Literaturgefluester

2016-06-02

Brasilien

1936 ist Stefan Zweig über Einladung des PEN-Clubs zuerst nach Argentinien, danach nach Brasilien gekommen, wo er von dem Land sehr beeindruckt und dort auch schon sehr bekannt war, so daß er, als er dann auch aus London emigirieren wollte und es in Amerika nicht aushielt, sich 1941 mit seiner zweiten Frau Lotte in Petropolis ein Haus für ein halbes Jahr mietete, wo er im Februar 1942 mit ihr Selbstmord beging.

Im September 1941 ist „Brasil – Pais do Futora – Brasilen- ein Land der Zukunft“ erschienen, in dem der vom Krieg und den Zuständen in Deutschland  Zerrüttete, seiner neuen Heimat ein Denkmal setzte, das er als „Paradies“ empfand und „Brasilien wird immer eine Zukunft haben“, als Schlußwort schrieb, was der Herausgeber, des bei S. Fischer erschienenen Bandes, in seinem Nachwort, angesichts der heutigen Zustände ein wenig revidieren mußte.

Ich  habe mich jetzt durch meine Recherchearbeit für meine „Berührungen“ in denen sowohl Stefan Zweig, als auch Heimito von Doderer, als Figuren eines Theaterstück und auch als Betrachter auf der „Wolke“ eine Rolle spielen, in Stefan Zweig eingelesen und auf den Band „Brasilien“, ein Spätwerk, wie die „Schachnovelle“ und die „Welt von Gestern“, bin ich nur durch Zufall, beziehungsweise durch den Film „Vor der Morgenröte“, der heute in die Kinos kommt und den ich mir nach meiner Rückkehr aus Kroatien anschauen kann, gekommen und, wie ich mich vor einem Jahr mit dem „Mexiko“ das Egon Erwin Kisch in seiner Emigration erlebte, beschäftigt habe, reise ich jetzt durch das Brasilien der Neunzigdreißiger und frühen Vierzigerjahre, das heute sicher anders ist, aber durch die scharfe Analyse Stefan Zweigs, dem europaischen Denker, seine beeindruckenden Spuren hinterläßt.

Es gibt auch eine Zeittafel, um die Geschichte des Landes, das von den Portugiesen, deshalb spricht man auch Portugisisch und nicht Spanisch, wie in manchen Romanen, die Stefan Zweig gelesen hat, behauptet wurde, erobert wurden und Stefan Zweig, der durch den Krieg Traumatisierte, lobt in seinem Vorwort, die Freundlichkeit der Brasilaner, die durch ihre Geschichte total vermischt sind und keine Rassentrennung kennen, so daß die Weißen mit den Schwarzen und den Braunen ganz selbstvcerständlich nebeneinander gehen, sich umarmen und befreundet sind.

So freundlich und friedfertig war das wohl doch nicht so ganz,  obwohl die Portugiesen im sechzehnten Jahrhundert mit den nackten Ureinwohnern, die außer Holz, das man nicht gut transportieren konnte, keine Schätze zu besitzen schienen, nicht viel anfangen konnten.

Später entdeckten sie aber das Gold, den Zucker, den Kaffee, den Gummi, die Portugiesen siedelten sich in Brasilien an, schickten auch ihre Jungfrauen und Huren hin, was dann auch zu der Vermischung führte, sowie, die Sklaven die von Afrika importiert wurden.

Also wieder trotz der Freundlichkeit der Brasilianer eine Geschichte der Gewalt und auch das Kapitel der Wirtschaft ist eine der Ausbeutung. Die Braslianer durften selbst aus der Baumwolle keine Stoffe machen, sondern mußten sie importieren und ihre Kleider kaufen, der Kaffee wurde zu Spekulationszwecken ins Meer geworfen etcetera. Das dritte Kapitel ist die Kultur des Landes gewidmet und da lobt Zweig wieder die Freundlichkeit und den Stolz der Einwohner, die lange Analphabeten waren, so hat sich die Kultur auch erst sehr spät entwickelte.

Denn der Samba kam ja von den Sklaven aus Afrika, die ersten Romane und die ersten Opern wurden erst sehr spät geschrieben, wie auch die Schulbildung und die Universitäten sehr sehr spät eingeführt wurden und Stefan Zweig, als er nach Braslien kam, wie einst bei seinem Besuch in Russland, die Straßenbahnschaffner und die Arbeiter in ihren Pausen stolz mit einem Buch in der Hand lesen sah.

Dann gehts nach Rio de Janeiro in diese wunderschöne Stadt am Meer, wo frühmorgends alle Passagiere auf den großen Schiffen mit ihren Ferngläsern und Kameras stehen um die Einfahrt nicht zu versäumen, wo man statt der Freiheitsstatue den „Pao de Acuar“, den Zuckerhut sieht, es gibt in der Stadt nach französischen Modell, dem großen Vorbild nachempfunden, einen großen Boulvard und außerdem die „Favelvas“, die „Negerdörfer“, wie man damals noch schreiben durften, die wie Stefan Zweig bedauert, „morgen“ vielleicht schon verschwunden sind, die für ihn aber, obwohl ihre Bewohner sehr arm waren, einen großen Reiz ausmachten.

Die Städte  San Paolo, eine moderne zukunftsträchtige Stadt, wie Zweig steht, in dem alle hasten und es wenig Romantik, dafür aber eine Schlangenfarm, ein Museum mit ausgestopften Papageien und eine große Strafanstalt gibt und Bahia, die Zweig während eines Rundflugs kennenlernt und eine religiöse Prozession miterlebt, werden besucht und der Amazonas erlebt.

Es gibt ein Kapitel über den Kaffee, den ja die Türken nach Wien gebracht hat, in Brasilien wird man zu jeder Tageszeit zu einem Tässchen Kaffee eingeladen und schlürft das schwarze starke Getränk, wie Likör hinunter. Die ehemaligen Goldgräberstädte und die modernen Minen und noch vieles anderes, werden besucht oder ausgelassen.

Und am Schluß meint Zweig nach seiner wahrscheinlich ersten Brasilienreise: „Aber dann besinnt man, da der Motor anhebt zu rattern, um uns fortzutragen, wieviel Dank man schon schuldet für Glück und Gewinn dieser Wochen und Monate. Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß, der hat Schönheit genug für ein halbes Leben gesehen.“

Man sollte also hinfahren in das moderne Brasilien, das inzwischer sicherlich ganz anders ist, aber vorläufig habe ich mich ja auf Kroatienurlaub begeben und werde darüber wahrscheinlich auch einiges zu berichten haben.

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