Literaturgefluester

2016-08-17

Der Tod des Vergil

Filed under: Bücher — jancak @ 00:23
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Jetzt kommt etwas Anspruchsvolles aus dem Harlander Bücherstapel, beziehungsweise eines von Alfreds DDR Büchern, nämlich der 1981 bei „Volk und Welt“ erschienene Roman des 1886 in Wien geborenen und 1951 im amerikanischen Exil verstorbenen Hermann Broch „Der Tod des Vergils“, von dem ich noch „die „Schuldlosen“ in meinem Bibliothekskatalog stehen habe und möglicherweise habe ich es auch vor langer langer Zeit in Hamburg bei meinem Workcamp-Aufenthalt in St. Georg gelesen und nicht verstanden.

Möglicherweise war ich auch einmal bei einer Broch-Veranstaltung im Literaturhaus oder in der „Gesellschaft der Literatur.“

Der Dichter arbeitete jedenfalls eine Zeitlang in der elterlichen Textilfirma, konvertierte vom Judentum zum Katholizismus, wurde danach freier Schriftsteller und 1938 nach „dem Anschluß“ in Bad Aussee inhaftiert, bevor er  durch Vermittlung von James Joyces und Thomas Mann zuerst nach England, dann nach Amerika emigirierte.

Dort hat er  bis 1945 an dem Roman geschrieben von dem es mehrere Fassungen gibt und der in meiner DDR Ausgabe von dem 2014 verstorbenen Lektor oder Verlagsmitarbeiter  Dietrich Simon von dem es ein sehr umfassendes Nachwort gibt, als „einer der betroffensten antifaschistischen Romane“ bezeichnet wird und die letzten Stunden des römischen Dichters schildert.

Er ist in vier Teile gegliedert und im ersten „Wasser – Die Ankunft“ kehrt der schwer kranke Publius Vergilius Maro, ein Bauernsohn aus Mantua, auf Wunsch des Kaiser Augustus von Griechenland nach Brundisium zurück.

Er liegt in seinem Mantel, neben sich einen Koffer in dem sich das Manuskript seiner „Anäis“ befindet, das er fertigstellen soll,  im Schiff und wird dann in den Palast getragen, wo  des Kaisers Geburtstag gefeiert wird. Da wird er von einem geheimnisvollen  Knaben begleitet, der sich nicht von ihm trennen will,  denkt an seine Mutter, sowie an seine Kindheit und wird auf dem Weg in den Palast, wo er mit einer Sänfte hingetragen wird, von der Menge angepöbelt.

Im zweiten Teil „Feuer – der Abstieg“, liegt er alleine in seinem Zimmer, der Knabe hat ihn verlassen, sein ihm zugeteilter Sklave ist im Zimmer nebenan und denkt in einem rauschartigen und für den Leser wahrscheinlich schwer verständlichen Monolog über über sein Leben nach.

Am Fenster stehend sieht er drei pöbelhafte Gestalten, die von „Wein, Mehl und Knoblauch“ reden und dabei Kaiser Augustus beschimpfen, sowie ihre Notdurft verrichten.

Dann werden die Sterne, die Schönheit, die Liebe und die Vergänglichkeit angerufen und es geht auch, um Schuld und Meineid.

Dietrich Simon deutet in seinem Nachwort etwas an, daß der Dichter Broch, den Gestapo Verhören nicht Stand gehalten hätte und, daß der „Tod des Vergils“, an dem er allerdings schon seit 1936 gearbeitet hat, die Reaktion darauf sei.

Vordergründig geht es, um die Vollendung des Werkes „Anäis“, die sich der Sterbende nicht zutraut und von der Vernichtung desselben spricht.

Im Buch steht der Satz „Der heilsbringende Führer hat nämlich die Sprache der Schönheit abgestreift, er ist unter ihre kalte Oberfläche, unter die Oberfläche der Dichtung gelangt.“

Bei „Wikipedia lese ich „daß der tugendhafte „Anäsis“ Virgil mißlungen ist und der Dichter an seiner Künstlerschaft zweifelt.“

Das geschieht in einem wahren Monolog der Todesahnung, von den Qualen des Scheintodes und der Vernichtung wird phantasiert, bis der Knabe wieder auftaucht, sich nun  Lysanias nennt und ihm gegen seinen Willen einen Schlaftrunk zubereitet, den er schließlich trinkt.

Der Knabe liest ihm die Verse aus seiner „Anäsis“ vor und Virgil beginnt „seine Augen der Liebe zu öffnen“, bzw. „in die Schöpfung einzutreten“.

Im dritten Teil „Erde – Die Erwartung“ erscheinen Vergils Freunde und wollen nichts von seiner Idee zu sterben und die „Anäis“ zu verbrennen wissen, sie holen im Gegenteil einen Arzt, der Vergil für den Besuch Augustus aufpäppeln soll.

Der erscheint dann auch und es gibt eine lange Diskussion über die Götter und die Welt und darüber, wem ein Kunstwerk gehört, dem Staat, dem Künstler und hat der das Recht es zu vernichten, wenn er es schon dem Augustus gewidmet hat und es daher der Stadt Rom gehört?

Unterstützt wird das Gespräch durch Einwürfe der Geliebten und des Sklaven, Visionen Vergils, der Knabe erscheint auch wieder und als Augustus vorwirft, Vergil würde ihn hassen und das Werk deshalb vernichten wollen, weil er es nicht ihm zueignen will, gibt der nach und macht sein Testament.

Dann geht es in „Äther – Die Heimkehr“ in den Kahn und mit dem Fährmann und dem Knaben, der sich vom Sklaven in einen Engel verwandelt, voran. Alle Personen verschwimmen dem Vergil, die Geliebte wird zur Mutter und zur Schwester, es geht ins Pflanzen- und ins Tierreich hinüber und am Ende ist auch die Sprache nicht mehr festzuhalten „unerfaßlich unaussprechbar war es für ihn, denn er war jenseits der Sprache“.

So haben wir uns auf fünfhundert Seiten durch die letzten Stunden des römischen Dichters gelesen, eine Geschichte, wie ich bei „Amazon“ gelesen habe, eigentlich ganz einfach ist. Der Sterbende kommt in sein Heimatland zurück, ringt mit  seiner Vergangenheit, seinen Fehlern und Unvollkommenheiten, nimmt Abschied von der Welt und entschwebt. Das Werk bleibt zurück und Hermann Broch hat sich damit in vielen Jahren vielleicht einiges von der Seele, in einer manchmal sehr verdichteten Sprache, die dann wieder erstaunlich alltagsnah erscheint, so gibt es Dialoge und eigentlich auch eine Handlung, die vielleicht für die fünfhundert Seiten in denen sie erzählt wird, zu lang und langweilig wird, geschrieben.

Vierzehn Tage habe ich mit Unterbrechungen, ich habe das Buch sogar nach Innsbruck mitgenommen und ein Stückchen im Zug gelesen, gebraucht und bin wahrlich in das Leben des Vergils und des Hermann Brochs hineingeworfen worden, berührt hat mich daran, die ich das Buch eigentlich für einen „schwer verdaulichen Knochen“ gehalten habe, die Lebensgeschichte von Hermann Broch und auch, daß ich das Buch in einer DDR-Ausgabe gelesen habe, was vielleicht  noch ein ganz besonderes Schmankerl ist.

Beim Nachgooglen über Dietrich Simon habe ich erfahren, daß ihm die DDR-Einwohner einige bedeutende Werke der Weltliteratur zu verdanken haben und ich kann das Lesen des Romans sehr empfehlen, auch wenn ich mir in Zeiten, wie diesen, wo alles schnell gehen muß und die Geduld der Leser nicht mehr vorauszusetezen ist, vorstellen kann, daß viele das Buch wegschmeißen werden, weil ihnen der Inhalt zu lang und zu sperrig erscheint.

Es gilt aber als Weltliteratur, auch wenn ich beim „Amazon Ranking“ eine ein oder zwei Stern Rezension gefunden habe, die meint, daß sie das Getue um das Buch nicht recht versteht.

Ich denke, da hat einer seine Lebenserfahrungen hinuntergeschrieben und es sind auch sehr schöne Wort- und Sprachschöpfungen in dem Buch, auch der Dialog ziwschen dem Arzt und Vergil war sehr interessant zu lesen, sodaß ich das Buch auch den anspruchsvollen Leser ans Herz legen kann, die sich die Zeit fürs Lesen nehmen.

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