Literaturgefluester

2016-06-11

Tito ist tot

Filed under: Bücher — jancak @ 15:55
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Jetzt kommt wieder ein Buch einer Deutsch-Kroatin, nämlich der erste Geschichtenband, der, laut Klappentext 1973 in Jugoslawien geborenen Marica Bodrozic „Tito ist tot“, der 2002 bei „Suhrkamp“ erschienen ist.

Inzwischen gibt es, glaube ich, eine Neuauflage und Marica Brodozic ist literarisch  bekannt geworden.

Mein Buch habe ich, was ich eigentlich sehr selten tue, bei einem Antiquar in der Kirchengasse, um dreißig Cent aus einer Kiste herausgezogen, ein Daniel Kehlmann war auch dabei und ein Buch der Rosemarie Poiarkov , das mir dann die Annta davon getragen hat

„Beerholms Vorstellung“ habe ich gelesen, „Tito ist tot“ nicht, denn als ich es aufschlug, erkannte ich, es sind Geschichten und Geschichten mag ich ja nicht, lautete das Vorurteil, das ich inzwischen überwunden habe.

So ist das Buch auch auf meine Leseliste gekommen, ich wollte es, glaube ich, nächstes oder übernächstes Jahr lesen. Aber jetzt habe ich es vorgezogen und in den Urlaub mitgenommen, denn Marica Bodrozic, wurde ja die ersten zehn Jahre ihres Lebens in der Nähe von Split von ihrem Großvater aufgezogen,  bis sie 1983 nach Deutschland kam, dort eine Buchhändlerlehre absolvierte, Frankfurt Kulturantropologie und Slawistik studierte und 2001 für ihren Debutband das „Hermann-Lenz-Stipendium“ bekam.

Wenn ich mich nicht irre, habe ich in Ex Libris das erste Mal von der jungen Autorin gehört, die mich sehr beeindruckt hat, inzwischen wurde, glaube ich, von Cornelis Hell oder Katja Gassner in der „Gesessllschaft für Literatur“ auch ein neuerer Band von ihr der über Kroatien handelt besprochen.

„Tito ist tot“, sind sehr kunstvolle poetische Geschichten, vielleicht ähnlich kunstvoll, wie die der Jagoda Marinic könnte man sagen oder doch anders.

Marica Brodicic bezieht sich mehr auf das kroatische Dorf, auf den Großvater, die Lilien auf dem Feld, die Schmetterlinge, etcerta, tut das aber in einer sehr sehr poetischen Art, was auch der Grund wohl ist, daß sie mit ihren Geschichten so berühmt geworden ist.

„Tito ist tot“, autet auch die Titelgeschichte und der Josip Broz ist am vierten Mai 1980 in Ljubiana gestorben, als die kleine Mariza wahrscheinlich bei ihrem Großvater im Dorf mit der Schule begann.

Sie erzählt davon, von Tito und vom Großvater und  denVeränderungen, die dieses Ereignis für die Kinder und wahrscheinlich ganz Jugoslawien hatte.

Dann gibt es die Geschichte vom Onkel Jeoseph, dem Gastarbeiter, der in der Fremde, in Deutschland zu saufen begann, weil ihm sein Frau im Heimatdorf betrog und seine Kinder ihn nicht mehr sehen wollte und die von der Katarina Jadrova, die in das Dorf der Eltern ihres Ehemannes mit einem Sack voll Hochzeitsfotos, als Beweis kommt und immer eine Fremde bleibt, während der Mann in Deutschland, wie so viele andere arbeitet und die Kinder, der Zurückgebliebenen mit den Schmetterlingen spielen oder die Lilien bewundern, die ein Sonderling im Dorf züchtet. Sein Garten ist sehr schön. Er tut nichts anderes, als Lilien zu züchten, das halten die Dorfbewohner nicht aus, so zerstören sie sie, als er einmal krank im Beet liegt.

Ja, die Poetik kann auch ganz schön grausam sein und wir können uns das alles, die Lilien in dem Dorf, der hart arbeitenden Menschen, wo es keine Pampers gibt und die Wäsche noch mit der Hand gewaschen wird, gut vorstellen. Die Kinder werden von den Großeltern aufgezogen oder später nachgeholt, bis das soweit ist, schicken die Eltern Geschenke, schöne Shuhe zum Beispiel der Freundin der Ich-erzählerin, die vielleicht Marica Brodozic ist oder auch nicht, denn das Erzähler-Ich haben wir ja gelernt ist selten autobiografisch.

Die Schue verschwinden aber, die Nachbarn beschuldigen die Erzählerin sie aus Neid genommen und im Garten vergraben zu haben. Der Großvater tröstet und später als die Mädchen erwachsen ist, ist alles vergessen und die Freundin kann sich nicht mehr erinnern.

Von der „Fischersfrau und ihren Toten“ wird erzählt, eine der schwarz gekleideten hart arbeitenen Frauen, die wir schon bei Jagoda Marinic kennenlernten und das „Mutternmerkmal“ ist auch sehr interessant. Denn da stellt sich das kleine Mädchen in einer viel komplizierten poetisch schönen Geschichte vor die deutsche Schulklasse hin, sagt „Muttermerkmal“ weil das  ein so schönes und auch treffendes Wort ist und wird von den anderen ausgelacht.

„Der Kriegsheimkehrer“ hat das Ende des Krieges versäumt oder nicht mitbekommen und, um die Auseinandersetzung mit der Religion, dem Beichten und dem Fasten, sowie der Abgrenzung von der Lehre der Mutter geht es auch.

Sehr poetische Geschichten und es ist schön sie am Campingplatz von Trogir oder Zadir beispielsweise zu lesen, wo gelegentlich die Fledermäuse herumfliegen, der wilde Lavendl wächst und auch Schmetterlinge zu sehen sind.

So schön poetisch ist es am Campingplatz natürlich nicht, auch das kroatische Dorfleben, das soviele Männer in die Fremde getrieben hat, die jetzt zurückgekommen sind und die Appartmanis an die Touristen vermieten, ist es  wahtrscheinlich nicht.

Aber ich kann mir das Buch als Alternative zu den Krimis, den ChitLts oder auch der Reiseführer, als Lektüre auf dem Campingplatz vorstellen und habe das Buch auch in Trogir aus oder zumindestens angelesen.

Ja, etwas muß ich noch erwähnen, nämlich, daß mein Buch einen Vorleser hatte, der auch sehr aktiv im Unterstreichen und Anmerken war. Leider konnte ich die Bleistiftschrift zuwar nicht ganz entziffern.

„Ein Stoff aus dem Gedichte sind“, steht aber, glaube ich am Schluß vermerkt. Mehrere Fragezeichen sind auch zu entdecken, so daß ich nicht ganz sicher bin, ob es dem Leser, der Leserin gefallen hat.

„Übertrieben“, steht jedenfalls an einer Stelle, wo Marica Brodocic schreibt, „Innerhalb kürzester Zeit war die ganze Fläche von mehreren hundert Hektar Land dem Erdboden gleichgemacht.“

Die Stelle stammt aus dem schon erwähnten „Lilienliebhaber“, eine sehr poetische Geschichte und da könnte ich antwortet, die als hehr geltende Literatur ist das meistens. Abgehoben könnte man auch sagen, deshalb ist Marica Bodozic mit ihrem Debutband vielleicht auch so bekannt geworden und mir, die ich ja viel weniger poetisch schreibe, hat es eigentlich gefallen.

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