Literaturgefluester

2016-05-14

Erstes Erlebnis

Gleich geht es weiter mit Stefan Zweig und seinen Novellen der Leidenschaft  „Erstes Erlebnis-vier Geschichten aus Kinderland“, 1930 im „Insel-Verlag“ in Leipzig erschienen.

Ein Buch aus der 41- 46 Tausender Auflage, Stefan Zweig war ein sehr gelesener Autor, von denen viele vielleicht auch am 10. Mai 1933 in den deutschen Städten brannten.

Meines hat ein  Dipl. Ing. aus dem sechsten Bezirk besessen und ich habe es, vielleicht eine Verlassenschaft, schon vor längerer Zeit in einem der Schränke gefunden, man sieht, auch bei mir gibt es Lesespuren und ein Archivieren, so habe ich es bezüglich meines Stefan Zweigs Schwerpunkts herausgeholt und mich in die alte Schrift eingelesen.

„Vier Geschichten aus Kinderland“, das scheint mir etwas untertrieben, denn die meisten der Erzählungen handeln von Pubertierenden und sie behandeln, dann stimmt es wieder „Das erste Erlebnis“ zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben und wir können raten, vergleichen und herausfinden, was in Zeiten der vielen Traumatisierungen nach einem möglichen oder tatsächlichen Mißbrauchs inzwischen anders geworden ist.

Das Buch ist Ellen Key, einer 1926 verstorbenenen schwedischen Reformpädagogin, „In herzlichem Gedenken der hellen Herbsttage von Gagni di Lucca“ gewidmet und beginnt mit einem Gedicht:

„O Kindheit, wie ich hinter deinen Gittern,

Du enger Kerker, oft in Tränen stand,

Wenn draußen er mit blau und goldnen Flittern

vorüerzog, der Vogel Unbekannt“,

da nichts anderes dabei vermerkt ist, nehme ich an, es ist von Stefan Zweig, sonst würde ich es Rilke zuschreiben, beziehungsweise es mich an den „Panther“ erinnern.

Es mit der „Geschichte in der Dämmerung“, wie die nachfolgende „Gouvernante“, schon in den „Novellen der Leidenschaft“ enthalten, aber dieses wurde erst 1966 von S Fischer, verlegt, meines war eine „Donaulandausgabe“ und erinnert  den „Brief einer Unbekannten“ oder „An die Frau und Landschaft“

Sie wird in der Dämmerung vom Erzähler erträumt, hat er sie aus einem Buch gelesen oder von einem Bekannten erzählt bekommen? Da kommt jedenfalls das Bild eines fünfzehnjährigen Knaben, der in Schottland in der Dämmerung die Treppen eines Schloßes hinabsteigt und in den Garten geht, dort hat er eine erotische Begnung. Eine Frauengestalt schmiegt sich an ihn, küßt und herzt ihn und verschwindet. Er forscht unter den anwesenden Frauen, eine Gräfin, eine Tante, drei Cousinen nach, wer es gewesen sein könnte? In der nächsten Nacht trifft er sie wieder und presst das Medaillon ihres Armbandes in seine Haut, es ist achteckig und seine Cousine Margot trägt am nächsten Morgen ein solches, er spricht sie beim Ausritt darauf an, sie reagiert unwirsch, meint er wäre ungezogen, ihre Schwester Elisabeth reagiert besorgter und am Abend kommt es zur nächsten Begegnung und weil in Margots Zimmer  noch Licht brennt, steigt er auf einen Baum, um mit ihr zu sprechen, fällt aber hinunter, bricht sich das Bein und die Schwestern  besuchen ihn dann in den Wochen, wo er in seinem Zimmer stillsitzen muß. Einmal, er hat die Augen geschloßen, es kommt eine Besucherin und streicht über seine Hand, als er sie öffnet, erkennt er mit Schrecken, es ist Elisabeth und nicht Margot, die eine liebt er, die andere ihn. Der Sommeraufenthalt ist bald vorüber, die beiden Schwestern heiraten später und Bob irrt rastlos durch die Welt.

„Die Gouvernante“ hat mich bis auf ihren etwas rührseligen Schluß sehr gepackt, denn klarer kann man vielleicht nicht in die Schlafzimmer der bürgerllichen Wohnungen mit ihren verschiedenen Stände blicken, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts blicken.

Das sind zwei namenlose Kinder, zwei Mädchen zwölf und dreizehn Jahre alt, liegen im Bett und sprechen von ihrem „Fräulein“, das ebenfalls keinen Namen hat. Den hat nur der Cousin Otto, ein Student, der in der Familie wohnt und dem, plaudern die beiden Mädchen aus, scheint das Fräulein zu gefallen, kommt er doch oft zu ihnen, wenn sie mit ihr in den Prater, im Stadtpark oder Volksgarten spazierengehen. Dann erlauschen sie ein Gespräch zwischen ihm und ihr und die Ältere kennt sich nicht aus, denn das Fräulein spricht von einem Kind, das sie hat. Wo ist es, denn das haben ja nur die verheirateten Frauen und sie ist mit Otto ja gar nicht verheiratet. Der zieht auch bald aus, um ungestört zu Ende zu studieren,  die Mutter bittet das Fräulein in ihr Zimmer und entläßt die „unmoralische Person“. Die ist verstört, die Kinder sind es auch, beschließen noch vor dem Frühstück aufzustehen und ihr einen Strauß weißer Rosen in ihr Zimmer zu legen, weil sie ja, wenn sie von der Schule kommen, schon fort sein könnte. Allein, das Zimmer ist leer, die Sachen durcheinender geworfen, es gibt einen Abschiedbrief. Jetzt reagiert auch die Mutter, Otto wird geholt und den Kindern wird wieder nichts rechtes erklärt, so daß sie sich verstört von den Lügen der Erwachsenen abwenden, aber selbst schon etwas unwahr werden und sich vielleicht später in ihrer Hochzeitnacht, die Geheimnisse erklären können. Stefan Zweig hat ja auch in der „Welt von Gestern“ sehr deutlich von den Unterschieden in der Erziehung der männlichen und weiblichen Jugend geschrieben. Den heranwachsenden Knaben werden hübsche Dienstmädchen engagiert, damit sie sich nicht im Bordell anstecken müßen, den Mädchen kann passieren, daß sie in der Hochzeitsnacht erschrocken nach Hause laufen und „Er hat versucht mich zu entkleiden!“, rufen.

Ein bißchen fies erscheint heute vielleicht die „Sommernovellette“ eine kleine Geschichte, die der Erzähler in Italien von einem älteren Herrn berichtet bekam. Der scheint sehr anspruchsvoll und auch gelangweilt, sucht niemals die gleichen Orte auf, aber in dieser Pension war er schon vor Jahren. Damals wohnten dort zwei Damen mit einer heranwachsenden Sechzehnjährigen, die sich sichtlich langweilte und in den ewig gleichen zwei Gedichtbänden „Goethe und Baumbach„, nie von ihm gehört, blätterte. Da „erbarmte“ er sich ihrer oder machte sich einen Scherz .Er schrieb ihr Liebesbriefe und beobachtete darauf am Tisch ihre Reaktion und das Wunder geschah, sie blühte auf. Er trieb das Spiel weiter, erfand den Liebhaber in den Nachtbarort, so daß sie die ankommenden Schiffe zu beobachten begann. Später mußte sie abreisen und wird wahrscheinlich auch geheiratet haben und der Erzähler meint, daß sein Interesse nicht dem Mädchen oder dem jungen Mann der dann tatsächlich mit einem der Schiffe ankam, gegolten hätte, sondern der Psyche des Briefschreibers und daß er die Novelle mit ihm weitergeschrieben hätte.

Dazwischen gibt es die längste Novelle „Das brennende Geheimnis“, das auch in der „Arte-Dokumentation“ erwähnt wurde, 1911 erschienen, 1933 als die Bücher brannten, schreibt Zweig, glaube ich, in der Welt von gestern, lief der Film gerade in den Beriner Kinos und die Menschen strömten hin.“

„Hoffentlich die Treue! Sie ist kein leerer  Wahn!“, hat jemand, der Diplomingenieur oder seine Frau vielleicht, in Kurrentschrift darüber geschrieben und man kann die Geschichte hundert Jahre später, sicher wieder in sehr vielen Schichten betrachten und interpretieren.

Da fährt ein Baron  in den Frühjahrsurlaub auf den Semmering, langweilt sich, schaut die Gästeliste durch, da ertönt auf einmal eine weibliche Stimme ruft  „mit affektieren Akzent“ „Mais tais -toi docc, Edgar!“, das ist die Mama, die mit dem kränklichen Sohn, selbstverständlich nur französisch spricht, obwohl sie offenbar, den damals üblichen weiblichen Bildungsansprüchen entsprechend, gar nicht so gut kann und der Jagdinstinkt ist geweckt. Aber wie kann er an die Frau heran, die sich ein Ansprechen, wieder nach den damaligen Sitten verbieten würde?

Er versucht es über den Zwölfjährigen, der sich in der Einsamkeit der Bergwelt ohnehin schon langweilt, geht mit ihm spazieren, verspricht ihm einen Hund und kommt so, wie gewünscht mit der Mutter in Kontakt. Enttäuscht wird der Kleine, als die Beiden am nächsten Tag dann keine Zeit mehr für ihn haben, ihn auf die Post schicken und, als er zurückkommt, sieht er sie in den Wagen steigen, obwohl die Mutter ihm zu warten versprochen hat.

Das weckt nun die Jagdinstinkte des Kinde, er ahnt das Geheimnis, das er offenbar noch gar nicht versteht, will ihm aber auf die Spur kommen, stellt den Baron, als die Zwei zurückkommen in der „Hall“ zur Rede, muß daraufhin allein im Zimmer speisen, springt aber aus dem Fenster und schlecht den Beiden nach und als die Mama dann doch, zögernd natürlich, dem Baron in sein Zimmer folgen will, steht er bereit und schlägt ihn nieder.

Am nächsten Tag, der Baron ist abgereist, soll er einen Entschuldigungsbrief schreiben, er tut es nicht, sondern fährt mit den zwanzig Kronen, die er mal bekommen hat, nach Baden zu der Großmama. Dort erwartet ihn der strenge Papa, auch ein Rechtsanwalt und stellt ihn zur Rede. Als er alles sagen will, sieht er hinter ihm das Gesicht der Mutter, die ängstlich schaut und den Finger auf die Lippen legt. Da sagt er nichts und entschuldigt sich nur und fängt wahrscheinlich erst viel später zu begreifen an, daß er die „Unschuld“ der Mutter gerettet hat und die sich nun, wie Stefan Zweig weiter schreibt „ein Gelöbnis der alternden Frau (wahrscheinlich ist sie fünfunddreißig), daß sie von nun ab nur ihm, ihrem Kinde gehören wollte, eine Absage an das Abenteuer, einen Abschied von all en eigenen Begeherlichkeiten“ gibt.

Interessant diese Talfahrt der erwachendenen, beziehungsweise erschlummernden Gefühle, das Erwachsenwerden der bürgerlichen Kindheiten vor hundert Jahren und das Beobachten was sich alles inzwischen geändert und vielleicht doch, wenn auch in veränderter Form, gleichgeblieben ist.

Interessant auch die Auffmachung und die Zusammenstellung des Bandes, das Widmung für die Reformpädagogin  und das Gedicht an die Kindheit, denn es sind ja alles, irgendwo habe ich gelesen, an Schnitzler angelehnte, erotische Geschichten, die aus der Perspektive des Kindes erzählt wurden.

Und dazu noch ein Bonmot aus den heutigen Tagen, vor ein paar Wochen bin ich im Literaturhaus beim Wein gestanden und habe einer Erzählung zugehört, wo ein Mädchen den Stiefvater nur mit einem Anagramm anredet, also seinen Namen rückwärts ausspricht.

„Sie lehnt ihn ab!“, habe ich interpretiert und noch dazu kreativ, antwortete die Erzählerin, hier hat der Junge, die „Ehre seiner Mutter verteidigt, was heute vielleicht ein wenig kitschig klingt und hat dabei auch, wie Zweig andeutet, die eigene Erotik gespürt und ist, wie er weiterschreibt, frühzeitig erwachsen geworden.

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