Literaturgefluester

2016-07-28

Die Stadt Anatol

Nun kommt wieder eines der Bücher von Alfreds Bücherstapel.

„Die Stadt Anatol“, des von 1879-1951 lebenden DDR-Schriftstellers Bernhard Kellermann, 1932 geschrieben, 1936 verfilmt, 1980 in dritter Auflage bei „Volk und Welt“ erschienen.

„Wikipedia“ entnahm ich, daß Bernhard Kellermann mit dem Roman „Der Tunnel“ bekanntgeworden ist, 1920 den Roman „Der neunte November“ geschrieben hat, womit er bei den Nazis in“Ungnade“ fiel, worauf er aber weder emigrierte, noch Widerstand leistete, sondern fortan Trivialromane schrieb.

In der DDR gründete er dann mit Johannes R. Becher einen Kulturbund, bekam auch den Nationalpreis.

Ob es sich bei der „Stadt Anatol“, um einen der besagten Trivialromane handelt, ist mir nicht ganz klar geworden, die Verfilmung wird als Abenteuerfilm bezeichnet, mir scheint das Ganze eher eine Farce auf den Kapitalismus zu sein. Das verschlafene Städtchen Anatol liegt irgendwo neben Europa, da auch von Belgrad und Bukarest die Rede ist, wird es wohl im Osten sein und im Klappentext steht etwas davon, „daß man am Morgen, auch wenn man im besten Hotel abgestiegen ist, am Morgen beim Aufwachen das Geschwätz von Bäuerinnen und das Gequietsch von Schweineherden hört.“

In diesem Hotel steigt  der junge Ingenieur Jacques Gregor, ein Sohn der Stadt, der aber in Wien studierte und jetzt offenbar von Paris zurückkommt und wird vom Hotelier zuerst fast hinausgeworfen, hat er doch seine letzte Zeche nicht bezahlt und seine Brüder, ein Rechtsanwalt und ein Gelehrter weigerten sich das für ihn zu tun.

Das Städtchen hat aber noch andere Bewohner, eine Baronin, die für ihre Tochter Sonja, den besten Ehemann sucht. Jacques Freund Janko, ein Offizier, der spielt und trinkt und hoch verschuldet ist und dann gibt es noch einen seltsamen Bauern und Einsiedler, dessen Tochter Franziska, was eigentlich sehr modern ist, den Vater anklagte, sie mißbraucht zu haben.

Er wurde aber freigesprochen, die Tochter für verrückt erklärt und ist  im Städtchen nicht gut angesehen. Sie hat bei einer Tante in Bukarest gelebt, jetzt kommt sie , nachdem der Vater  gestorben ist, zurück und wohnt im Hotel neben Jacques.

Warum der überhaupt in einem Hotel absteigt, ist mir nicht ganz klar geworden, er benimmt sich aber sehr geheimnisvoll, spaziert in der Stadt herum, nimmt Gesteinsproben und telegraphiert immer mit einem Berliner Bankhaus mit dem er Geschäfte machen will.

Er befreundet sich auch mit Franziska, die, als sehr bäuerlich, beziehungsweise ordinär geschildert wird, ihn aber immer spöttisch anlächelt, als würde sie ihn durchschauen.

Von ihr will der Berliner Bankier, der nun doch mit Jaques Geschäften einverstanden ist, den Bauernhof ihres Vaters kaufen, sie weigert sich aber und verpachtet ihn nur, der Bruder Roul, will  Jacques, damit er sich nicht mehr länger im Städtchen herumtreibt und ihm Schande macht, Geld anbieten, damit er wieder ins Ausland geht.

Dann kommt aber ein Telegramm und die Nachricht, daß in dem Brunnen des Bauernhofes Erdöl gefunden wurde. Das Städtchen verändert sich über Nacht und die Rechtsanwälte und Bankbeamten haben viel zu tun. Neben dem Hotel wird ein Schild „Anatol Naphta AG-Alvensleben & Co – Berlin -New York“ aufgestellt.

Spekulanten, Erdölarbeiter und Ingenieure kommen, der Hotelier Koroschek will neben dem „Trajan“ ein neues Hotel ganz aus Glas aufstellen, der Kaufmann Rotkehl mit den beiden verheirateten Töchtern, die aber kurz nach der Hochzeit wieder  zu ihm zurückgekommen sind, will ein sechsstöckiges Kaufhaus bauen und die Vergügungsetablissements florieren.

Ein Kinopalast namens „Traumland“ entsteht, man sieht Bernhard Kellermann ist wirklich sehr modern, der Buchhändler breitet Bücher über Sex und Verhütung in die Schaufenster und die jungen Frauen, Mädchen aus bürgerlichen Familien stehen davor Schlange und der Doktor Wossidlo, Sohn des Apothekers beginnt eine Abtreibungsklinik, zu moderaten Preisen, zu betreiben.

Auch die Schwindler kommen und schütten Erdöl über den Friedhof und Janko wird von seinem Bruder Boris, der auch eine Erdölgesellschaft gegründet hat, nach dem Tod des Vaters aus dem Haus geworfen, der gewinnt aber plötzlich durch die Erdölspkulationen Riesensummen und wirbt, um Sonja weiter, die aber sehr fromm und keusch,  zuerst von ihren Verehrern nichts wissen will.

Köstlich, die Veränderung von Jaques Bruder Roul, dem Notar, dem sein Püppchen Olga, die sehr eifersüchtige Ehefrau, aus dem Hause treibt, als er eine Bardame, die sich nun auch in dem verschlafenen Städtchen angesiedelt hat, beraten will.

So gibt es Geschichte um Geschichte und auf und abs. Bauern werden zu Millonären und andere werden von Spekulanten aus dem Haus getrieben.

Die Baronin verliert ihr Geld und geht mit dem von Janko auf Reisen, der sich plötzlich zum Guten zu verändern scheint und sich dann doch wieder in die Bordelle zum Spielen und zum Trinken begibt.

Boris Erdölgesellschaft macht bakrott und nun muß er sich an den Bruder wenden und die von Jacques gegründete, wechselte die Besitzer und die neuen werfen auch ihn, der, wie Franziska, die sich zur feinen Dame gewandelt hat, die Geschehnisse durch einen spöttischen Schleier sieht, hinaus.

Janko verlobt sich schließlich doch mit Sonja, will sie in Wien heiraten und baut ihr schon ein Haus aus Gold und Marmor, mit, wie sie es sich wünscht,einem Musikzimmer und einer Bibliothek, dann wird er aber ermordet. Jaques hat die Stadt verlassen und die Spekulanten und moralsch Herabgekommenen bleiben in Anatol zurück.

Am Schluß gibt es noch eine Notiz, beziehungsweise eine Erklärung des Verlags, daß es Bernhard Kellermann nicht nur um einen „Erdölroman“ gegangen ist, obwohl er sich die Funde, die es in Rumänien und Baku gegegeben hat, sehr wohl angesehen hat.

„Nicht das Öl sei der Held des Roman, sondern die kleine, stille Balkanstadt, am Rande der Zivilisation  gelegen: der Held, das sind ihre Bürger. Die soziale Struktur der Provinzstadt wird gesprengt, die gesellschaftlichen Schichtungen verwerfen sich, die moralischen und ethischen Grundmauern, die fest, wie Felsen schienen, gehen in die Brüche.

Diese symptomatische Vorgang, die Auswirkungen des technischen Fortschrittes unter kapitalistischen Bedingungen, ist das eigentliche Thema des Romans. Kellermann kommt zu denm Schluß: „Solange die Bodenschätze der privaten Spekulation ausgeliefert sind, werden die Menschen nicht anders handeln, als die Leute in Anatol.“

Was wohl ein Grund dafür ist, daß das Buch aus denNeunzehnhundertdreißigerjahren 1980, in der DDR, die es ja schon lange nicht mehr gibt, erschienen ist.

Bernhard Kellermann ist inzwischen wahrscheinlich auch vergeßen und der Roman nur mehr im Antiquariat erhältlich. Die Spekulationsgeschäfte des Kapitalismus gehen aber lustig weiter, wenn sie auch heute eine andere Form angenommen haben und die Spekulanten anderen Namen tragen.

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