Literaturgefluester

2016-11-06

Im Glashaus gefangen zwischen Welten

Gleich nach „Blauschmuck“ geht es mit den „fremden Kulturen“, beziehungsweise dem Leben in Deutschland mit Migrationshintergrund weiter, hat mir doch der, wie er sich selbst bezeichnet, Deutsch-Tamile mit dem langen Namen Devakumaran Manickavasagan, sein 2012 im „Engelsdorfer Verlag“ erschienenes Buch mit dem Untertitel „Ein Leben zwischen zwei Kulturen“ geschickt, auf das er wahrscheinlich in Zeiten, wie diesen, wo wir mit und in sehr vielen Kulturen leben, verstärkt hinweisen will und es ist auch, denke ich, sehr wichtig sich mit der Frage zu beschäftigen, wie leben Kinder, die mit türkischen, tamilischen oder was auch immer Eltern in Deutschland oder Österreich aufwachsen und von zu Hause andere Werte, als die, die sie in der Schule lernen mitbekommen?

Daß, das eine Vielzahl von Problemen aufwirft, können wir täglich sehen und so richtet sich das Buch, des 1987 in Ratlingen geborenen, der heute, glaube ich, als Flüchtlingshelfer arbeitet, auch an zwei Zielgruppen.

Erstens einmal an die betroffenen Jugendlichen, die zwischen den zweiWelten oder Wertsystemen gefangen sind und nicht hinauskönnen und zweitens und das finde ich für mich besonders wichtig, an die westliche Welt, um ihr die Kultur der Tamilen näherzubringen und zu beschreiben, wie man in Sri Lanka aufwächst, welche Werte und Einstellungen man dort vermittelt bekommt.

Und das tut er, sowohl auf eine sehr persönliche Art, in dem er von sich, seiner Familie und seinen Schwierigkeiten beim Aufwachsen zwischen den Kulturen erzählt, als auch auf eine sehr allgemeine sachliche, indem er die Religion und das Gesellschaftsbild der Tamilen beschreibt und ich finde, daß sich die Schwierigkeiten in zwei Welten aufzuwachsen, auch auf andere  Kulturen übertragen lassen, so daß, die jungen Türken, wahrscheinlich die gleichen Schwierigkeiten beim Aufwachsen in Berlin oder Wien, als, die mit tamilischen Hintergrund haben.

Deva Manickavasagans Vater ist 1982 nach Deutschland gekommen und hat seine Frau und, die damals schon geborenen zwei Kindern in Sri Lanka zurückgelassen, wo bald der Krieg kam, so daß die Mutter mit den Töchtern ebenfalls nach Deutschland kam, traumatisiert von den Kriegserfahrungen.

Ein Punkt, auf den der Autor auch mehrmals hinweist, daß viele Flüchlinge oder Migranten traumatisiert sind, in Deutschland keine dieszegüliche Hilfe bekommen und so ihre Wunden und Verletzungen an die nächste Generation weitergeben.

Arbeit und materileller Wohlstand beschreibt er, ist für die Tamilien ein sehr wichtiger Wert, so stürzte sich der Vater in seine Arbeit, vergaß darüber Deutsch zu lernen, das war 1982 vielleicht auch nocht keine so große Voraussetzung für Migranten, wie es wahrscheinlich heute gefordert wird.

Die Mutter führte den Haushalt. Beide Eltern waren verletzt und versuchten, den Kindern ihre Kultur, an die sie sich vielleicht auch klammerten, weiterzugeben, während die in der Schule etwas ganz anderes lernten und die westlichen Werte, wie Ausgehen, Sex, Freunde, Alkohol, auch ausleben wollten, was in der Pubertät naturgemäß zu Konflikten führt.

So ist es den tamilischen Mädchen beispielsweise nicht gestattet, sich am Abend draußen aufzuhalten und sie dürfen auch keine Klassenfeste besuchen und werden so naturgemäß  zu Außenseitern.

Es ist in Sri Lanka auch üblich sich in arrangierten Ehen zu vermählen und hat so keine Zeit den anderen kennenzulernen, was wieder zu Konflikten, seelisches Leid und Unglück führt.

Die Ehe von Devas Eltern wurde trotzdem geschieden, als er zwölf war, was ihn in die Rolle des Familieoberhauptes versetzte, was ihn naturgemäß überforderte, dann wurde auch noch die ältere Schwester, die nach dem Wunsch der Eltern Medizin studierte, die ja für ihre Kinder nur das beste Studium, schon um das eigene Statusdenken zu befriedigen, wollen und die Mutter starb noch 2008.

Deva, der, wie er beschreibt, in seiner Pubertät „einige Dummheiten und es seinen Eltern nicht sehr leicht machte“, ist es inzwischen, auch mit Hilfe einer Psychotherapie, die er allen betroffenen Jugendlichen sehr empfielt, seinen eigenen Weg zu gehen und das empfiehlt er auch denen, die im Glashaus zwischen den beiden Kulturen gefangen sind und ich denke, daß es wichtig ist, beide Werte und Welten miteinander zu verbinden, was wahrscheinlich gar nicht so einfach ist.

Denn Devakumaran Manuickaasagan fühlt sich, wie er schreibt, als Deutscher, ist er dort auch geboren und aufgewachsen und war, glaube ich, 2003,  das erste Mal in Sri Lanka.

Die Deutschen werden es ihm wegen seines Namens und seines Aussehens aber höchstwahrscheinlich  nicht so einach machen, ihn als ihren zu erkennen und ihn wahrscheinlich noch bis zu seinem Lebensende fragen, wie lange er schon in Deutschland ist?

Ich denke auch, daß das Besondere an Menschen mit Migrationshintergund, die zweite oder die beiden Kulturen sind. Die zweite Sprache, die sie sprechen und auch die Kenntnis, des anderen Weltbildes.

Aber natürlich ist es nicht leicht, das eine mit dem anderen zu verbinden und man braucht wahrscheinlich auch Hilfe und Unterstüzung dabei, damit das gelingen kann.

Das Buch ist, glaube ich, auch eine solche Hilfe für die betroffenen Jugendlichen, ermutigt sie der Autor doch immer wieder ihren eigenen Weg zu gehen, ruhig auszubrechen und sich auf ihre Werte zu besinnen, die nur sie selber bestimmen können.

Und für die Deutschen und die Österreicher kann es sehr interessant sein, zu erfahren, was ein junger Tamilie, der sich auch als Deutscher fühlt, denkt und mit welchen kulturellen Wurzeln, die er persönlich vielleicht gar nicht erlebte, sondern nur aus Sicht seiner Eltern vermittelt bekam, er aufwuchs und es ist auch interessant, daß Manickavasagan beschreibt, daß er in Sri Lanka, als Tourist betrachtet wurde.

Natürlich, denn es ist ja eine Sprache der Diaspora, die er vielleicht gar nicht mehr vollständig und akzentfrei spricht, auch wenn er den Wert des Fernsehen betont und beschriebt, daß auch die srilankischen Programme zu den Werten gehörte, an denen sich die Familie klammern und die sie zu Hause hören.

Beides ist, denke ich, wichtig und ich nehme mir von dem Buch mit, daß ich jetzt ein bißchen mehr von Werten und der Kultur in Sri Lanka, wo ich nie gewesen bin, weiß und das gilt natürlich auch für die Türken, die Serben, die Russen, die Ägypter, etcetera, daß man sich für ihre Werte interessieren sollte, damit ein Zusammenleben in Deutschland oder Österreich besser gelingt.

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