Literaturgefluester

2015-12-26

Der Dieb in der Nacht

Die 1984 geborene Katharina Hartwell, deren Debutroman „Das fremde Meer“, in einigen Blogs, als das beste Buch des Jahres bezeichnet wird, ist in ihrem zweiten, ein Gewinn aus „Buzzaldrins“ Bücherkiste, ein beklemmender Gespensterroman gelungen, könnte man so schreiben.

Anklänge an E. T. A. Hofmann tauchen auf, schwarze Kleider, todblasse Gesichter, dänische Märchen und auch die dänische Tichterin Karen Blixen, die eine Gespenstergeschichte geschrieben hat.

Es geht aber um das einunzwanzigste Jahrhundert und um die brüchige Familienverhältnisse, derjenigen, die  Ende zwanzig sind, ein Studium abgeschlossen oder abgebrochen haben, auf ihre Dissertation warten, Cupcakes backen oder nach Prag fahren, um dort zu fotografieren und seltsame Begegnungen zu machen.

Es geht um Paul und um seinen Freund Felix, der vor zehn Jahren verschwunden ist, da er ist zur Tankstelle gegangen, um  Cola zu kaufen und nie mehr aufgetaucht.

Jetzt sitzt einer mit schwarzen Kleidern und fahlen Wangen in einer Prager Bar, schaut aus wie Felix, hat dasselbe Muttermal und die gleichen Bewegungen, aber schwarze Haare und ist es oder ist es trotzdem nicht.

Er sagt „Nein!“, denn er heißt Ira Blixen, das ist zwar ein Künstlername und ein Gedächtnis hat er ebenfalls nicht, denn er ist vor einigen Jahren aus der Moldau gefischt worden und kann sich an nichts mehr erinnern.

Nach anfänglichen Zögern folgt er Felix nach Berlin. Zuerst wurde aber ein Frau überfahren und Paul erkrankt auch an seltsamen Symptomen.

Blixen nistet sich bei ihm ein, macht ihn mit Wein betrunken und sucht auch Felix Schwester Louise auf, beziehungsweise trifft er sich mit ihr in einem Cafe. Paul ist empört, als er das erfährt und Louise war das auch empört, als sie Blixen das erste Mal gesehen hat.

Trotzdem gerät auch sie in seinen Bann, verläßt die WG in der sie wohnt, zieht zu Paul und Blixen, den sie bei mehreren Lügen ertappen. So schleicht er nachts aus der Wohnung und kann sich nicht daran erinnern. Es gibt auch eine beklemmende Szene in einem Wald, in den Louise joggen geht, sich vor einem schwarzen Hund fürchtet und dann Blixen mit diesen Hund vor der Haustür sieht, was er wieder bestreitet.

Das läßt an ein Gespenst und an einen Untoten denken. Der tote Felix ist zurückgekommen. Aber wahrscheinlich, weil Gespensterroma heutzutage kitschig oder nicht literarisch sind, wird das nicht weiter verfolgt, sondern löst sich, wie ich in einer Rezensione gelesen habe, „in der Realität auf“.

Vorher komm aber noch Agnes, Felix und Louises Mutter ins Spiel und wir erfahren, daß sich der junge Paul von seinen Eltern abgewandt und Felix Familie zugewandt hat. Er ist dort mehr als zu Hause gewesen. Der Familie auch in das Sommerhaus gefolgt, Agnes, Louise und Felix, denn der Vater Simon hat sich schon vorher verabschiedet.

Paul belauscht einmal, daß er von Blixen „Nimmersatt“ genannt wird. Später nennt er ihn „Parasit“, bohrt also in Wunden und um das Geheimnis aufzuklären, bringen Paul und Louise ihn in das Landhaus, bedrohen ihn mit einem Messer, fesseln ihm am Sessel, doch als sie den Raum wieder betreten, steht er im Garten, winkt ihnen zu, beziehungsweise verschwindt er im Schatten.

In der Danksagung steht, daß die „Idee zu dem Roman durch die Dokumentation der „Blender“, der sich mit dem rätselhaften Verschwinden und vermeintlichen Wiederauftauchen des 13 jährigen Nicolas Barclay auseinandersetzt“, gekommen ist und es gibt sehr schöne Sätze, hat Katharina Hartwell ja in Leipzig studiert und sich am literarischen Colloquium in Berlin aufgehalten, beispielsweise die, die sich mit Weltuntergangsszenarien beschäftigen, von denen man ja auch auf der heurigen LL lesen konnte.

Kurt Palm hat sich in seinen „Besuchern“  auch ein bißchen mit Gespenstern beschäftigt und ich finde den „Dieb in der Nacht“,  als originellen Ansatz in der Literaturlandschaft, da ich E. T. Hofmann  sehr mag und ihn, als ich so alt oder jünger, als Katharina Hartwell war,  auch viel gelesen habe.

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