Literaturgefluester

2016-04-20

Ungeduld des Herzens

Passend zur gestrigen „Soma Morgenstern-Gedenkveranstaltung“ Stefan Zweigs 1939 erschienener, ich glaube, einziger fertig gestellter Roman „Die Ungeduld des Herzens“, wie Joseph Roths „Radetzkymarsch“ warscheinlich auch ein Abgesang an die Monarchie, spielt das Buch ja 1914 in einer kleinen Garnisonstadt, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges und wird vor Ausbruch des zweiten, dem Erzähler von einem Offizier berichtet. Es ist aber, denke ich etwas verhaltener, hat mich, was eigentlich selten geschieht, sehr beeindruckt, obwohl manche Stellen nach heutigen Geschmack eindeutig kitschig sind, andere dagegen so offen, daß man sich wundert, daß das 1939 schon geschrieben wurde.

Ich habs ja, glaube ich, schon einmal geschrieben, daß ich in „Von Tag zu Tag“ einmal die Besprechung eines Buches über die neuere österreichische Literatur und da sagen hörte, daß die Autoren Peter Rosegger und Stefan Zweig aus dem Kanon der bedeutenden Schriftsteller gestrichen und dafür Michael Felder aufgenommen hätten. Von Felder habe ich seine Augobiografie gelesen, von Rosegger vor Jahren „Jakob der letzte“ und war tief beeindruckt von dem meiner Meinung nach ersten Roman über den Umweltschutz.

Von Zweig habe ich bis jetzt die „Schachnovelle“ und vor Jahren, noch als Hauptschülerin, die Biografie „Maria Antoinette“ und etwas später „Die Welt von Gestern“ aus dem Büchertschrank meiner Eltern gelesen und eine „Arte-Doko“ gehört, die mich veranlaßte, aus meinen Beständen, die Zweig-Bücher herauszuholen und den geplanten Vicki Baum-Schwerpunkt noch eine Weile aufzuschieben.

Die „Ungeduld des Herzens“ habe ich mir aus Harland mitgenommen, eine „Donauland-Ausgabe“, ob ich sie mir einmal zu Weihnachten wünschte oder im elterlichen Bücherkasten war, weiß ich nicht so genau, aber wieder ein ungelesenes Buch, das nach Jahren zur Ehre kommt und für mich ein weiteres Pläydoyer für das Büchersammeln ist.

Es ist, glaube ich, auch ein Meisterstück des Erzählens, denn sehr verwinkelt und sehr geplant, mehrere Novellen hineingepackt, mehere Ebenen und es beginnt, 1938 oder 39, wo der Erzähler in einem Cafe einen Offizier trifft, der ihm  Angesichts des kommenden Krieges seine Geschichte von der längstvergangenene gestrigen Welt erzählt.

Die „Ungeduld des Herzens“, ist eine Metapher für das Mitleid. Zweig schreibt vom Falschen und vom Echten. Der fünfundzwanzigjährige Leutnant, Anton Hofmiller, hat wohl das Falsche, als er, Sohn armer Leute, der in seiner Garnison immer neben den reichen Kameraden steht und sich sein Geld einteilen muß, zum reichen Herrn von Kekesfalva zum Abendessen in sein Schloß gebeten wird.

Er kommt wegen einer dienstlichen Angelegenheit zu spät, kann sich so über die Verhältnisse wahrscheinlich nicht orientieren und fordert, als es zum Tanzen geht, die Tochter des Gastgebers auf. Die erstarrt, denn sie ist gelähmt, was er nicht wußte, er stürzt entsetzt davon, wird aber wieder in das Schloß gebeten und ist von der Freundlichkeit, die ihm entgegenströmt, sehr gerührt.

Täglich besucht er fortan die Gelähmte, ein siebzehnjähriges Mädchen und es passiert, was passieren muß, sie verliebt sich in ihm.

Der Vater bittet Hoffmiller mit dem Arzt Dr. Condor zu sprechen, wie hoffnungsvoll oder hoffnungslos die Krankengeschichte wirklich ist? Einem Fremden wird der Arzt die Wahrheit eher sagen und Hoffmiller verspricht es , ohne was man hier wohl tun sollte, die Frage zu stellen und was passiert, wenn die Sache aussichtslos ist?

Der Arzt führt Hofmiller in eine Weinstube und erzählt ihm erst lang und breit die Geschichte, daß Kekesfalva kein wirklicher Adeliger, sondern ein ehemals armer Jude ist, der die Gesellschafterin einer Fürstin, der das Schloß früher gehörte und die aus Zorn auf ihre erbschlechenden Verwandten, das Schloß ihr vererbte, um  ihren Besitz prellen wollte. Dann heiratet er sie doch, es wird eine gute Ehe und als sie stirbt, vertraut er dem Arzt die Geschichte an.

Für die Gesundheit der geliebten Tochter würde der alte herzkranke Mann alles tun und der Arzt weicht auf die Frage „Hoffnungslos? aus, denn was ist das?

Als er Medizin studierte galt der Diabetes als hoffnungslos, inzwischen kkann man ihn mit Insulin behandeln. Es gibt also nur noch nicht zu behandelnde Krankheiten und dann erzählt er von einem Fall von der Heilung einer Lähmung von der er gehört hat.

Hofmiller fährt zum Vater und tut nun etwas, was ich unlogisch finde und aus heutiger Sicht nicht verstehen kann. Er redet ihm die Heilung ein.

„Es gibt Hoffnung, sie wird mit der neuen Kur bestimmt gesund!“,  etcetera. Das hat fatale Folgen, denn der Vater und die Tochter haben nun falsche Hoffnungen und Edith schreibt ihm einen langen Brief über ihre Gefühle.

Hofmiller will den Dienst quittieren, um aus der Bedrängung herauszukommen, besucht aber vorher den Arzt in Wien und dessen blinde Frau, die der geheiratet hat, weil er sie nicht heilen konnte.

Der Arzt sagt, man muß alles aufklären.

„Halt, halt!“, antwortet Hofmiller wieder.

„Nur nicht zu früh die Hoffnung zerstören!“, denn es gibt ja auch psychische Kräfte, sowie Sigmund Freud, füge ich hinzu und Stefan Zweig war, glaube ich, von seinen Schriften sehr begeistert.

So geht das Spiel weiter. Edith soll in die Schweiz zur Kur und Hofmiller sie bis dahin jeden Tag besuchen. Die Kranke droht mit Selbstmord, wenn man ihr nicht zu Willen ist. Der Vater kommt zu Hofmiller und bittet ihn auf Knien, doch sein Kind zu retten und so kommt es zu einer heimlichen Verlobung, beziehungsweise zu einem öffentlichen Kuß von Hofmiller, der wieder von seinem Mitleid hin-und hergerißen wird.

Dann geht er allerdings in eine Kneipe und in ein Kaffeehaus, um sich zu betrinken, trifft dort seine Kameraden, die ihm mit der Verlobung aufziehen. Er dementiert verzweifelt. Das ist eine Lüge, also ein unehrenhaftes Verhalten und das ist für einen Offizier unwürdig. Frauengeschichten und Saufen sind erlaubt, beziehungsweise wird es von den Vorgesetzten gedeckt. Das nicht, also ebenfalls Selbstmord, als einzig ehrenhafter Ausweg aus diesem Fall.

Als er mit diesen Gedanken in die Kaserne wankt, wird er von seinem Vorgesetzten gemaßregelt. Er erzählt ihm alles und der sagt „Unsinn!“ und versetzt ihn an eine andere Stelle.

Mit den Kameraden wird er sprechen, so daß alles vertuscht werden kann. In Wien, steigt Hofmiller  aus dem Zug, um mit Dr. Condor zu sprechen und als er ihn nicht antrifft, Handies hat es ja noch nicht gegeben, schreibt er ihm einen Brief, wo er ihn bittet zu Edith zu fahren und wenn sie will, wird er quittieren, sie heiraten, etc.

In Brünn will er nach Kekesfalva telegraphieren, aber so viele Leute stehen am Postamt und lesen wahrscheinlich schon die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers. In der Nacht wird er aufgeweckt, ein Telephongespräch, die Verbindung klappt aber nicht, das Telefonfräulein entschuldigt sich. Es ist jetzt soviel los und am Morgen erfährt er, alles war umsonst und ist zu spät gekommen. Edith hat seine Untreue erfahren und sich vom Balkon gestürzt. Betroffen sütrzt er sich in den Krieg, wo alles nichtig wird, denn die Zahl der Menschen, die er dort tötet, wofür er noch einen Orden bekommt, sind unzählig. Nur einmal wird er noch in der Oper, wo er den Doktor und seine Frau trifft, an seine Schuld erinnert und jetzt soviel Jahre später, ist wieder alles anders, denn die Emigranten beginnen schon  das Land zu verlassen.

Im „Marbacher Literaturarchiv“ habe ich gelesen, gibt oder gab es eine Sonderausstellung zu diesem Buch und da wurde auch die Frage diskutiert, wie weit der Roman autobiografisch ist? Etwas was mich eigentlich nicht so interessiert. Für mich wurde die Frage beantwortet, daß Stefan Zweig ein Schriftsteller ist, der in den Kanon gehört und dem man lesen sollte, um die Vergangenheit und die Geschichte Österreichs der letzten hundert Jahre zu verstehen und das habe ich mit zwei Novellenbänden, dem Portrait von „Joseph Fouche“ und dem Wiederlesen der „Welt von Gestern“, auch vor.

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