Literaturgefluester

2016-10-13

Keime fundamentaler Irrtümer

Ich habe mich ja heuer im Frühling sehr intensiv mit Heimito von Doderer und Stefan Zweig beschäftigt, weil ich ja bezüglich meines damaligen Romanprojektes die Idee hatte, irgenwelche Romanfiguren auftreten zu lassen.

Es sind Schriftsteller daraus geworden, eben die oben erwähnten und auch noch Anne Frank, die sich mit den beiden alten Herren im Cafe Wolke am Himmelsbogen zum Frühstück trifft und über die beiden Dichter hat Zarah Bashrami ein Stück geschrieben, das sie mit Jurij Abrahamovic und  Zoran Simcic aufführen will und so habe ich mich durch das Werk der beiden gelesen.

Von Stefan Zweig gab es dann auch den Film „Vor der Morgenröte“ und die „Arte-Dokumentation“ im Netz von Heimito von Doderer habe ich außer einem alten Heinz Fischer-Karwin Interview nicht sehr viel gefunden.

Dabei hat der Dichter am 23. Dezember seinen fünfzigsten Todestag, davon war aber im Frühling noch nicht viel zu hören, erst jetzt im September, wo er 120 Jahre alt geworden wäre, tauchten die Bücher und die Biografien in den Buchhandlungen auf.

Klaus Nüchtern hat eine geschrieben, den Bildband von Eva Menasse, gibt es, glaube ich schon länger und es gibt auch eine „Heimito von Doderer Gesellschaft“ und die veranstaltet mit der Uni Wien vom zwölften  bis vierzehnten Oktober unter dem Titel „Keime fundamentale Irrtümer“ ein  Doderer-Symposium in der „Gesellschaft für Literatur“.

Weil ich am  Mittwoch Vormittag drei Stunden hatte und auch noch auf die Bank gehen wollte, bin ich ein bißchen zu spät in die „Gesellschaft“ gekommen, so daß ich gerade noch einen der letzten Plätze ergattern konnte, es war nämlich sehr voll und Manfred Müller hat auch schon eröffnet und, ich glaube, auf eine Lesung in der „Gesellschaft“ wahrscheinlich in den Sechzigerjahren mit Doderer hingewiesen, davon gab es Fotos zu sehen.

En großes Foto mit der Pfeife hängt auch ständig in der „Gesellschaft“ und ein Bild, das, glaube ich, die Witwe der „Gesellschaft“ schenkte, worauf die Wasserfälle von Slunji zu sehen sind.

Dann kamen die Eröffnungsredner der „Doderer Gesellschaft“ und der erste Vortrag von Manfred Wagner, der auf den Zusammenhang zwischen Handke und Doderer hinwies.

Da gibt es keinen, würde die Laiein in mir mal denken, die Doderer ja auch für einen eher konservativen Dichter hält, obwohl ich in den Siebzigerjahren die „Dämonen“ verschlungen habe und bis heute noch sehr begeistert davon bin. Manfred Wagner ist ja, glaube ic,h auch eher ein Handke Forscher und ich habe ihn ja vor Jahren bei einer „Wiener Vorlesung“ über Handke und Bernhard gehört und die diesbezügliche Publikation inzwischen auch bekommen.

Es gibt aber den berühmten Satz von Thomas Bernhard, den er angeblich sagte, als er im Radio die Todesnachricht seines Rivalen hörte: „Jetzt ist der Weg frei!“ und Achim Hölter von der Uni Wien referierte sehr genau, wie Doderer in den „Literaturgeschichten“ in ganz Euopa oder überhuapt überall auf der Welt vorkommt?

Da ist es ja, glaube ich, die Frage, ob Doderer jetzt ein deutscher oder österreichischer Autor ist?

Ein Österreichischer natürlich, würden wir, würde ich sagen, für die Chinesen, die Amerikanaer, etcetera, ist das wohl anders, die können wahrscheinlich nicht so genau zwischen Österreich und Deutschland differenzieren und reihen Doderer schon einmal neben Heinrich Böll ein und es ist auch die Frage, ob Doderer ein moderner Autor ist?

Dem würde ich wieder nicht unbedingt zustimmen, kann er ja gar nicht sein, wenn er schon vor fünfzig Jahren gestorben ist, aber der Franzose Francois Grosso, der auch an der Uni Wien lehrt, hat seinen Essay „Wiederkehr der Drachen“ mit Verena Rossbachers „Verlangen der Drachen“, die ja in Leipzig studierte und einmal in Klagenfurt las, verglichen und da sehr sehr viele Gleichheiten“ mit den „Merowingern“ gefunden.

Daran spann sich eine intensive Diskussion, an der ich mich beteiligte, ob man das einfach ohne das Zitat anzugeben darf, ich denke, man darf es nicht, wurde aber belehrt, daß die Gleicheiten nicht mit Helene Hegemann „Axolotls Roadkill“ zu vergleichen sind, man aber die Aktualität des Meisters daran sieht, daß eine junge Autorin von ihm begeistert ist und ihn als Vorbild nimmt.

Dann kam noch eine Archivarin Klaralinda Ma-Kirchner und berichtete von Doderers journalistischen Arbeiten in den Zwanziger und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts.

Er hat da seltsamerweise in sehr linken Zeitungen publiziert, die fast alle 1934 oder 1938 verobten wurden und da er  auch Historiker war, hat er in seinen Artikeln auch solche Themen behandelt.

Am Büchertisch gab es Restauflagen gegen Spenden zu erwerben und auch Doderer-Sonderbeilagen der „Furche“ und der „Wienerzeitung“ und am Donnerstag geht es dann mit Günther stocker weiter, der berichtete, daß Doderer in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sehr postiv vom Literaturbetrieb aufgenommen wurde. Vor allem Hilde Spiel hat ihn sehr gelobt und ihn sozusagen entnazifiziert, denn er war ja seit 1933 bei der NSDAP, was damals aber offenbar niemand störte oder falsch berichtet wurde.

Evelyne Polt-Heinzl hat die „Strudlhofstiege“ kritisch gelesen und in, ich glaube, zehn Punkten Doderers Stellung zum zweiten Weltkrieg oder zum zerstörten Nachkriegswien darins entdeckt.

Doderer ist ja mit diesen Roman 1951 sehr berühmt geworden.

Sabine Müller berichtete über die Zusammenhänger zwischen Doderer und Herbert Eisenreich, der  Doderer ja heiß verehrte und sogar einen Roman, den ich, glaube ich, auch gelesen habe, weil ihn mir Rudolf Blazejewski einmal schenkte, nach seinem Muster geschrieben hat.

Nach der Mittagspause war der Literaturarchivdirektor Bernhard Fetz an der Reihe und analysierte die Zusammenhänge zwischen den „Merowingern“ und der Avantgarde.

Da würde ich persönlich ja wieder nicht so viele sehen, habe aber gelernt, daß Elfriede Gerstl das Vorbild für die Sekretärin vom Dr. Döblinger war.

Es wurde noch über die ungarische und sie tschechoslowakischen Doderer Übersetzungen, die vor allem die „Strudlhofstiege“ aber auch die „Wasserfälle“ betreffen, berichtet.

Dann gabs eine kleine Pause mit Brötchen und Wein und dann wurde es interessant, denn es kam die 1988 geborene Vea Kaiser, die ja schon mit zwei Romanen großen Erfolg hatte und die Alois Eder, den ich ja von der LitGes kenne, als Deutschlehrer hatte und berichtete von ihrem Doderer Einfluß. Wie bei Verena Rossbacher gibt es solchen.

„Blasmusikpop“ wurde, wie sie aus Lesungen aus beiden Büchern demonstrierte von den „Wasserfällen“ sehr inspiriert und das war es dann für mich mit den „Keimen der Doderer-Betrachtung“.

Morgen geht es zwar in der Gesellschaft noch mit einigen ausländischen Reflexionenund vielleicht auch noch ein paar anderen Nachdichtungen weiter, aber ich habe vorläufig genug, beziehungsweise mich zum langen Wochenende und österreichischen Buchpreislesen nach Harland zurückgezogen und kann nur noch berichten, daß der Popmusiker Bob Dylan den heurigen Nobelpreis für Literatur bekommen wird.

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