Literaturgefluester

2016-02-14

Die Henkerin

Filed under: Bücher — jancak @ 15:21
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Nun kommt wieder etwas ganz „Altes“ aus Alfreds Beständen, die er in Harland gesammelt hat, nämlich Pavel Kohouts „Die Henkerin“, die „Hoffmann und Campe-Ausgabe“ aus dem Jahr 1978, geht man zu „Wikipedia“ wird dort als Erscheinungsjahr 1993 angegeben, höre ich ja immer „Wikipedia“ sei sehr fehlerhaft, was ich eigentlich so nicht bestätigen kann und der 1928 in Prag geborene Pavel Kohout, der die Charta 77 unterschrieb, 1978 den österreichischen Staatspreis für europaische Literatur erhielt und seither in Wien lebt, seit der Wende wahrscheinlich auch in Prag, ist fast ein Klassiker.

Ich erinnere mich mit dem Willi, einem Freund meiner Studentenzeit, den ich im „Klub der logischen Denker“ kennenlernte, sein Stück „August August August“ gesehen zu haben. Gelesen habe ich noch nicht sehr viel, obwohl ich glaube, vor kurzem eines seiner Bücher im Schrank gefunden zu haben.

Als politischen Schelmenroman, der Klappentext schreibt von sich überbietender Absurdität, könnte man das Buch beschreiben und es ist ein sehr spannendes Stück Literatur, das einen voll sarkastischen Witz, in ein Stück der jüngeren Vergangenheit führt.

„Personen, Schauplätze und Geschehnisse sind leider frei erfunden!“, soll Kohout laut Klappentext dazu gesagt haben, „dafür sind die historischen Informationen und die zitierte Literatur gottlob streng authentisch“

Es geht gleich los in  sechs Kaptiel, die in zweiundsechzig Szenen unterteilt sind, die oft mitten im Satz aufhören und beginnen.

Die bildhübsche Linzinka, ein blonder Engel, fünfzehn Jahre alt, hat die Pflichtschule beendet und da müßen die Eltern in Prag, ich nehme an, die Handlung spielt dort, sich was für den weiteren Werdegang einfallen, beziehungsweise ihre Beziehungen und Reize spielen, lassen und Lizinka ist, sowohl bei der Eignungsprüfung fürs Gymnasium, als auch bei der des Konservatoriums durchgefallen.

Die Mama dreht durch, sperrt sich im Badezimmer ein, beschimpft den Papa, einen nutzlosen Philologen, der schon bei der Telefonseelsorge anruft, dann erscheint sie geschminkt und ruft den einflußreichen ehemaligen Liebhaber an. Der fährt zwar mit der Gattin auf Schiurlaub, verweist Mama Luzie aber an eine Kommission und der fällt zuerst Bäckerin und Melkerin ein, fragt dann aber, ob „Das Fräulein nicht vielleicht Vollstreckerin werden will?“

Lizinka nickt blauäugig, so rückt die Aufnahmekommission in die Wohnung der Tachecis an. Lizinka besteht mit Bravour und köpft, bezeihungsweise tötet im Badezimmer einen Fisch und einen Hahn, der aufrechte Papa bekommt zwar einen Tobsuchtsanfall, als er begreift, um welchen Beruf es sich handelt, aber Linzika-Täubchen nickt wiederum begeistert.

Die Aufnahmekommission bestand aus dem Scharfrichter Professor Wolf, seinen Assistenten Schimssa und den Gehilfen Karli und die ersten beiden begeben oder begaben sich gemeinsam mit einem nicht näher genannten Doktor, ein Jahr lang in ein Cafe, um dort den Lehrplan für ihre Scharfrichterakademie, ein einjähriger Jahrgang mit Abitur auszuklügeln.

Es gibt sieben Schüler, sechs Burschen und der Gleichberechtigung wegen, Linzinka, die die erste Henkerin der Welt werden soll und die Schüler beziehungsweise einer davon, der Fleischersohn Richard und die beiden Lehrer verlieben sich in die schöne Jungfrau.

Das wird mit der beschriebenen sich überbietenden Absurdität geschildert, dazwischen geht es in die Geschichte der Folterungen und Henkermethoden zurück und die sieben Schüler machen am Samstag mit ihren Lehrern auch immer Excursionen in Foltermuseen, etcerta.

Zuerst ist aber Weihnachten und da hängt bei den Tachecis ein so schweren Paket an der Tür, daß die Schnalle abfällt, Richard hat seiner Angebeten nämlich das beste Fleisch aus dem Hause seiner Eltern geschickt und kommt dann auf Besuch um sie zum Eislaufen auszuführen.

Das führt zu Streit zwischen den Eltern, ein Nebenbuhler taucht auch auf und als die Klasse zum Silvesterschiausflug aufbricht, hat die Klasse einen Schüler, nämlich Richard, weniger.

Das Leben geht aber weiter, denn im Juli muß die Meisterprüfung, sowie das Abitur bestanden werden.

Dann erfährt man viel vom Werdegang des Dozenten Schimssa, der vom Staat, das heißt von Waisenhäusern und Kasernen aufgezogen wurde, bevor er in Prof. Wolf seinen Mentor fand und bevor er Henker wurde, hatte er noch eine erstaunliche Karriere als Foltermeister hiner sich gebracht und der, obwohl er eigentlich auf schwarzhaarige Frauen steht, verliebt sich in das blonde Prinzesschen, so führt er, als Wolf der Hexenschuß plagt und die Samstagexcursion absagt, seinen Auftrag das auszurichten, nicht ganz aus, sondern fährt mit Linzinka in das Seminarhotel und will sie dann, damit sie Extrapunkte sammeln kann, als Gehilfin zu einer Vollstreckung mitnehmen. So führt er sie in sein Wochenendhaus, schickt sie in die Badewanne, füllt sie mit Whisky ab und dann kann er nicht. So schleppt er die noch Angetrunkene ins Gefängnis, holt den Deliquenten hinzu und die Schule hat dann einen Lehrer weniger und Wolf muß seine restlichen Schüler und die Schülerin alleine zum Abitur führen.

Aber erst beginnt er sie auf eine Excursion mitzunehmen, obwohl er zu Hause eine liebende Gattin hat, aber die kann ihm keine Kinder schenken, so nehmen die beiden einen Kranz und fahren damit nach Deutschland in ein ehemaliges KZ um ihn dort niederzulegen.

Das führt, wir ahnen es schon, zu Komplikationen, obwohl Engelchen Lizinka keinen Widerstand leistet und mit einem schwarzen Abendkleid und blonden Zöpfen ihren Lehrer und dem Leiter des KZ-Museums in ein Restaurant und dann zu einem makabren Spiel folgt, bei dem früher die Häftlinge, jetzt Hunde dran mußen.

Ein Kuß von Lizinka ist das Pfand, sie küßt am Ende beide und den sterbenden Hund und bevor sie zurückkommen gibt es im Zug noch eine unheivolle  Ent- oder Verwicklung, dann kommt Wolf aber reumütig zu seiner Marketa zurück und das Abitur beginnt.

Das besteht Linzinka mit Bravour, denn die Aufnahmekommission ist gnädig und die Mama hat ihr die wichtigen Fakten ohnedies auf die Handballen geschrieben, die praktische Meisterprüfung besteht aus einer Art Kabarett, das heißt ein Schwein wird gehängt, das bei der anschließenden Feier gleich gegessen wird, Dozent Schmimscha ist der zweite Aufknüpfungskanditat und mit dem Doktor gibt es, wie sich herausstellen soll, auch Probleme.

Prof. Wolf schwebt aber im siebenten Himmel, läßt sich von seiner Frau scheiden, hält bei der Feier um Linhzinkas Hand an, beschließt aber gleich, die Menage dann a la trois zu betreiben, mit Marketa, der schönen Ex, mit Mama Lucie die ihm auch Avancen macht und mit Engelchen Linzika, der weltweiten ersten Henkerin.

Ein wahres Schelmenstück der tschechischen Widerstandsliteratur, aber inzwischen hat sich die Weltlage ja geändert, geköpft und gehängt wird wahrscheinlich nicht mehr in der tschechischen Republik und was mir nicht so gefällt ist das Cover, da gibt es nämlich das Bild eines hübschen Blondchens mit  der Henkerkappe und einer Schlinge auf ihrem nackten Busen zu sehen.

Pavel Kohout spielt aber schon ein bißchen mit dem Weiblichkeitsklischee und stellt seine Heldin ein bißchen als nicht besonders eigenwillige femme fatal dar.

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