Literaturgefluester

2016-10-21

Die Auswandernden

Im Literaturbetrieb und beim Longlistenlesen erlebt man manchmal Überraschungen, obwohl ich ja eigentlich glaube mich dort ganz gut auszukennen, nachdem ich mich da  schon seit über vierzig Jahren daneben stehe.

So habe ich, als ich in der vorigen Woche überlegte, was das wohl auf die österreichische Shortlist kommen würde, ganz ehrlich nicht im Entfernstesten an Peter Waterhouse gedacht.

Ihn und Daniela Emminger habe ich weggelassen, sonst hätte ich eigentlich alle acht als  wahrscheinlich gesehen und was das Experimentelle betrifft, hätte ich mir eher Anne Cottens Verseops gewünscht, denn, als der 1956 in Berlin geborene und in Wien lebende, 2007 den „Erich Fried Preis“ bekam, habe ich, glaube ich nicht sehr viel mit ihm und seinen Büchern anfangen können, denn das Experimentelle liegt mir nun einmal nicht.

2009 hat Michael Hammerschmid den „Prießnitz-Preis“ bekommen und da hat Peter Waterhouse, die Laudatio gehalten, eine sehr sprachgenau, wie ich mich erinnern kann, die Wort für Wort, die Texte des Gewinners auseinandernahm und das ist jetzt mit den „Auswandernden“, das zweite öst Shortlistbuch das ich gelesen habe und wahrscheinlich auch lesen werde, passiert.

Eine punktgenaue Auseinandersetzung und Auseinandernehmen der Sprache und das in Bezug zu einem gerade sehr aktuellen Thema und da  habe ich gedacht, die experimentellen Sprachanalylytiker würden sich dafür interessieren.

Über die österreichischen Shortlist habe ich in den Medien und in den Blogs noch nicht sehr viel gelesen, bei der deutschen wurde allgemein bedauert, daß sie sich nicht mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzte und die Bücher der jungen Deutschen, die aus dem Iran, Saudiarabien, etcetea kommen und darüber schrieben links oder rechts liegen ließ.

Von Peter Waterhouse hätte ich mir eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht erwartet und es ist auch ein sehr  ungewöhnliches Buch, das da in dem kleinen „Starfruit-Verlag“ erschienen ist und das ich für einen Kanditaten für die „schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands“ oder wo auch immer halten würde.

Denn Peter Waterhouse ist nicht der alleinige Autor, Nanne Meyer steht auch noch darauf und die 1953 in Hamburg geborene, die Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ist, hat die Illustrationen dazu geliefert oder besser ein zweites Buch dazu gezeichnet, so daß man durch die „Auswandernden“, wie durch ein Museum gehen kann.

Es beginnt auch ganz banal, nämlich mit einer Tafel, die angeblich oder tatsächlich im Einsiedlerpark hängt, ich müßte da mal nachschauen, er ist ja gleich in meiner Nähe, auf der „Am frühen Morgen des 15. Oktober 1936 holte Johann Urban, Schuldiener in der Lehranstalt für Textilindustrie in der Spengergasse, im Postamt am Hundsturm das für die Gehälter des Schulpersonals bestimmte Geld ab und durchquerte gerade den Einsiedlerpark, als ihm ein junger Mann weißen Pfeffer ins Gesicht schleuderte.“, steht.

Mit der Flüchtlingsfrau Media, die mit einigen Wörterbüchern gerade Deutsch zu lernen beginnt und der der Autor oder Ich-Erzähler dabei hilft, durchquert er den Park, bleibt vor der Tafel lange stehen,  liest und liest, kommt dabei zu Adalbert Stifter und zu Hebbel und beginnt die Sprache auseinanderzunehmen.

Denn, was weißt Flucht, ergreifen, begreifen, aufgreifen, wenn man genau hinaschaut, kommt man damit wahrscheinlich so durcheinander, wie es Katja Lange Müllers Asta tat, als sie nach zweiundzwanzig Helferjahren im Ausland wieder zurück nach Deutschland geschoben wurde.

Man sieht auch die deutsche Liste ist aktuell und der Preisträger hat ja auch, wenn auch vielleicht sehr konstruiert und abgehoben sich mit dem Flüchtlingsthema auseinandergesetzt.

Media muß sich auch mit der Sprache auseinanderetzen, sagt „Pippi Langstrupfhose und schreibt in ihre Bewerbungsschreiben „Timm“, denn so hat sie das Wort „Team“ verstanden.

Von Stifter und  Hebbel kommt Peter Waterhouse zu Charles Dickens und zur englischen Sprache, dem Namen nach hat er wohl auch englische Wurzeln und er kommt auch nach Bozen, weil er dort eine Lesung aus einem von ihm übersetzen Gedichtbandes hat.

Aber das passiert erst später in dem Buch, das immer wieder durch sehr schöne Illustrationsblöcke unterbrochen wird, wo der Inhalt des Vorher beschriebenen visuell wiedergegeben wird.

„Keine, kein, keine, ohne“, steht da mit den dazugehörigen Zeichnungen, das Messer oder Stock, das Blatt, eine Zwiebel ohne Zitrone, so genau ist das nicht zu erkennen und mit der Sprache hat man es auch nicht leicht.

Peter Waterhouse geht inzwischen aber zum Asylgerichtshof nach Wiener Neustadt, hält dort, wenn ich mich nicht irre, im Rahmen des „Mit Sprache unterwegs Projekt“ eine Rede und wundert sich, daß keine Richterinnen im Saal saßen.

Vorher hat er Medias Bescheide auseinandergenommen, die bevor sie mit ihrer Tochter das Land verließ, einen deutschen Satz auswendig lernte, um ihn den Grenzbeamten aufzusagen, die ihre Fluchtroute natürlich nicht nachvollziehen konnten.

Vom Auswandern kommt man leicht zum Überqueren und Überfahren, zum Fuhrmann aus einem Märchen oder einer Hebbel-Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert, zu Zeiten der französischen Revolution, leider fehlen in dem ansonst so schönen Buch, die Quellenangaben, was da jetzt wo zitiert wurde.

Es wird aber auch von einer Freundin, einer Rechenkünstlerin erzählt, die sich ihr Todesdatum genau ausrechnete und dann wirklich punktgenau ein paar Tage vor oder nach dem 4. 4. 2002 gestorben ist und der Erzählter wachte eine Zeit danach jeweils um vier uhr früh auf und konnte nicht  mehr schlafen.

Vom Greifen zum Ergreifen, Begreifen, Auswandern und Zurückdringen, man sieht, man kann sich mit der aktuellen Situation auf verschiedene Art und Weise auseinandersetzen, man kann, wie ich es mit meiner Flüchtlingstrilogie getan habe, realistisch davon erzählen, man kann aber auch mit einer Zeichnerin eine Sprachanalyse daraus machen, kann vom Schuldiener Johann Urban, von Adalbert Stifter, Charles Dickens und anderen erzählen und dann immer wieder die absurde Sprache der Asylbescheide aufzugreifen und zu untersuchen.

Ein interessantes Buch, das ich durch die Shortlist-Juroren kennenlernen durfte, wofür ich herzlich danke, weil es sonst höchstwahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

Als Buchpreisbuch wünsche ich es mir nicht, denn dafür habe ich ja schon eine Kanditain, die heute auch beim „Grillparzer Symposium“ liest, wo bei der gestrigen Auftaktveranstaltung für mich überraschend der sehr kritische Literaturprofessor Arno Dusini auf das Buch hingewiesen hat, obwohl er sich vorher über den „Bachmannpreis“ ärgerte, aber dort haben ja heuer Tomer Gardi mit seinem Broken German und die vielleicht auch sehr experimentelle Stefanie Sargnagel gelesen und den Preis hat eine Autorin gewonnen, die auch nicht Deutsch zur Muttersprache hat.

Ob es ein Buch für die berühmte Schwiegermutter ist, glaube ich nicht, der ist es wohl zu experimentell und vielleicht auch zu schwierig zu lesen und das befürchte ich ganz ehrlich auch bei den Bücherbloggern und bin nicht ganz sicher, ob die, die Geduld aufbringen werden, sich durch die zweihundertfünfzig Seiten zu lesen, wo nicht viel passiert, es keinen Plot gibt, aber die Sprache auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird.

Man kann aber, wenn einem das zu anstrengend ist, sich immer wieder durch die wirklich schönen Zeichnung lesen. In jedem Sinn also die große Überraschung auf der öst List ich kann das Buch wirklich jeden nur empfehlen und werde jetzt mit dem letzten Buch auf der österreichischen Liste, dem Longlist Buch von Kathrin Röggla weitermachen, die auch eine sehr experimentelle Sprachkünstlerin mit gesellschaftlichen Ansatz ist.

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