Literaturgefluester

2016-12-26

Chronik einer fröhlichen Verschwörung

Filed under: Bücher — jancak @ 00:10
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Nun kommt ein Geburtstagsbuch vom vergangenen Jahr, Richard Schuberths Debutrom, den ich mir wünschte, weil ich ja wenigstens teilweise bei der Präsentation im Ost-Club war, der natürlich auch in dem Buch vorkommt, Robert Schindel war mit Sabine Gruber ebenfalls anwesend und der, habe ich mir zumindest am Anfang des Buches gedacht, könnnte das Urbild für den Ernö Katz sein, aber dann macht das fünfhundert Seiten Buch ja sehr rasante Sprünge, aber schön langsam, hübsch der Reihe nach, denn ich soll ja nicht so unverständlich schreiben.

Den 1968 Geborenen kenne ich, glaube ich, vom „Volksstimmefest“, ich bin auch irgendwie in seine Kartei gekommen, denn er schickt mir regelmäßig die Einladungen zu seinen Veranstaltungen. Er hat Essays und Theaterstücke geschrieben, „Wie Branca sich nach oben putzte“ bespielsweise, aber auch das „Neue Wörterbuch des Teufels“, mit seinem 1915 erschienenen Debutroman, stand er im Vorjahr auf der Longlist des „Alphas“, heuer hat er auf den Ö- Tönen daraus gelesen und das Stück, was ich im Ost-Club daraus hörte, hat mir sehr gefallen, wohl wissend, daß Richard Schuberth mir wahrscheinlich  zu männlich aggressiv sein wird und er sehr viel über Sex schreibt und manches in dem Roman war schlichtweg so kitschig, daß man sich wundert, daß er bei „Zsolnay“ erscheinen konnte.

Bei „Amazon“ gibt es ein paar fünf Stern und eine ein Stern Rezension. Ich vergebe ja keine Sterne, Hauben oder Bücher, weil ich Bücher ja nicht verreißen möchte, hier könnte ich aber sowohl das eine, als auch das andere geben und das ist wahrscheinlich auch der Vorzug des Buchs.

Wieder schön der Reihe nach und die Handlung des Buches ist eigentlich sehr schnell erzählt und steht auch so am Klappentext.

Der siebzigjährige Jude und ehemalige Universitätsprofessor Ernö oder Ernst Katz fährt auf der Westbahnstrecke mit dem Zug nach Wien und ist stinkwütend, maßt sich da doch ein junger Autor namens Rene Mackensen, wie er in der Zeitung gelesen hat, einen Roman über das Leben Klara Sonnenscheins zu schreiben. Eine Wiener jüdin, die ein paar Jahre in einer Wohnung versteckt wurde, dann ein paar Monate in Mauthausen war und sich in den Sechzigerjahren in Belgien erhängte. Sie war Philosophin, hat Aphorismen und Haikus geschrieben, sowie Briefe an Ernst Katz zu dem sie irgendeine Beziehung hatte, Teile aus ihrem Werken sind den jeweiligen Kapiteln vorangestellt und die Aphorismen „Arschloch: Tunnel, in den die Karriereleiter führt und an desen Ende es kein Licht gibt“, beispielsweise, stammen wohl auch aus dem „Wörterbuch des Teufels.“

Im Zug lernt der Fluchende die siebzehnjährige Birgit oder Biggy Haunschmid aus St. Pölten kennen, die aus einer HTL geflogen ist und die nun bei ihm einzieht.

Er zahlt ihr alles, sie gibt das Geld auf seiner Kreditkarte mit vollen Händen aus und das ungleiche Paar zieht im ersten Drittel des Buches durch Wien herum, säuft und kifft und treibt allerhand seltsame Sachen, in dem sie beispielsweise verkleidet in den Ost-Club ziehen und dort Tischfußball spielen.

Dann schmieden sie ein Komplott, denn das Schreiben des Romans muß verhindert werden. So hetzen sie den armen Rene, der den Roman am Anfang gar nicht schreiben will, aber von seinem Agenten und Verleger Carsten Kempowski  und seiner älteren Geliebten Almuth, einer Literaturritikerin dazu gezwungen wird, mit gefälschten Wikipediaeinträgen und gefläschten Briefen zuerst nach Belgrad, dann sogar nach Tel Avic und als Mackensen Dr. Katz besuchen will, weil der ja eine Vorlesung über Klara Sonnenschein gehalten hat, spielt er ihm einen senilen inkontinenten alten Trottel vor, der ihm Unterricht in Hegels Werke geben will.

Man sieht ein sehr ungewöhnliches Buch, es wird geschnackselt und gevögelt und Birgit, die zu dem alten Philosophen natürlich nur eine unerotische Beziehung hat, betrügt ihn mit allen möglichen Sorten von Arabern. Sie zeigt ihm auch gruppendynamische Kniffe. Beispielsweise, daß sich alle Leute in der U-Bahn entschuldigen, wenn man ihnen auf die Zehen tritt. Dann kommt es zu einer Wende. Katz beginnt ein Verhältnis zu Mackensens Geliebter, Birigit eines mit Rene. Der alte Katz erleidet einen Schlaganfall, als er, das ist eine der kitschigen Szenen, im Cafe Landtmann eine rassige Frau küssen soll, um Almuth von ihm abzubringen.

Dann begeht er noch einen Selbstmordversuch. Biggy rast zu ihm ins Spital und dort, aber auch in einer Bar, wo inzwischen der betrunkene Mackensens herumhängt, erscheint Klara Sonnenschein allen drein und bringt Biggy platonisch oder nicht, mit dem alten Katz zusammen, bevor sie wieder ins Paradies entschwebt und der Epilog ist ein Kronenzeitung-Artikel, in dem über dem Live Ball berichtet wird, wo sich Abdulramahn Mackensen, der junge Dichter, hat während des Romans, nicht nur seine jüdischen Wurzeln entdeckt, sondern ist auch zum Islam konvertiert mit seinem schönen Freund befindet und einen tollen Roman, der aber ein ganz anderer, als der über Klara Sonnenschein ist, denn den, hat ihr Geist dem alten Katz verraten, wird natürlich Biggy verfassen, hat er auch geschrieben.

Wird man mir jetzt glauben, daß es ein sehr intellktuelles, höchst anspruchsvolles Buch ist, das sich mit Gott und der Welt und noch vielen anderen beschäftigt und das gar nicht so leicht zu lesen ist?

Es ist so manchmal und manchmal ist es, wie schon erwähnt wieder unerträglich kitschig. Mir zuviel harten Männersex und auch zu aggresssiv und die Stelle, wo Biggy in die Wohnung, wo Klara Sonnenschein, die von ihrem Verstecker natürlich auch mißbraucht wurde,  gelebt hat, einbricht und dann von den jetztigen Bewohnern, einem Juppiepärchen nicht nur fünfzehnausend Euro als auch noch ein Bild von Maria Lassing geschenkt bekommt, die „Identitären“ würden das wohl „Ethno-Masochismus“ nennen, habe ich vollends nicht verstanden.

Aber ich weiß schon, Richard Schuberth hat sich in seinem Debut ordentlich ausgetobt, alle Saiten gezogen und über alle Stränge gesprungen, irgendwie phaszinierend und sehr interessant.

Ein ungewöhnliches Buch, über eine „ungewöhnliche Freundschaft“, wie am Buchrücken steht, auf jeden Fall.

Eine Mischung zwischen E und U oder besser eine zwischen einem Porno und einem philosophischen Essay und das so etwas möglich ist und noch dazu bei „Zsolnay“ erscheint und auch auf die „Longlist des Alphas“ für das beste Debut kommt, ist auch sehr ungewöhnlich.

Wie schon geschrieben, ich habe das Buch sehr ambivalent gelesen und bin jetzt schon auf seinen nächsten Roman, von dem ich schon ein Stück lesen durfte, weil er damit einmal ein „Hans Weigel- Stipendium“ bekam, sehr gespannt und ehe ich es vergesse, eine Satire auf den Literaturbetrieb ist das Ganze auch noch.

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3 Kommentare »

  1. […] Bessere Erfahrungen hat Caterina von Schöne Seiten mit dem Buch gemacht. Wer sich wirklich für das Buch interessiert, schaut lieber bei ihr vorbei. Eine weitere positive Stimme gibt es noch bei Evas Blog Literaturgeflüster. […]

    Pingback von [Rezension]: Richard Schuberth – Chronik einer fröhlichen Verschwörung – Lesen macht glücklich — 2017-05-13 @ 17:02 | Antwort

  2. Selten schaltet sich der Autor selbst ein, aber zufällig auf diese Rezension gestoßen, muss ich der Rezensentin eine Frage stellen. Sie sind ja bereits mit der Erwartung an das Buch herangegangen, dass ich Ihnen zu männlich aggressiv sei. Aber verraten Sie mir nur eine Stelle, wo es außer in der Verführung Mackensens durch Klara Sonnenscheins Geist explizit zur Sache geht. Wo gibt es da Porno? Es wird über Pornos gesprochen. Es gibt Diskurse über Sex. Und das Buch ist das, was man heute als sexpositiv (schrecklicher Begriff) bezeichnen würde. Aber ist Ihnen die radikalfeministische Tendenz des Buches (so wie etlichen anderen Frauen) nicht aufgefallen?
    http://wienerin.at/home/jetzt/5149735/Hawara-der-Woche_Frauen-sollen-das-gleiche-Recht-haben-ein
    Und dann, weil ich ein notorischer Kitschverächter bin: Wo ist der Kitsch? Die Szene im Cafe (die „rassige Frau“ ist die ganz normale österreichische Freundin Biggys, mit jugosl. Herkunft) ist absurd, komisch – aber wo ist der Kitsch? Nun jeder empfindet Kunst anders, und das ist auch gut so, aber diese Wahrnehmung hat mich jetzt schon erstaunt. Seien Sie mir nicht böse. Der Ausschnitt aus dem „nächsten Roman“ stammt aus einem Romanfragment, das ich etwa 2004 schrieb. Ist nicht erschienen, und wird es auch nicht. Seien Sie mir nicht gram, und lesen Sie weiter meine Texte. 🙂
    MbG
    Richsrd Schuberth

    Kommentar von Richard Schuberth — 2017-07-28 @ 14:10 | Antwort

  3. Lieber Herr Schuberth!
    Ja, was soll ich darauf antworten? Natürlich kann (und will ich auch nicht) meinen subjektiven Eindruck und Rezensionen sind ja subjektive Momentaufnahmen, die sicher auch viel mit der Person, der Lebensgeschichte, dem Weltbild, etcetera, des Lesenden zu tun haben, objektiv begründen!
    Denke aber, daß das, was das „aggressiv“ betrifft, wahrscheinlich das Männliche oder auch Selbtbewußte an Ihnen ist, was mir, als vielleicht ein wenig zu stark erscheint und ich da auf Distanz gehe.
    So geht es mir öfter bei Ihnen, wenn ich Sie bei Lesungen z.B. beim Volksstimmefest höre, daß mir Ihr Selbstbewußtsein etwas zu stark erscheint, das ist aber jetzt mein subjektiver Eindruck und gar nicht bös gemeint und, ich glaube, das Buch hat mir auch gefallen!
    Mit manchen Stellen hatte ich Schwierigkeiten, manche habe ich vielleicht auch nicht verstanden, was ich mit Kitsch gemeint habe, weiß ich jetzt gar nicht mehr so genau, aber vielleicht diese Verkleidungsszene oder das Verwirrspiel mit dieser Schriftstellerin.
    Es erstaunt mich jetzt ein bißchen, daß Sie auf meinen Text so empfindlich, fast ein wenig gekränkt reagieren, also habe ich mich mich getäuscht und Sie sind gar nicht so männlich, aggressiv, selbstbewußt, wie ich den Eindruck hatte?
    Und natürlich werde ich Sie weiter lesen, vielleicht treffen wir uns auch beim nächsten Volksstimmefest, ich lese da am Samstag und können noch persönlich darüber reden, aber wie geschrieben, eigentlich hat mir Ihr Buch gefallen und ich verlinke jetzt auch noch mit der obigen Rezension, wo ich Sie und Ihr Buch auch verteidigt habe, nachdem die Seite irgendwie verschwunden ist.
    https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2017/05/14/rezension-richard-schuberth-chronik-einer-froehlichen-verschwoerung/

    Kommentar von jancak — 2017-07-28 @ 17:10 | Antwort


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