutta Himmelreich als junge Wilde bezeichnet wurde, in ihrem Roman „Hab ich mich verirrt“, der zuerst in großer Auflage erschien, dann von der Zensur verboten wurde, geht es um eine junge Frau, die einen Tag durch die Stadt fährt, um ihr Kind vom Kindergarten abzuholen und dabei über ihr Leben reusumiert.

Monideh Baradaran, die jahrelang im Gefängnis saß, gab dann ein Beispiel aus ihrem Bericht „Erwachen aus dem Alptraum“ und zuletzt kam noch, der ebenfalls in Deutschland lebende Abbas Maroufi, der in Berlin eine Buchhandlung betreibt und ein Internetprojekt für schreibende Iraner startete. Er las mit Ilija Trojanow im Duett die Erzählung „Totenklage“, wo aus der Sich eines Jungen, der seinen Großvater begleitet, erzählt wird, wie eine Familie versucht ihren hingerichteten Sohn zu begraben.

Wirklich sehr beeindruckend, die iranische Literatur, die uns WalterFamler da vermittelte, jetzt müßte ich das alles oder einiges daraus, nur noch lesen.

 

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