Literaturgefluester

2016-09-24

Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft

Filed under: Bücher — jancak @ 00:21
Tags: , , ,

Kleine LL-Lesepause, denn ich habe mir ja die beiden „K&S“- Debuts bestellt und jetzt den ersten Roman, gefördert vom Lande der 1985 in Deutschland geborenen Simone Hirth bestellt, die  am Leipziger Literaturinstitut studierte und jetzt in Gablitz als Lektorin und Autorin tätig ist, die Buchpräsentation habe ich auch schon gehört und so einen kleinen Eindruck in das Buch bekommen, wo Roman draufsteht, der wieder eigentlich wahrscheinlich kein solcher ist, sondern, wie Simone Hirth selber sagte, eine Anzahl von Trümmerelementen“, Trümmerstückchen, die sie, glaube ich, auch auf kleinen Notizzettelchen sammelte.

Der Titel verdient aber vielleicht einen Sonderpreis und ich selbst, ich weiß nicht, ob das meine Leser wissen, habe mich mit diesen Themen ja auch schon sehr oft beschäftigt und tue das vielleicht immer noch.

Denn da gibt es ja die Fragmente von Felizitas Fee der schönen Obdachlosen und auch viele andere arme depressive Frauen in meinen Texten, die aussteigen, sich ihr Geld von der Bank abholen und dann in den Wald wollen, um nicht mehr wiederzukommen, etcetera

Meine Sprache war wahrscheinlich nicht so präzise, daß ich damit ein Stipendium bekommen hätte und in Leipzig hätte man mich wahrscheinlich auch nicht genommen, die Themen sind aber gleich und beschäftigen vielleicht auch viele junge Autoren, nicht alle wahrscheinlich, eher die mit einer sozialen Ader oder einer persönlichen Betroffenheit. Simone Hirth lie?ja auvch so etwas anklingen, daß sie vieles in dem Buch selber ausprobierte, sich die Zähne beispielsweise einmal mit einem Minzblatt putzte, wenn ich mich nicht irre und nichts durcheinanderbringe.

Trotzdem ruft diese Fragmentsammlung, bei mir, der psychotherapeutisch geschulten chronisch Schreibenden viele Fragen auf, die erste hätte ich schon fast in der „Gesellschaft“ gestellt mich dann aber nicht getraut, um nicht ins falsche Fahrwasser zu geraten.

Denn, wie ist dieser Text zu verstehen und, um was handelt es sich bei der namenlosen Heldin? Diese Frage stellte Ursula Eibel und die Autorin meinte, daß ihr eigentlich gar nicht aufgefallen wäre, daß die Heldin keinen Namen hat. Es passt aber zu den Fragmenten, ist die Heldin ja selbst höchstwahrscheinlich ein solches, aber was ist jetzt ihr Psychogramm? Ist ihr Aussteigen eine Psychose, die da beschrieben wird und im Realfall gerät man wahrscheinlich bald in die Fänge der Psychiatrie und der Sozialarbeiter, die sich dann zu kümmern versuchen oder amtlich einschreiten.

Obdachlose gibt es aber, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben und die stierln dann wahrsc heinlich auch die Mülltonnen leer und bedienen sich vielleicht auch bei den Baumärkten oder klauen Bierkartons in Supermärkten. Es gibt aber auch die „Gruft“ und andere Sozialeinrichtungen und die kommen in dem Buch nicht wirklich vor.

Es könnte aber auch ein Traum sein, eine Phantasievorstellung und dann wären wir vielleicht  in Michelle Steinbecks Nähe, die mit ihrem „Vater“ inzwischen auf die Schweizer Shortlist gekommen ist.

Die Trümmerfrauen und die Kriegshelme kommen auch vor und das scheint jetzt mir ein wenig aus der Zeit gefallen und nicht ganz zum Sujet passend, denn das waren wohl eher die Fragen von Simone Hirths Mutter oder Großmutter, die nach dem Krieg, die Städte aus dem Trümmern wieder aufbauen, sich auf Trümmerfeldern Karotten anpflanzten und die Fundstücke am Schwarzmarkt verkauften.

Man kann das Buch, das Statt Kapitelzahlen Nägel hat, grob in drei Teile aufgliedern, im ersten haust die Heldin im Keller, über ihr wurde das Elternhaus niedergerissen, wahrscheinlich weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnte, es gibt auch einen Hausmeister, der dann arbeitslos wurde. Aber ein Einfamilienhaus beschäftigt öchstwahrscheinlich gar keinen solchen. Es gibt einen Bruder mit dem die Heldin kommuniziert, den es wahrscheinlich nie gegeben hat, sie spricht mit ihrem Schuster, ihrem Gynäkologen, zu denen sie nicht mehr geht, schreibt Briefe an Freunde, die sie nie bekommen werden, weil sie kein Geld für eine Briefmarke hat….

Sie ist eine Fleischertochter und irgendwann einmal irgendwie ausgestiegen. Jetzt haust sie aus dem Nichts, kommunziert mit Phantomen und stellt sich aus einem gefundenen Handbuch der Betriebswirtschaft ihre eigene Kosten-Nutzenrechnung auf.

„FAUSTREGEL NR 2:  Wo kein Elternhaus mehr ist, da ist man nicht mehr zu Hause.

„FAUSTREGEL NR 3:  Wo man nicht mehr zu Hause ist, da kann man nicht mehr bleiben!“

Allso zieht sie aus dem Keller aus und baut sich ihre Notunterkunft hinter einer Hagenbuttenstaude. Einen toten Maulwurf gibt es auch, das erinnert wieder an Michelle Steinbeck, Simone Hirths Stil ist aber viel realistischer.

Sie klaut Nägeln, Dübeln, Äxte, Samen aus dem Baumarkt, wird erwischt, muß abarbeiten, belauscht die Gespräche zufälliger Passanten, pfanzt sich einen Garten an, plündert die Mülltonnen und findet tote Ratten vor ihrem Haus. Es werden auch böse Parolen aufgesprüht und es betreten, so daß sie es in einem dritten Teil auch verlassen muß und dann doch in eine Beratungsstelle kommt.

Dort wird ihr aber gleich eine Gründerfibel in die Hand gedrückt, sie bekommt auch einen kostenlosen Gründerkurs, sie meldet sich an für das Gewerbe „KLEINERE  RÄUMUNGS- UND AUFBAUARBEITEN“, fetziger „Trümmern“ genannt, bekommt auch gleich eine Wohnung zugeteilt und arbeitet später lustig vor sich hin. Hat zwar keinen Computer, aber eine Steuernummer und ein Handy und ich denke angesichts der Debatten, um die Grundsicherung, werden sich jetzt vielleicht einige Arbeitslose denken „So einfach ist das nicht!“ und so bleibe ich mit vielen Fragen zurück, denke, daß man mir, wenn ich sowas eingereicht hätte, den Text wahrscheinlich mit der Anmerkung „unrealistisch“ zurückgeschickt hätte.

Aber ich habe ja keine perfekte Sprache, bin keine Lektorin, habe auch nicht in Leipzig studiert, fand den Text trotz meiner vielen Fragen, wahrscheinlich bin ich mehr für das Ausarbeiten der Trümmerstellen und gegen das allzu Fragmentarische, sehr interessant und bin jetzt  gespannt, ob er vielleicht im nächsten Jahr bei den O-Tönen zu hören sein oder auf der „Debutpreis-Liste“ stehen wird?

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: