Literaturgefluester

2016-10-30

Zurück in Berlin

Filed under: Bücher — jancak @ 00:11
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Zwischen den österreichischen Neuerscheinungen, Debuts- und Buchpreisbüchern kommt jetzt etwas „amerikanisches“ aus dem „Aufbau-Verlag“, nämlich  Verna B. Carletons Neu- oder Wiederentdeckung eines Romanes, den sie in den Fünfzigerjahren geschrieben hat, als sie mit ihrer Freundin Giselle Freund nach Berlin fuhr, um sich das Nachkriegsdeutschland anzusehen.

Verna B. Carleton wurde 1914 in den USA geboren, verheirate sich in Mexiko, Frieda Kahlo und Diego Rivero waren ihre Treuzeugen,  verkehrte im zweiten Weltkrieg mit deutschen Emigraten, wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch, sie war Journalistin und starb 1967 in New York.

Der Roman ist in den Fünfzigerjahren, sowohl in Deutschland als auch in den USA erschienen, jetzt wurde er neuübersetzt und von Ulrike Draesner herausgegeben, die auch das Nachwort schrieb.

Verna B. Carleton ist mit ihrer Freundin  Gisele Freund, einer deutsch französischen Fotografin, die 1933 von Berlin nach Paris emigrierte, 1957 nach Berlin gereist und schildert in ihrem ersten Roman, die Schiffsreise einer namenlosen Erzählerin, die wahrscheinlich Journalistin ist, nach Europa.

Das Schiff ist schlecht, der Komfort miserabel und die jamaikanischen Gastarbeiter, die nach Europa gebracht werden, haben in ihren „dritte Klasse Löchern“ noch miserablere Bedingungen.

Da lernt sie die Devons kennen, ein britisches Ehepaar, die ihr von ihrem Wunsch, sich auch Deutschland anzusehen, energisch abraten.

Vor allem der Mann namens Erik tut das vehement. In Kuba kommt noch Herr Ermil Grubach aus Köln an Bord und nervt alle mit seinem Wiederaufbaustolz und dem Leugnen der Schuld, an dem, was da in Europa geschehen ist.

Es kommt zum Streit zwischen ihm und Erik, der ihm plötzlich auf Deutsch entgegenschreit „Wir deutschen Juden werden niemals vergessen!“

Dann kommt es zum Zusammenbruch von Erik Devon, der einmal Erich Dalburg hieß und von seiner Mutter „britisch erzogen“, schon 1933 nach London emigrierte, seine Mutter ist mitgekommen, sein Vater ist in einem Nazigefängnis gestorben, es gab sowohl nationalsozialistische, als auch jüdische Verwandte und keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, besipielsweise zu seiner Cousine Käthe, die ihm nach dem Tod des Vaters schrieb, sie würde sich in Frankreich verheiraten.

So hat er den englischen Namen angenommen und seine deutsche Identität verdrängt jetzt bricht das Deutsche wieder aus ihm heraus und das Ehepaar entschließt sich mit der Erzählerin nach Berlin zu reisen.

Dort trifft er seine Familie wieder, Tante Rosie, die mit einem vormals nationalsozialistischen Banker verheiratet war, dann aber versuchte zu retten, was zu retten war. Cousine Käthe ist verwitwet, hat Mann und Kind verloren und führt jetzt einen Buchladen in Berlin, es gibt eine alte Haushälterin namens Elese und den Cousin Albrecht, der nichts gelernt hat und jetzt wieder, die besten Geschäfte mit den Kohlebaronen machen will.

Sie treffen auch Herrn Grubach und seinen Sohn wieder, so daß Erik in Panik nach England flieht.

Sie bleiben aber in Briefkontakt mit der Erzählerin, Käthe und Tante Rosie, die als sie ein Jahr später wieder nach Berlin kommen, an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Sie kommen zum Begräbnis zu spät, treffen nur mehr den Cousin Albrecht bei Käthe in der Villa an, die Eriks Vater in der NS-Zeit Rosies Mann überschrieben hat, die ihm aber jetzt wieder gehört, es kommt auch hier zum Disput und Erik beschließt zu Verwunderung aller, in Berlin zu bleiben und auch seine schriftstellerische Karriere, die er damals begonnen hat, er hat einen satirischen Roman über die Nazizeit geschrieben, wieder aufzunehmen.

Ein sehr interessanter Roman, weil er das Nachkriegsberlin sehr unmittelbar schildert und auch zeigt, daß es keinen Sinn macht, wie es Erich tat, zu „jammern“ und sich zu verstecken, weil die Sachen, die damals passierten, wahrscheinlich weder ganz schwarz oder ganz weiß zu interpretieren waren und die Differenzierungen werden  auch ganz genau, an den verschiedenen Schicksalen und Lebensläufen geschildert.

So fahren sie bei ihrem zweiten Besuch auch nach Bergen-Belsen, wo ja Anne Frank gestorben ist und deren Tagebuch wurde damals gerade in einer Theaterfassung aufgeführt und der deutschen Nachkriegsjugend gezeigt.

Sie fahren Transit durch Ostdeutschland nach Berlin und sehen auch diese Seite und ich würde einwerfen, daß Verna B. Carleton vielleicht ein wenig, das Verständnis für die Traumatisierungen und die seelischen Wunden fehlte, die die damals Lebenden, egal ob Mitläufer oder Juden, haben mußten.

Aber das ist wahrscheinlich klar, daß man das heute, sechzig Jahre später mit unserer Erfahrung ganz anders, als 1958 sah, weshalb ich das Buch für besonders interessant und lesenswert halte und, um wieder auf die öst. Liste zurückzukommen, hier wieder Peter Henischs Buch empfehlen kann, der ja in „Suchbild mit Katze“ auch ein Nachkriegswien und eine Kindheitserinnerung mit „vermischter Verwandtschaft“ an die Fünfzigerjahre beschreibt.

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