Literaturgefluester

2016-12-22

Kryptozän

„Liebe Blogger und Bloggerinnen!“, hat mir vorige Woche der „Wagenbach-Verlag“ geschrieben.

„Die Zukunft läßt sich nicht aufhalten. Zeitenwenden kommen ungeplant und unverhofft. Lange schon wurde spekuliert und gerätselt. Monatelang hatte sich der Anbruch eines neuen Zeitalters angekündigt und nun ist es geschehen. Das Kryptzän hat begonnen!“

Dazu gibt es eine Website und das Angebot sich Pola Oloixaracs ersten auf Deutsch erschienen Roman zu bestellen, in dem es in drei Handlungssträngen um die Verknüpfung von Überwachungs- und Genmanupulationsstrategien geht.

Die Grundlage dazu, habe ich in einer Rezension gelesen, ist „daß Argentinien die biometrischen  und genetischen Daten seiner Bürger in einem Ausmaß erfaßt, wie kein anderes Land.“

Und die 1977 geborene Autorin ist eine argentinische Schriftstellerin und hat, wie es scheint, nicht nur mit ihrem ersten, sondern auch ihrem zweiten, bei „Wagenbach“ erschienenen Roman großes Aufsehen erregt.

Denn das Thema Überwachung und, wie weit das Internet manipulieren kann, wenn man vielleicht zu bereitwillig oder auch unfreiwillig seine Daten hergibt, ist ja in aller Munde und da habe ich auch zufällig vor kurzem zwei Romane gelesen, die das Thema auf jeweils sehr unterschiedliche Weise erfassen.

Vereinfacht ausgedrückt, kann man Pola Oloixaracs Roman wahrscheinlich genauso ungewöhnlich, wie den von Jarett Kobek beschreiben. Er ist auch genauso schwer zu lesen, denn höre und staune, der Zukunftsroman, der uns wieder eine Dystopie vor Augen führt und ich weiß, was das ist, auch wenn mir das mein Kritiker Uli nicht zu glauben scheint, beginnt im Jahr 1892, denn da geht der Pflanzenforscher Niklas Bruun auf eine Expedition nach Patagonien, um die „Crissida pallida“ zu erforschen, macht von den beobachteten Pflanzen schöne Zeichnungen, die auch im Buch abgebildet sind, gerät wahrscheinlich in einen Drogenrausch, kommuniziert mit Ratten, die in dem Buch überhaupt eine große Rolle spielen und so weiter und so fort.

Und hundert Jahre später macht sich eine argentinische Studentin auf eine Forschungsreise nach Brasilien auf, wird dort geschwängert, unterbricht ihr Projekt, heiratet kurz den den Kindesvaters, kehrt aber bald schon mit dem Söhnchen zu ihren Eltern zurück und der, ein dickliches, ein wenig asoziales Kind, wie die Wunderkinder halt sind, entwickelt sich zu einem begnadeten Hacker, wo schon, als er zwölf ist, die Herren von der Bank bei der Mutter anklopfen, den das Söhnchen hat die Daten stillgelegt.

Der geht nun, weil das Hacken ja langweilig ist, auch nach Patagonien in  ein ehemaliges Atomforschungsinstitut, wo er nun die Vermischung digitaler und genitaler Daten erforschen soll.

Da sind wir jetzt schon im Jahr 2024, also ein bißchen in der Zukunft, Cassio, wie der begnadete Hacker heißt, ist schon über vierzig und eine schöne junge Biologin namens Piera, die den Sonderling an Monica Lewinsky erinnert, gibt es auch.

Das Wunderkind erkennt die Gefahren, die in einer solchen Firma liegen, nicht umsonst hat der Gründer beziehungsweise, der Freund, der Cassio dorthin brachte, die Firma still und heimlich verkauft und so macht er sich auf, die Computer dieser Welt mit Viren zu verseuchen und sich auf den Weg nach Chile, um dort in die Einsamkeit zu entkommen.

Ein interessantes und schon wegen seiner Zeichnungen, so ungewöhnliches Buch, wie Philiph Krömers „Ymir“, das beim „Bloggerdebutpreis“ an zweiter Stelle, hinter Shida Bazyar gekommen ist.

Die Nazis und die bösen Deutschen, die ja in Patagonien dieses Atomzentrum einmal errichtet haben, kommen vor und noch vieles anderes.

Sex und erotische Phantasien, die mich ja nicht so interessieren, etcetera, ein sehr ungewöhnliches Buch, für das der Verlag, wie  oben beschrieben, auch einen sehr ungewöhnlichen Aufwand machte, eine eigene Website anlegte, wo man einen Trailer und auch Interviews mit der schönen Autorin und anderen lesen kann.

Spannend zu lesen und darüber nachzudenken, wie wir den Gefahren unserer Datenverschmelzung entgehen können, nicht umsonst habe ich mich in letzter Zeit ja auch mit den „Wissenschatlichen Cartoons“ aus dem „Holzbaum-Verlag“ beschäftigt, wo das Ganze viel harmloser gezeichnet wird.

Spannend sich durch die drei Handlungsstränge zu lesen und, um auf die Frage, des „Amazons-Rezensenten“ zurückzukommen oder sein Erstaunen zu beantworten, wieso ein Hackerroman im Jahr 1882, beginnt?

Der Anfang ist das Ende und alles führt in die Vergangenheit zurück, denn „ohne es zu wissen, wandelt er so auf den Spuren anderer Forscher, die schon am Ende des 19. Jahrhunderts einen radikalen Transhumanismus predigten. Als er erkennt welch finsteres Kalkül hinter dem Projekt steckt, steht Cassio vor der Frage, die jahrelang  auf seinem T-Shirt prangte: Hacker oder Beherrschte? Mit atemberaubenden Tempo und abgründigen Humor erzählt Pola Oloixarac von den alten und neuen Kontrollphantasien desMenschen – und schreibt ganz nebenbei noch eine Biografie des Internets. Kryptozän beweist, was wir spätestens seit Edward Snowdon ahnten. Der politische Held unerer Zeit ist der Hacker – ob wir wollen oder nicht!“, steht noch am Klappentext.

Interessant in letzter Zeit soviel über das Internet, aber auch über die Gentechnik gehört zu haben, denn Elisabeth Reichart hat ja auch einen diesbezüglichen Roman geschrieben, aber der ist noch nicht zu mir gekommen.

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