Literaturgefluester

2015-12-05

Samstag, 5. Dezember

Filed under: Textbeispiel — jancak @ 00:38
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Am Samstag gab es natürlich einen Krampus mit einer Butte auf dem Rücken, heraushängender Zunge und einer großen Rute hinter dem Adventkalenderfester und erinnerte Nika, daß heute nicht nur der zweite Einkaufssamstag war.

Streß pur auf der Mariahilferstraüe, wie ihr Klaus Seidler gestern vorsorglich eingeprägt hatte.

„Da gehts dann rund zu, Frau Magister und Sie können beweisen, was Sie können!“, hatte er gedroht und als sie sich erkundigt hatte, warum es keine Weihnachtsfrau am ersten Einkaufssamstag vor dem Kaufhaus gegeben hatte, hatte er die Achseln gezuckt.

„Aus Einspargründen und weil heute erst der erste Dezembersamstag ist, hat das der Vorstand so beschlossen! Wenn Sie mich fragen, eine Schnapsidee! Es ist aber so! Ich sitze nicht im Vorstand und habe keine Stimme und so naht Ihre Bewährungsprobe erst morgen!“, hatte er geantwortet und hinzugefügt, daß er besondere Pünktlichkeit von ihr erwarte!

„Aye, Aye, Sir!“, hatte Nika geantwortet, ihn angegrinst und die Hand auf ihre Weihnachtsfraumütze gelegt.

Bei sich hatte sie gedacht, daß der Krampus sie nichts anging, denn zum Glück war der Vorstand nicht auf die Idee gekommen, sie für heute in ein schwarzes Fellkostüm zu stecken und ihr eine rote Filzzunge anzukleben. Es war aber doch etwas anders. Denn in dem Sack, der im Magazineurbüro für sie bereit lag, steckten statt „Naps“ und „Stollwerks“ kleine Krampus- und Nikolausfiguren und sie versuchte sich vorzustellen, daß die der kleinen Jessica  besondere Freude bereiten würden, die versprochen hatte, auch heute wieder auf der Mariahilferstraße zu erscheinen und Weihnachtseinkäufe zu machen.

Vielleicht machten sie auch dem Burschen mit der grauen Decke Freude, aber der war nicht da. Der Platz beim Eingang, an dem er die letzten Tage gekauert  und vor sich hingestarrt hatte, war verwaist. Fürchtete er sich ebenfalls vor dem Krampus oder hatte Widerlich Seidler seine Drohung wahr gemacht und die Polizei gerufen? Sie wußte es nicht und hatte keine Ahnung. Dagegen schien seine Voraussage zu stimmen, daß viel los war. Denn die Straße war schon um halb zehn überfüllt und besonders viele Kinder drängten sich um ihren Sack.

„Hallo, Frau Weihnachtsfrau, hast du auch etwas für mich? Ich bin sehr brav gewesen! Ich will einen Nikolo, wie meine Schwester und keinen Krampus, denn das ist Diskriminierung!“, rief ein kleiner Knirps, zwickte das Schwesterlein in den Arm und sie bemühte sich die Drohung der Mutter zu ignorieren, daß die Frau Weihnachtsmann, wenn er so unartig sei und die Moni ärgere, bestimmt keinen Nikolo für sie habe!

„Einer ist noch da!“, sagte sie unbewegt, streckte ihm den solchen entgegen und gab der Mutter, noch ehe sie protestieren konnte, einen Flyer in die Hand.

„Und das ist für die Mama, damit sie auch nicht leer ausgeht!“

Der Kleine steckte den Nikolo in den Mund. Dann zwickte er die Schwester nochmals in den Arm und rief „Ätsch, Ätsch!“

Nika bemühte sich schnell wegzusehen, weil sie von der Mutter keine Belehrung, wie „Sehen Sie, Frau Weihnachtsfrau, das habe ich Ihnen gleich gesagt!“,  hören wollte.  Sollte der Kleine seinen Nikolo haben, wenn er keinen Krampus wollte! Daß man seine Schwestern nicht schlagen durfte, mochte ihm seine Mutter beibringen, obwohl die Achtung des Mannes vor der Frau, schon sehr wichtig war.

Das mußte der Kleine, der inzwischen mit seiner Mama und der Schwester verschwunden war, noch lernen,  während ihr Traummann Harald Schwabeneder solches zu beherrschen schien und ihm würde sie einen der Krampusse überreichen, wenn er nach Dienstschluß auf sie wartete und mit ihr auf eine Krampusparty ins „Jazzland“ gehen würde.

Denn dazu hatte er sie eingeladen, nachdem er herausgefunden hatte, daß sich Nika auch für Jazz interessierte, während die Spurensuche in Vera Mosebachs Praxis ein Flop geworden war.

Dorthin war sie mit ihrem Traummann gestern, um viertel acht zwar aufgebrochen, aber Vera hatte ihnen den Tatort, weil von der Polizei noch nicht freigegeben, nicht zeigen können.

„Ich darf zwar, haben mir die Polizisten erlaubt, meinen Beruf ausüben, die Klienten müßen aber zu Dr. Dorfler aufs Klo und sehr gut für meinen Ruf als Psychotherapeutin sind diese Schlagzeigen nicht!“, hatte sie geklagt und auf die Sammlung der „Österreich-Heute-Nummern“, hingewiesen, die auf ihrem Tisch lagen.

„Dem kann ich mich nur anschließen!“, hatte die Schwester hinzugefügt und wiederholt, daß Joe Prohaska nicht aufhörte, sie zu verfolgen und seine Verantwortung für sein Kind einzufordern.

„Dem scheint der sogenannte Mord ins Veras Praxis egal zu sein! Im Gegenteil scheint er ihn dafür zu verwenden, mich unter Druck zu setzen! Was ihm zwar nicht gelingen wird, denn ich will mit keinen Mann zusammenleben und Zoe-Philipa allein aufziehen! Aber wenn er sich ans Jugendamt wendet, könnte ich Schwierigkeiten bekommen und die Kollegen und der Chef schauen mich auch schon scheel an!“, hatte sie gesagt und hilfesuchend auf Harald Schwabeneder geblickt, der sich zu versichern beeilte, das er tun würde, was er konnte und das war auch geschehen.

Im „Samstag-Standard“, den Nika auf den U-Bahn-Sitz gefunden hatte, war ein etwas emotionsfreierer Artikel erschienen, der sich für das Recht der gleichgeschlichtlichen Frau auf ein Kind einsetzte, erschienen, während die Gratiszeitungen weiterhetzten und Ruth verdammten, weil sie zwar mit Joe Prohaska ins Bett gegangen war, nun aber nichts von ihm wissen wollte!

„Das konnte doch nicht sein!“, hatte eine Reporterin namens Carmen Corner geunkt.

„So weit darf man  nicht gehen! Das hieße doch die Frauenbewegung und ihre Ziele mißzuverstehen und eine solche Gesellschaft will ich nicht haben!“, hatte sie geschrieben und sich für die Rechte des armen Joe Prohaskas eingesetzt, während sie offenbar  nichts dagegen hatte, daß Peter Kronauer jetzt unschädlich war.

Trotzdem durfte ihnen Vera das Klo und die angebliche Tatwaffe nicht zeigen. So hatte Harald Schwabeneder ihnen nur versichert, weiter objektiv zu schreiben und ihr ins Ohr geflüstert, daß er gern mit ihr auf eine Krampusparty gehen würde.

Sollte sein, wenn sie nicht zu müde war, denn der Ansturm auf ihre Krampusse und Nikolos ließ nicht nach. Sie hatte schon dreimal nachfassen müssen und ihre Mittagspause  fast versäumt.

„Bitte sehr!“, sagte sie daher, als sie mit einem neuerlich gefüllten Sack auf die Straße gekommen war und hielt einem älteren Mann mit einem Dreitagebart, dessen grauer Mantel falsch zugeknöpft war und der Hauspatschen, statt Straßenschuhe an den Füßen hatte, einen Flyer entgegen. Wo hatte sie ihn schon gesehen?, dachte sie dabei, schien er ihr doch bekannt und noch ehe sie zu einem Ergebnis gekommen war,  fragte er, ob sie nicht nicht an ihn erinnern könne?

„Am Dienstag sind wir gemeinsam in der U-Bahn gefahren! Erinnern Sie sich nicht mehr, Weihnachtsfrau? Als der Zug verspätet war, weil wieder so ein armer Teufel auf die Schienen gesprungen ist? Ich bin auf die „Parkinson-Ambulanz“ zur monatlichen Untersuchung ins AKH gefahren, Sie haben mir von ihrem ersten Arbeitstag als Weihnachtsfrau erzählt. Jetzt treffe ich Sie wieder, was ein erfreulicher Zufall ist!“, stellte er fest und wollte wissen, wie es ihr als Weihnachtsfrau gefalle?

„Ausgezeichnet!“, beeilte sie sich zu antworten und bestätigte, daß sie sich auch über den Zufall freue.

„Machen Sie Weihnachtseinkäufe?“, fragte sie dann mit Blick auf seine Hauspantoffeln, die dafür nicht sehr geeignet waren und er schüttelte den Kopf.

„Eigentlich will ich nur Milch, Brot, Kartoffelpürree, Gemüse und etwas Schinken für das Wochenende besorgen! Und einen Adventkranz! Den natürlich auch, denn den habe ich noch nicht in der Wohnung, obwohl heute schon der zweite Adventsamstag ist! Sie wissen, ich habe „Parkinson“,  da fällt esr mir schwer, das Haus zu verlassen und oft gelingt das auch nicht! Mein Zittern steht mir im Weg und das Anziehen geht dann auch nicht gut!“, sagte er mit einem Blick auf seinen falsch geknöpften Mantel.

„Ich wohne im Haus gegenüber und weil es nicht weit zum „Merkur-Markt“ ist und mir das Zubinden der Schnürsenkel große Mühe macht, bin ich mit den Hausschuhen losgezogen, um die paar Sachen einzukaufen und auch den Adventkranz, denn vorige Woche, wissen Sie, ist es mir so schlecht gegangen, daß ich das Haus nicht verlassen konnte und am Dienstag habe ich auf der Ambulanz solange warten müssen, daß ich darauf vergessen habe!“, sagte er mit einem so tieftraurigen Blick, daß Nika ihre Vorschriften  vergaß und ihm schnell einen ihrer Nikolos entgegenstreckte.

„Den darf ich Ihnen als Trost überreichen! Adventkränze habe ich leider keine in meinen Sack!“, scherzte sie und hoffte, daß weder die Spione von der FPÖ, noch Klaus Seidler sie sehen würde, aber der schien am Samstag nicht ins  Büro zu kommen, jedenfalls war er ihr noch nicht begegnet.

„Ich hoffe, Sie mögen Süßes!“, fügte sie  hinzu und er schaute sie dankbar an. Versuchte sogar ihre Hand zu küssen, was das Zittern seiner Hände aber nicht zuließ.

„Sie sind sehr freundlich zu einem kranken Mann, der wie ein Sandler aussieht, aber keiner ist! Das werde ich Ihnen nicht vergessen und wenn ich kann, mich gerne revanchieren! Denn Sie haben mich durchschaut! Ich bin ein Süßer und wollte mir ohnehin einen Briochekrampus für das morgendliche Frühstück besorgen, wenn ich es bis zum „Merkur“ schaffe! Denn wissen Sie, die hat meine Frau, als sie noch bei mir war, immer zu Nikolo gebackent! Damals haben meine Hände auch nicht gezittert und es war ein Leichtes, einen Adventkranz zu besorgen! Heute schaffe ich es nicht einmal im Taxi auf den Zentralfriedhof,  um ihr ein Weihnachtsgesteck zu bringen!“, sagte er und sah sie so traurig an, daß Nika nicht wußte, was sie antworten sollte. So griff sie in den Sack, um ihm auch einen Trostkrampus entgegenzustrecken, aber er schüttelte den Kopf.

„Ein Stück reicht, denn wenn ich zuviel Süßes esse, steigt mein Cholesterinspiegel, ich bekomme Altersdiabetes und meine Ärzte schimpfen! Aber vielleicht will die junge Dame den Krampus haben!“, sagte er, auf Jessica Nikolic weisend, die näher gekommen war.“

„Na klar!“, antwortete die munter.

„Vielen Dank, Frau Weihnachtsfrau! Sehe Sie, ich habe Wort gehalten! Bin wieder da und gehe in das Kaufhaus! Da kann der Chef meiner Mama nichts dagegen haben, wenn ich Handschuhe für die Oma kaufe und in den „Merkur“ will ich auch! Da soll ich für die Mama einiges besorgen und Sie wollen, habe ich gehört, auch dorthin?“, sagte sie, auf den alten Mann zeigend.

„Wenn Sie möchten, werde ich Sie begleiten und Ihnen die Sachen in die Wohnung tragen, denn wir haben in der Schule gelernt, daß man in der Adventszeit gute Taten setzen soll, um seine Chance auf Weihnachtsgeschenke zu erhöhen! „Aktion Weihnachtswichtel“ heißt da! Wenn Sie wollen, bin ich Ihre Wichteline und weil ich dafür eine Belohnung verdient habe, gibt mir die Frau Weihnachtsmann auch noch einen Nikolo, denn für den Krampus bin ich  viel zu brav!“

Auszug aus der „Nika Weihnachtsfrau“, meinem heurigen „Nanowrimo“, aus der ich auch am siebzehnten Dezember um 19. 30 im „Read!!ingroom“ in der Anzengrubergasse lesen werde und alle meine Wiener Leser und Leserinnen herzlich dazu einlade!

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