Literaturgefluester

2015-12-27

Geh hin, stelle einen Wächter

Zu Weihnachten ein Märchen gefällig?

Da war einmal in den Neunzehnhundertfünfzigerjahren eine junge Frau, die in New York bei einer Fluglinie oder so gearbeitet hat und in den Südstaaten gemeinsam mit Truman Capote aufgewachsen ist.

Eine Anwaltstochter und die hat einen Roman geschrieben, den die Verlage zur Zeiten der Bürgerrechtsbewegung und Aufhebung der Rassentrennung nicht haben wollten, denn zu radikal wahrscheinlich.

Fährt da ja eine sechsundzwanzigjährige von New York in ihr Heimatstädtchen, um ihren vierzehntätigen Sommerurlaub anzutreten.

Sie fährt mit dem Zug und fliegt nicht, um ihren zweiundsiebzigjährigen Vater, der immer noch als Anwalt tätig ist nicht zuzumuten, ihretwegen um halb drei Uhr nachts aufzusgtehen, also nimmt sie ein Schlafabteil und hat dann ein Problem, als sie die Antweisungen mit dem Klappbett nicht beachtet, so daß der Schaffner sie herausholen muß.

„Keine Angst Miß!“, brummt der gutmütig,“Ich kann das ohne hinzusehen!“ und sie zieht, als der Zug langsam  in  Maycomb ankommt, ihre Stadtklamotten aus und die Latzhosen, die sie früher dort getragen hat, an, denn sie war ein sehr wildes Mädchen, das ihre Krise hatte, als sie Regel bekam und erfuhr, daß sie fortan bis fünzig bluten würde müßen.

Sie wird nicht vom Vater, sondern seinem Compagnon Hank abgeholt, der aus einer nicht ganz so guten Familie stammt wie sie, also nicht ganz der richtige Ehemann wäre, obwohl er Jus studierte, wie ihr Tante Alexandra gleich einredet und dann noch sieht, wie sie angeblich in der Nacht mit Hank splitternackt im Fluß badete.

So weit so gut und kleinbürgerlich, die Verhältnisse in dem Städtchen, wo Jean Louise, auch Scout genannt, mit ihrem Bruder und dem schwarzen Kindermädchen aufwuchs, weil ihr Mutter gestorben ist, als sie zwei  war.

Dieses Kindermädchen oder Haushälterin rettet sie auch vor dem Selbstmord, als sie sich mit elf vom Wassertum stürzen will, denn sie wurde schon einmal geküßsst und nun wird sie, wie ihr ihre Schulfreundinnen einreden, nach neun Monaten ein  Kind bekommen, Schade über die Familie bringen, in ein Heim gesperrt werden, etcetera und als sie mit Vierzehn auf den Schulball gehen soll, gibt es Schwierigkeiten mit dem falschen Busen, hier rettet sie Hank, beziehungsweise ihr Vater aus dem Skandal.

So weit so gut und dann passiert das Unglück, denn Jean Louise entdeckt unter den Sachen ihres Vaters, der einmal einen Schwarzen, Neger steht in dem Buch und in der Anmerkung auf Seite dreihundertsiebzehn wird erklärt, daß das zu Zeiten, als das Buch geschrieben wurde, so üblich war, „auch wenn der Begriff heute als abwertend gilt“,  verteidigte, der dann auch freigesprochen wurde und jetzt liegt da eine Broschüre einer Bürgerrechtsbewegung in der Sachen stehen, wie, daß Schwarze zu wenig Hirnmasse und daher nicht die gleichen Rechte wie die anderen hätten, etcetera.

Der Vater ist Mitglied dieser Bürgerrechtsbeweung und Hank ebenfalls, wie Jean Louise erfährt und am nächsten Tag arrangiert ihre Tante auch noch das übliche Kränzchen, wo sie sich die Dummheiten der älteren Frauen und Mädchen anhören muß, mit denen sie einmal zur Schule gegangen ist.

Als sie Hank zur Rede stellt, antwortet er, daß man manchmal Sachen tuen muß, die man nicht wirklich will, wenn man als Antwalt in einem kleinen Städtchen Karriere machen will und ihr Vater sagt ihr dann ungefähr dasselben und fragt sie, ob sie wirkliche einen schwarzen heiraten will und, daß sie Zeit eben noch nicht so weit ist, daß man Schwarze regieren lassen kann, weil die die Bildung nicht mitbringen, um das richtig zu tun, etcetera.

Jean Louise will abreisen, beschimpft ihr Tantchen und kommt erst zur Raison, beziehungsweise zur Versöhnung, als ein anderes Mitglied der Famielie, ihr etwas schrulliger Onkel Dr. Finch, ihr eine knallt.

Ein Buch, das in den Fünzigerjahren so nicht erscheinen konnte.

Harper Lee, die eigentlich  Nelle hieß, schien das zu verstehen und schrieb den Roman um, so wurde aus der sechsundzwanzigjährigen, ein kleines Mädchen und der Vater verteidigt den Schwarzen offenbar mit Bravour, verliert aber den Prozeß, das Buch, das 1960 unter dem Titel „Wer die Nachtgiall stört“ den Pulizterpreis bekam, wurde mit Gregory Peck verfilmt und damit offenbar zum Nationalheiligtum der Amerikaner und Stoff in den Schulen.

Harper Lee, die inzwischen nach einem Schlaganfall zurückgezogen, wie das heißt, in einem Altersheim lebt, hat seither nicht mehr viel geschrieben, gab es doch Gerüchte, das Buch stammt gar nicht von ihr, sondern von Truman Capote.

Dann kam ihre Anwältin daher,  fand das verschollen geglaubte Frühmanuskript und veröffentlichte es, ob oder mit Zustammung der alten Dame, eine Kommission erschien offenbar  in dem Alterheim, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist und berichtete, die alte Dame hätte sich über die Veröffentlichung gefreut.

Amerika druckte es in Millionen, DVA für den deutschen Raum in hunderttausend Exemplaren, es gab auch einige Specials dazu und dann war das Buch auch noch in dem Buchpaket, das ich von „Buzzaldrin“ gewonnen habe und habe in Zeiten, wo alle Blogger aus ihren hundert oder so gelesen Büchern ihre fünf Lieblinge ausuchen, es auch dazu gemacht, zusammen mit dem Setz, dem Houellebeqc,  den beiden Kisch-Bänden und John Knittels „Via Mala“ um eine Auswahl aus den wahrscheinlich 163 aus 167000 zu treffen, denn mir hat es gefallen.

„Wem die Nachtigall“ stört, habe ich nicht gelesen und auch nicht auf meiner Bücherliste, leider habe ich es noch nicht gefunden und mein Vater hatte es nicht in seinem Bücherkasten, obwohl mir sowohl der Titel, als auch das Cover, das man bei Google sehen kann, bekannt erscheint.

Eine spannende Geschichte und ein Weihnachtsmächen für mich, weil das Buch zufälligerweise gerade da, auf meiner Liste gestanden ist, schön wenn es wirklich so gewesen ist oder eigentlich auch bedenklich und Grund über vieles, in Zeiten, wo alte Menschen vielleicht entmüdigt werden und in Amerika noch immer die Straßen brennen, weil Schwarze und keine Nigger oder Negros von Polizisten viel rascher als Weiße wegen Nichtigkeiten erschoßen werden, etcetera, nachzudenken.

Aber vielleicht war es auch ganz anders, weil die Verlage und die Lektoren, wie wir spätesten jetzt wissen, ja genau auswählen, umschreiben, überlegen, was sie auf den Markt bringen und „Geh hin, stelle einen Wächter“, übrigens ein Bibelzitat, ist im Frühjahr oder Sommer erschienen, da  galt es als Sensation, in München hat es einen Harper Lee Abend im Literaturhaus gegeben, Cornelia Travnicek hat auf ihren Seiten geschrieben, daß sie im selben Verlag veröffentlich und eine Zeitlang in aller Munde, bis die Exemplare eben verkauft oder sonstwie vergeben wurden.

Jetzt ist es, glaube ich, wieder eher still darum, hat der Buchmarkt ja inzwischen  seine neuen Sensationen, das neue Buch von  Karl  Ove Knausgard zum Beispiel oder das mit den handgeschriebenen Zettelchen und Ansichtskarten, das ich eher für eine Spielerei halte. Der Witzel  und der Setz, die ich im Zuge meines Longlistslesen gelesen habe,  sind auch schon Schnee von gestern und jetzt gibt es schon die Frühjahrsvorschauen, mit denen ich mich so gut, wie überhaupt noch nicht beschäftigt habe, denn ich habe ja noch einige Bücher auf meiner 2016-Leseliste.

Und noch ein P.S:

Ich bin ja von den großen berühmten Amerikanern wie Philip Roth, James Salter, Richard Ford, etc nicht immer so begeistert, bei den weiblichen Literaturtalente der Neunzehnhundertfünfzigerjahre scheint das aber anders und so habe ich sowohl die Bücher von Grace Metalious als auch Silvia Plaths „Glasglocke“ mit Begeisterung gelesen.

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