Literaturgefluester

2017-02-19

Truggestalten

Filed under: Bücher — jancak @ 00:46
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Mit den Häusern und den surrealen Erlebnissen, die man in ihnen haben kann, geht es gleich weiter, denn „Galiani“, hat mir die Berlin-Episoden des Regisseur und Sachbuchautors  Rudolph Herzog geschickt, in denen er in sieben Teilen, das heutige mit dem vergangenen Berlin verbindet und auf die Geister und die Truggestalten hinweist, die man dort erleben kann.

„Schlüssel“, heißt die erste Geschite und das sind die Truggestalten nur  ansatzweise und splitterartig ausgeführt. Jemand zieht in eine Eigentumsanlage, die von einem Konzern verwaltet wird, dem alten Hausmeister, der hier schon einmal Blockwart war, wurde gekündigt. Er hat aber immer noch irgendwo eine Wohnung und hilft auch aus, wenn das Wasser tropft und sich das Callcenter des Konzerns nicht meldet.

Es soll auf dem Gelände auch ein Spielplatz gebaut werden, der Hausmeister ist dagegen, denn da waren einmal Zwangsarbeiter untergebracht, die auch bei einem Bombenangriff ums Leben kamen.

Es wird auf ihn nicht gehört und mit dem Bauen begonnen. Da werden Knochen gefunden und schließlich fällt der Hausmeister, als er einen Tag, wie ein Totenwächter davor steht, in die Grube und wird erfroren herausgefischt.

Etwa präziser geht es in der nächsten Geschichte „Die Näherin“ zu.

Da geht es auch wieder um eine hochmoderne Luxusanalge, die über der ehemaligen Charite errichtet wurde. Ein Unternehmensberater, der Schwierigkeiten mit seinem hochexplosiven Chef hat, der alle kündigt, die nicht effizient genug arbeiten, wohnt dort mit der russischen Frau und der kleinen Tochter, die sich plötzlich in ihrem Zimmer fürchtet.

Denn sie sieht eine Frau, eine Näherin auf einem Sessel sitzen. Björn, der Vater findet ein graues Haar, das Kindermädchen das Alena in ein Museum führt, findet dort ein Bild einer Näherin, die im neunzehnten Jahrhundert zuerst politisch aktiv wurde, auf Mißstände hinwies und   sich schließlich in der Psychiatrie, die sich dort befand, wo jetzt Björns Wohnung liegt, das Leben nahm, in dem sie ihr Nähmaterial verschluckte.

In „Tandem“ geht es von Griechenland vor oder in der Krise nach Berlin. Denn da sucht ein astmatischer Ingenieur einen Job, muß aber vorher noch besser Deutsch lernen. So tut er sich mit Lotte zusammen, die Griechisch lernen will. Die bringt ihm aus Eicheln gebackenes Brot mit und brät ihm Fische, die aus Fischmehl hergestellt wurden. Als er ihr von der Hungersnot in Griechenland, die im Krieg von den Deutschen ausgelöst wurde und von der auch seine Großmutter betroffen war, erzählt, verläßt sie fluchtartig die Wohnung, triff sich mit ihm aber auf einem Friedhof wieder, wo sie Ratten isst.

Und „Ifrit“ sind die türkischen Geister, die erst durch die Hodschas ausgetrieben werden können und so einer war noch in einer ehemalig hausbesetzten Wohnung, die nun der ehemalige Hippie und jetzige Jogalehrer aufkaufte, mit seiner alten Frau und jungen Freundin dort lebt und die Türken, die auch einmal dort lebten, hinausgetrieben hat.

So bricht sich der Neumieter den Finger, hat Alpträume und wäre fast verbrannt, bevor der Althippie zu ihm kommt und ihm weinend seine Jugendsünden gesteht.

Mit den „Geistern von Berlin“, so der Untertitel, geht es in der vierten Geschichte „Ex Patria“ in die DDR-Vergangenheit, das heißt eine amerikanische Künstlerin quartiert sich in ein ehemaliges Geschäft ein, die Mieten sind nebenbei erwähnt sehr hoch, sie hat aber einen reichen Vater und sieht Blut, sieht auch den Körper eines DDR-Grenzsoldaten und bekommt heraus, da hat man von Westen aus versucht einen Tunnel zu graben, um eine Ostdeutsche und ihren Liebsten hinüberzuschmuggeln. Der Osten hat beobachtet, der Versuch ist gescheitert, ein junger Soldat, der später studieren wollte, ist dabei aber ums Leben gekommen.

Und dann erzählt in „Doppeldecker“, eine Frau von den Untoten, die es auch zu geben scheint. Denn da wurde ein Mann entdeckt, der schon 1901 fotgrafiert wurde und dann 2015 noch einmal, inzwischen ist er aber nicht gewaltert und die Ich-Erzählerin soll die Sache aufklären und bekommt noch heraus, daß es sich dabei um einen ehemaligen Piloten handelt.

Am Schluß noch einmal in die DDR zurück oder zu einer jungen Studentin, die eigentlich ihre erste Liebe erlebt, sie hat aber eine trinkende Mutter und die sieht Gespenster in der Wohnung, Bilder werden verrückt und sie stammt auch aus der ehemaligen DDR und dazwischen erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit, wie man das damals so machte. Man drang einfach in die Wohnungen der Aufsäßigen ein, vertauschte Gegenstände, so daß sie verrückt wurden, in die Psychiatrie kamen, etcetera.

Und das alles ist wohl wirklich so oder in anderer Form einmal in Berlin passiert, das sich inzwischen ja sehr geändert hat, modern und hipp geworden ist.

Die Vergangenheit holt uns ein, sagt uns der Regisseur und man merkt seinen Episoden die filmische Sprache durchaus an.

Truggestalten und Geister gibt es nicht wirklich,  es ist ist sicher interessant zu wissen, was sich einmal in der schicken Eigentumswohnung, die man bewohnt, weil man beispielsweise ein erfolgreicher Unternehmer ist, früher alles passierte.

Die Geister werden die jungen Urbans höchstwahrscheinlich dabei nicht einholen, also ist es sicherlich interessant zu lesen, was sich ein erfolgreicher Filmer diesbezüglich ausgedacht hat.

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