Literaturgefluester

2016-10-05

Die Erziehung des Mannes

Ein Mann mit fünfundsechzig blickt zurück auf seine Leben, das kann doch nicht alles gewesen sein und das, ich bin noch nicht so weit, ist vorüber, jetzt sind die Kinder erwachsen, die ersten Beziehungen geschieden, die Jugendliebe wieder da, da Leben ist gelungen und das Todesdatum wird immer weiter hinausgeschoben.

Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“, Buch vierzehn auf meiner Longleseliste, das ich schon in Leipzig auf dem blauen Sofa hörte, ich glaube beinahe zeitgleich mit Peter Stamms „Weit über das Land“, das als Buch achtzehn und vorläufig letztes der dBp-Bücher an die Reihe kommen wird, ist ein leises Buch, das Buch eines stillen Mannes, eines Zauderers und Sensiblen, der am Schluß doch noch alles auf die Reihe bringt oder solches zumindest von sich behauptet und wenn man von Michael Kumpfmüllers Geburtsdatum 1961 ausgeht, der Sohn eines Achtundsechziger, der in Zeiten studierte und sozialisiert wurde, wo es schon die Frauenbewegung gab und die Frauen sich emanzipierten, obwohl die Mutter den despotischen Vater noch fragen mußte, ob sie arbeiten gehen darf?

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im Ersten ist Georg Musikstudent und lebt seit sieben Jahren mit Kathrin zusammen, zu der er, was ich ungewöhnlich finde, keine sexuellen Beziehungen hat, als er Jule oder Julinka in einem Seminar kennenlernt.

Eine Beziehung zu ihr, die Lehramt studiert, entwickelt sich, die von Anfang an, ein wenig schiwerig ist, so betrügt sie ihn mit einem Arzt, will dann Kinder von ihm, vorher hat sie schon einmal abgetrieben und als Georg sie mit Sonja, einer Cellistin betrügt, wirft sie ihn hinaus. Da gibt es schon Kinder, die altkluge oder ebenso sensible Greta und, die um ein paar Jahre jüngeren Zwillinge.

Im zweiten Teil geht es zurück ins Elternhaus, zum despotischen Vater, der nie zu Hause ist, die Mutter ständig betrügt, als Abteilungsleiter im Unterrichtsministerium Entscheidungen trifft und obwohl er selbst für den Krieg zu jung war, die Kinder zu Anstand und Sitte erzieht, so muß der Sohn mit ein paar Büchern unterm Arm Mittagessen, und wenn die Kinder der Freunde beim Essen schmatzen, bekommen sie die Ohrfeigen, die Mutter steht daneben und kann sich nicht wehren. Die Schwester Ruth rebelliert und hat in der Pubertät grüne und blaue Haare, Georg ist der brave, entscheidet sich dann aber doch gegen des Vaters Willen in Freiburg Musik und nicht Jus zu studieren.

Im Teil drei lebt er mit Sonja, der die musikalische Karriere gelungen ist und die die meiste Zeit des Jahres auf Konzertreisen ist, es gibt den Rosenkrieg mit Jule, die die Kinder gegen den Vater ausspielt.

Die verbringen die Zeit abwechselnd bei beiden Eltern und werden dadurch überfordert, Greta fängt zu lügen und zu stehlen an, die Zwillinge gehen nicht mehr in die Schule, es muß etwas geändert werden. Jule hat Georg schon früher zu einer befreundeten Paartherapeutin geschleppt, mit der sie ihm dann gemeinsam sagt, was für ein Schuft er ist.

Sonja hält die Überforderung durch die Kinder nicht aus, das eigene hat sie verloren, verläßt ihn später und er bleibt zurück.

Die Kinder werden erwachsen, Greta studiert Mathematik und wird Lehrerin werden, Lotte wird Schauspielerin und bekommt ein Kind, Felix hört zu schreiben auf und Georg trifft nach einer Krise Therese wieder, mit der noch vor dem Abitur, die erste Beziehung hatte.

Jetzt zieht er mit ihr zusammen, der Kreis schließt sich und die männliche Sozilisation in Zeiten der Krisen und der Frauenbewegung ist abeschlossen.

In diesem Fall glücklich und erfüllt und Georg, seine Symphonien und Konzerte werden auch aufgeführt, hat sein Ziel erreicht.

In vielen anderen Fällen wird es anders sein und Michael Kumpfmüller, der, glaube ich, mit Eva Menasse zusammen ist oder war, ist ja noch zehn Jahre jünger, als sein Held,  hat ein leises Buch geschrieben, das viel über die Mittelschichtmänner, die Softies, die vielleicht von Nazivätern aufgezogen wurden und im Laufe ihres Leben ihre Träume und Iedalen verloren oder aber wiederfanden, beziehungsweise immer hatten, erzählt.

Unterschiedlich ist die Rezeption natürlich, Tobias Nazemi fühlt sich darin angesprochen, die Frauen haben dagegen  mehr Schwierigkeiten und sehen es anders und mir hat es eigentlich gefallen, obwohl ich am Anfang auch dachte, da passiert ja nichts und der gute Georg ist ein ziemlicher Zauderer.

Also ein interessantes Buch, das den Männern und den Frauen vor und nach der Midlifekrise sehr zu empfehlen ist.

Von Michael Kumpfmüller habe ich übrigens schon „Nachricht an alle“ gelesen, das mir glaube ich, nicht so gefallen hat.

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