Literaturgefluester

2016-11-09

FanniPold

Nun ist der zweite Roman, der vorjährigen „Alpha-Preisträgerin“ Karin Peschka, aus dem ich schon ein bißchen im „MUSA“ und dann bei der Vorstellung in der „Alten Schmiede“ etwas hörte, doch zu mir gekommen und ich muß sagen, er ist sehr interessant und gekonnt geschrieben.

Fast ein bißchen spannender als das Debut aus dem Nachkriegs-Wien der Neunzehnhundertfünfzigerjahre, weil es den Miff einer oberösterreichischen Kleinstadt perfekt beschreibt.

Ich glaube mich zu erinnern, daß Karin Peschka im „MUSA“ sagte, daß sie sehr viel von dem beschriebenen, selbst erlebt habe, ist sie ja eine oberösterreichische Wirtstochter und die Fanni, die da mit dem Poldi nach einem mißglückten Tandemflug, beziehungsweise nach einer im wahrsten Sinn des Wortes haarsträubenden Harakiri-Aktion, in den Bäumen hängt, ist eine mittelalte Verkäuferin im Supermarkt der kleinen Stadt, wo die Geschäfte langsam sterben, ein neues Einkaufszentrum aber gebaut werden soll.

Sie ist verheiratet mit Bernhard, einem Bauernsohn, hat zwei Kinder und ist unzufrieden, denn sich nur jeden Mittwoch Abend mit den drei Freundinnen, bei Mario in der Pizzeria auf einen Salat zu treffen und sich sonst über ihren Chef zu ärgern, ist ihr zu wenig.

Es gibt aber auch einen jährlicher Ausflug der Freundinnen und der muß geplant werden, Grado oder Venedig?

„Sag, Fanni, deine Meinung?“, aber die spielt nicht mit und sagt stattdessen, sie habe Krebs.

Das löst eine Lawine von Hilfsbereitschaft, Adressen von Wunderheilern und Psychotherapeuten landen in Fannis Manteltasche, aber auch eine von Gerüchten aus und obwohl alle das Schweigen versprechen, weiß es bald der ganze Ort.

Fanni wird inzwschen zur Rebellin, schleudert Steine gegen ehemalige Trafiken, die jetzt als Kunstinstallationen genutzt werden und wird von einer alten Geschirrhändlerin, schnell in ihr Geschäft gezerrt.

Und während das alles, ganz genau mit Angabe von Datum und Ort des Geschehens erzählt wird, gibt es immer wieder die Szenen im Wald, wo Fanni mit dem Podl, einen Baumstamm in der Brust blutend am Baum hängt und keine Hilfe will.

Das Handy und die Perücke fallen auf den Boden und die Hilfe der Kurdin oder Inderin Nergis, die beherzt hinaufgeklettert kommt oder die des Lehrings Kreshnik, der auf Weisung seines Vaters etwas Nützliches in der Feuerwehrjugend tut, damit er nicht in den Kosovo abgeschoben werden kann, wird verweigert und langsam, ganz langsam wird man in den Bann des Buches gezogen und erkennt seine Dramaturgie und rafninierte Gestaltung, während am Anfang vieles Rätesel blieb oder unlogisch erschien.

Aber so soll es ja bei einem guten Roman sein und das öde Kleinstadtleben der sterbenden Stadt und das einer frustrierten Verkäuferin wird auf einmal sehr phantastisch und absurd geschildert.

Ameisen krabbeln in das Herz und über den Körper und gibt es wirklich einen Herzkrebs ersten oder zweiten Grades?

Ich habe nicht nachgegoolet und brauche das auch nicht, weiß nur, daß Panikattacken, wie auf Seite 267 steht, keine Psychose sind, aber das wird die Sozialarbeiterin, die aus der Wirtstochter wurde, auch wissen und zur Hebung der Spannung dient es allemal.

Ein Buch zum Nachdenken und Berühren lassen, in dem auch sehr viel Aktuelles steht, die Flüchtlingssituation, das Sterben der ländlichen Gemeiden, ja und ein Beispiel muß ich noch erwähnen, obwohl Karin Peschka, wie ich aus der ersten Besprechung weiß, nicht viel vom Spoilern hält.

Aber der Klatsch in den Kleinstädten ist ja unerbittlich und sieht jemand die halbwüchsige Tochter in das Auto eines älteren Mannes mit Wiener Kennzeichen steigen, der sie küßt und ihr Zigaretten überreicht, wird die Mutter schnell in die Sprechstunde der Frau Porfessor zitiert. Mmit der Tochter, die dann die Schokoladezigarettenpackung aus der Tasche zieht und der Mutter erzählt, daß die vom Onkel Hans seien und die Mutter erzählt, der erstaunten Lehrerin, daß der ihr Bruder ist und die Begrüßungsküßchen unter Verwandten zumindestens in unserer Gegen immer noch erlaubt und kein Fall für den Psychologen oder gar das Jugendamt.

Und FanniPold schreibt man als Ergänung für alle Rechtschreibfanatiker zusammen, weil das die Tandemsituation am Baum ausdrücken will, das habe ich auch erst nachher kapiert und in meinem „MUSA-Bericht“ noch falsch geschrieben.

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