Literaturgefluester

2015-12-12

Quasikristalle

Filed under: Bücher — jancak @ 00:25
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Auf die Idee,  einen Roman zu schreiben, der von einer Figur ausgehend, zum nächsten Kapitel über eine andere, eine Geschichte erzählt, bin ich, glaube ich, gekommen, als ich im Radio eine Vorschau auf Eva Menasses „Quasikristalle“ hörte.

Da habe ich gedacht, Daniel Kehlmann hat das mit „Ruhm“  auch einmal so gemacht und bin mit der Laura Augustin, der Nika Weihnachtsfrau, etcetera losgezogen und es ist natürlich nicht so geworden, wie geplant, sondern eine eher lineare Geschichte, die in jedem der dreizehn Kapitel, einen anderen Protagonisten oder Protagtonistin hat.

Von Eva Menasse, der 1970 geborene Halbschwester des berühmten Roberts, den ich öfter im Cafe Sperl sitzen sah, einmal bei einer Benefizveranstaltung in der Rahlgasse, statt ihm einen Essay zusätzlich zu einer Szene aus meiner „Viertagebuchfrau“ las, weil er, was ich schon erwartet hatte, absagte, der einmal in der „Alten Schmiede“ den Kritiker Paul Jandl  sehr provozierte und wenn ich ihm bei Preisverleiungen im Rathaus sehe, immer mit den Politikern über seine Meinung diskutieren höre, habe ich ihren ersten Roman „Vienna“ gelesen.

Die „Quasikristalle“ sind 2013 erschienen, 2014 hat sie dafür, sehr voraussagbar, den „Alpha-Literatur-Preis“ gewonnen, den 2015 nicht, wie von mir erwartet Valerie Fritsch, sondern Karin Peschka bekommen hat und weil meine Leseliste ja so lang ist und immer länger wird, habe ich den Roman jetzt erst gelesen, dafür habe ich das mit „Watschenmann“ schon im Vorjahr getan.

Mit „Quasikristallen“ gelingt Eva Menasse also etwas, was mir nicht gelungen ist, nämlich einen Roman aus dreizehn Erzählungen zu machen oder dreizehn Geschichten von Personen zu erzählen, die alle etwas mit der Heldin Xane oder Roxane Molin zu tun haben, obwohl die in den einzelnen Geschichten nicht die Hauptrolle spielt und Quasikristalle heißt es, um die Brüchigkeit aufzuzeigen, wie ich dem Klappentext entnehme, weil wenn man dreizehnmal ein Licht auf eine Person wirft, immer etwas anderes herauskommt, offenbar so, wie bei dem Elefanten, der von drei Blinden abgetastet wird und jeder hat ein anderes Bild.

Da ist also Judith im ersten Kapitel, ein vierzehnjähriges Mädchen, das eine depressive Mutter hat und einen Vater, der Konditor ist, aber an einer verfallenen Jugendstilvilla herumbaut und in die lädt Judith ihre Freundin Xane ein, um sie ihrer anderen Freundin Claudia abspenstig zu machen, die dann diesen Sommer einem Gehirnschlag erliegt.

Dann geht es, Jahre später weiter zu einem Professor oder Dozenten, der für einen erkrankten Professor, eine Exkursion nach Auschwitz machen soll, die meisten Studenten sagen aber ab, so wird für Ersatz gesorgt, eine der einspringenden Personen ist die angebliche Nichte des Professors, der gar keine Kinder hat und Bernay, der Held verliebt sich in die Frau mit der roten Bluse, während er mit seiner Geliebten Paula telefoniert und die Teinehmer durch das KZ führt.

Dann geht es zu einem Altösterreicher, der der jungen Xane, die etwas mit PR macht, eine Wohnung in seiner Villa vermietet und aus dem Häuschen gerät, als er sie nackt auf den Balkon liegen sieht.

Er hält sich nämlich am Dachboden Frettchen und versteckt dort auch Glasscherben mit deren Hilfe er die Balkone seiner vermieteten Wohnungen kontrolliert und er hat auch ein geschnitztes Jesuskindchen, das Xane fotografieren will und dann sitzt er mit seiner Familie vor dem Fernseher und sieht Xane in einer Diskussion, wo sie an Hand des Fotos demonstriert, daß „sich die meisten Österreicher immer noch weigerten, sich an die Verbrechen zu erinnern, die direkt vor ihrer Haustür, ja vor ihren Augen stattgefunden hätten, stattdessen bekreuzigen sie sich und fütterten fröhlich ihre Frettchen.“

Dann geht es nach Berlin zu Sally, das ist Judiths Schwester Salome, die dort in einer Bar singt, dazwischen kellnert und ihrer vierhährigen Tochter Baby drei Tropfen Diazepram auf ein Stück Würfelzucker träufelt, wenn sie sich die Babysitterkosten bei Frau Hilpert nicht mehr leisten kann. Die trifft Xane in einer Galerie wieder, wo sie in der Partyküche Rosen aus Kartotten schnpselt, die dann wieder abserviert werden. Xane und ihr Freund Mor kümmern sich um Sally, deren Mutter inzwischen Selbstmord begangen hat und dann besucht Sally Xane in der Klinik, wo sie nach einer Eileiterschwangerschaft liegt und beklagt, keine Kinder zu haben, während Sally ihres gar nicht wollte und der Rechtsanwalt Mor immer Drohbriefe schreibt, wenn sie sich um seine aus der ersten Ehe kümmern will.

Dann kommt ein Kapitel über eine Kinderwunschärztin, ein Kabinettstück kann man sagen, wo man sehr viel alles über die Kinderwunschproblematik mit den ganzen Fachausdrücken erfährt. Frau Doktor hat auch zwei Kinder, über die sie mit ihrer Haushaltshilfe kommuniziert, welche Fußballdress die für sie bügeln soll und ihre Wunsch- bzw. Problempatienten, eine davon ist Xane, die kommt wieder in ein paar Sätzen vor, wird aber schwanger, bekommt einen Sohn und trifft im nächsten Kapitel einen Nelson im Bus, das ist ein alter berühmter Mann, Opfer eines Bürgerkriegs, in dem er seine Frau verloren hat, mit dem tritt sie in Beziehung, betrügt ihren Mor aber offensichtlich nicht wirklich, sondern tritt im nächsten Kapitel selber als Erzählstimme auf, wo sie anhand des Fremdgehens ihrer Freundin Krystzyna ihre Beziehung zu Mor und seinen zwei Töchtern aus erster unglücklicher Ehe, die inzwischen bei ihr leben undm die sich in der Pubertät gegen die Stiefmutter auflehnen oder ihre Depressionen bekommen, reflektiert.

Das nächste Geschichte gehört der Stieftochter Viola und dann kommt eine aus der Sicht eines Mitarbeiters von Xanes Agentur, der um der Kreativität wegen zu ihr gegangen ist und sich dann bei der Chefin doch nicht durchsetzen konnte, denn die ist wie die Freundin Kryztyna weiß sehr stur und macht aus allem ein Theater, so wie sie plötzlich auf Besuch nach Wien kommen will und dann erfahren die Freundinnen, nachdem sie abgewimmelt haben, daß Xane in einer Klinik liegt.

Der alte Vater wird zu einem runden Geburtstag in Wien besucht, am Schluß schreibt der Sohn der Mutter einen Brief, die sich nach Mors Tod eingebildet hat, nach Wien zurückzuziehen und dort offenbar noch mit einem Mann in einer bürgerliche Villa nach Sivering zieht, dazwischen kommt dann noch ein Kapitel, das scheinbar gar nichts mit Xane zu tun hat, denn es ist aus der Sicht einer Journalistin geschrieben, die ein Buch über Sterbehilfepraktiken geschrieben hat und dadurch soviel Aufsehen erregte, daß sie sich in eine sicherheitsgeschützte Wohnung zurückzieht und alle Zeiten ihre Paßwörter ändert, trotzdem bekommt sie einen Anruf bezüglich eines geheimnisvollen Sterbefalles und während sie diesbezüglich recherchiert beobachtet sie auf dem Platz vor ihrem Balkon ein altes Paar, wo er plötzlich, während sie liest, einen Schlaganfall bekommt.

Ein interessantes hochgelobtes Buch einer hochgelobten Promijournalistin und Promischriftstellerin, das auch ein bißchen in der intellektuellen Promiszene spielt und die das, was mir in den „Dreizehn Kapitel“ vorschwebte, konsequenter durchgezogen hat.

Mir fehlte der Mut dazu, jetzt weiß ich auch warum, weil nämlich wenn man dreizehn Menschen ihre Erfahrungen und Eindrücke über eine Person schildern läßt, am Ende dreizehn Geschichten, in diesem Fall mit sehr vielen aktuellen Themen vom Kinderwunsch bis zur Holocaustvewältigung, aber wahrscheinlich doch kein linearer Roman herauskommt, wie es bei den „Dreizehn Kapitel“ viel banaler und weniger abgehoben wahrscheinlich doch gelungen ist, wenn ich das Ganze auch wegen seiner Kürze eher eine Erzählung nenne.

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4 Kommentare »

  1. Liebe Eva Jancak. Ich hab mich zwar lang nicht mehr gemeldet, aber natürlich trotzdem mitgelesen. Das ist eine überaus treffende Zusammenfassung eines außergewöhnlichen Romans.

    Ich fand ja „Ruhm“ stellenweise erschütternd schlecht und bin immer noch verwundert, dass Kehlmann seinen Ruf als „Ausnahmeschriftsteller“ trotzdem aufrecht erhalten konnte. Dass Frau Menasse aus einer ähnlichen Erzählidee so einen tollen Roman gemacht hat, freut mich umso mehr.

    Kommentar von Roland G — 2015-12-16 @ 03:11 | Antwort

  2. Für „erschütternd schlecht“ habe ich „Ruhm“ glaub ich, nicht gehalten, wohl aber Daniel Kehlmann für einen sehr ehrgeizigen Schriftsteller, der wahrscheinlich auch entsprechend gefördert wurde.
    So war ich einmal bei einer Lesung in der „Alten Schmiede“, wo ein paar Studenten sehr über das präsentierte Buch, es war „Der fernste Ort“ herzogen.
    Daniel Kehlmann hat sich das mit versteinerten Gesicht und verkrampften Lächeln angehört und gesagt „Ich freue mich, daß Sie sich so mit meinen Büchern beschäftigen!“, gesagt. Der Herr, der neben mir gesessen ist, hat sich eingemischt, dagegen enerigisch protestiert und damit Kurt Neumann zum Abbruch der Diskussion gebracht.
    Ich hab die „Vermessung der Welt“ vor einiger Zeit im Bücherschrank gefunden, ein Thema, das mich vielleicht nicht so interessiert und bei „F“ habe ich mir ganz ehrlich, auch wenn das jetzt vermessen klingen sollte, gedacht, „Das kann ich eigentlich auch, vor allem wenn mir noch ein Lektor über meine Grammatik und Rechtschreibung drüberfährt und beim vorletzten „Alpha“ hätte ich mir eigentlich am Schluß gewünscht, das Daniel Wisser den Preis bekommt.
    Danke für den Kommentar, freut mich, daß Sie sich bei mir melden und mich noch immer lesen! Vielleicht sehen wir uns einmal bei einer Lesung, wenn Sie morgen zufällig Zeit haben, kommen Sie doch zur „Nika Weihnachtsfrau“ in den „Read!!ingroom!“

    Kommentar von jancak — 2015-12-16 @ 09:41 | Antwort

    • Ach, ich wünschte, ich hätte die Antwort früher gelesen. Sie haben ja, glaube ich, noch meine Mail-Adresse. Würden Sie mich zur nächsten Lesung vielleicht per Mail einladen? Ich wäre wirklich gern mal Hörer, aber bin nur ein unregelmäßiger Blog-Besucher.

      Ich hatte „Vermessung der Welt“ damals eben auch schon gelesen und fand es wunderbar. Als „Ruhm“ dann rauskam las ich Kritiken die behaupteten, Kehlmann wäre damit endgültig in die Ebene der Weltliteratur aufgestiegen. Und als ich es dann las, war ich schwer enttäuscht. Dieses Bemühen, möglichst viele Möglichkeiten der Ausdrucksweisen zu schreiben, fand ich schon relativ einfallslos und eitel. Dass er die gewünschten Sprachstile dann in einigen Fällen so überhaupt nicht getroffen hat (etwa in dem Kapitel über den Handyverkäufer-Nerd) fand ich schockierend. Aber es ist natürlich immer leichter zu kritisieren, als selbst zu schaffen.

      Die Details des erwähnten Vorfalls interessieren mich sehr. Hoffentlich können wir bald mal darüber reden. Würde mich freuen, Ihrer nächsten Lesung mal beizuwohnen.

      Kommentar von Roland G — 2016-01-01 @ 03:45 | Antwort


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