Literaturgefluester

2017-03-06

Der Lärm der Zeit

Als ich mich im vorigen Herbst durch die „Kiwi-Vorschauen“ blätterte, habe ich Julian Barnes Roman  „Der Lärm der Zeit“ übersehen, da ich von  dem 1946 geborenen englischen Schriftsteller, glaube ich „Das Stachelschwein“ gelesen habe und auch noch ein paar anderer seiner Bücher in meinen Regalen habe, aber gar nicht mitbekam, daß es dabei um den Komponisten Dimitri Schostakowitsch geht.

Das hat sich dann sehr bald geändert, denn die Booktuber wiesen in ihren Februarvorschauen auf das Buch hin, Alfreds Freund Karli hat es ihm empfohlen und ich kann mich erinnern, daß es 2003, als sich Stalins Tod zum fünfzigsten Mal jährte, in Ö1 einen Schwerpunkt gab, der auf die Repressalien hinwies, die der russische Komponist unter dessen Herrschaft ausgesetzt war.

Ein sehr interessantes Buch also, das ich jetzt gelesen habe und es hat mich, glaube ich, auch Julian Barnes näher gebracht, denn der Künstlerroman, es ist keine Biografie, versteht es, in sehr dichten Bildern einen starken Eindruck von der damaligen Zeit und dem Leben in Moskau oder St. Petersburg in dieser Zeit zu zeichnen.

Aber damals hat es ja Leningrad geheißen und da steht 1936 im fünften Stock in seinem Wohnhaus Nacht für Nacht mit einem Köfferchen in der Hand der Kopominst und wartet, daß Stalins Polizisten kommen, um ihn abzuholen. Denn der Diktator hat die Oper verlassen, als dort seine „Lady Macbeth von  Mzensk“ aufgeführt wurde und das bedeutet, daß er in Ungnade gefallen ist und das Schlimmste zu erwarten hat.

Und dabei ist der wohl schon damals berühmte Komponist kein starker Mann, sondern einer, der von  Angst durchbeutelt wird und sich bestenfalls nur in die Ironie retten kann. Wehren kann er sich nicht, weder gegen die Mächtigen des Arbeiter- und Bauernstaats, noch gegen seine Mutter und auch gegen seine Frau Nita kann er sich nicht recht durchsetzen, sondern hat es nur geschafft, daß er am Gang auf Stalins Schergen warten kann, damit sie und die kleine Tochter in ihrer Ruhe nicht gestört werden.

Es passiert aber nichts. Dimitri Dimitrijewitsch hat Glück gehabt und wieder zwölf Jahre später, 1948 sitzt er im Flugzeug und fliegt gerade von einem Friedenskongreß aus den USA zurück, zu dem ihm der Genosse Jossif Wissiarionowitsch persönlich am Telefon beorderte und Dimitri Dimitrijewitsch konnte natürlich nicht ablehnen, obwohl er es versuchte.

Aber nichts half, zu dem Argument, daß er Flugangst hätte, wurden ihm Medikamente verordnet, auch ein Frack wurde versprochen und auf die Frage, was er denn antworten soll, wenn man ihn in NewYork fragen würden, waurm seine Musik in der SU nicht gespielt würde, war Väterchen Stalin auch ganz erstaunt?

So flog er selbstverständlich, was sollte er sonst auch tun? Bekam in dem Hotel, wo der Kongreß stattfand, die Rede ausgehändigt, die er halten sollte und auch da half nicht viel, daß er versuchte, sie möglichst ironisch vorzutragen. Er brach sogar mittendrin ab und überließ dem Dolmetscher das Weitere. Hörte entsetzt, was er da sagen sollte und als der damit fertig war, zeigte ein Exil-Russe auf, vom CIA bezahlt, wie Barnes in seinem Nachwort erläutet und fragte den Komponisten mehrmals, ob das wirklich seine persönlichke Meinung wäre?

Was blieb ihm über als ja zu sagen und zurückzufliegen?

Richtig, er hätte auch aus dem Fenster springen und um Asyl ansuchen können, aber die Famiie, es gab inzwischen auch einen Sohn, war ja in Leningrad und zu den Mutigsten schien er auch nicht zu gehören.

Ich verweise da  auf Hans Falladas Gefängnistagebuch beziehungweise seine Biografie, die ich kürzlich gelesen habe, in denen geschrieben steht, warum Rudolf Dietzen auch nicht ausreiste, sondern versuchte sich durch das Nazi-Regime zu wurschteln.

Dimitri Dimitrijewitsch hat das wohl bezüglich des Stalinmus getan und wieder  Jahre später, im dritten „Im Auto“, betitelten Teil, sitzt er in diesem und denkt wieder über sein Leben nach.

Auf dem ersten Blick ein berühmter Mann, den „Stalinpreis“ hat er sechsmal bekommen, den „Leninorden“ auch alle zehn Jahre 1946, 1956 und 1966. 1976 wird er schon gestorben sein, hofft wieder der Zyniker in ihm und das sogenannte Tauwetter hat auch begonnen.

Nikita Chruschtschow ist jetzt erster Vorsitzender und alles Leiwand und Paletti, denn man hat die ersten Säuberungsopfer schon rehabilitiert. Aber nun kommt man wieder zu ihm und zwingt ihm in die Partei eintzutreten, bzw. Vorsitzender des Komponistenverbandes zu werden und wieder Artikel zu unterschreiben, die nicht von ihm stammen und es bleibt ihm wieder keine andere Wahl, als es zu tun.

„Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage  der Intergrität stellt und traurige Aktualität  genießt“, steht im Klappentext und ich denke, daß man, bevor man nun von Anpassung,  „feigen Aschloch“, Mitläufer, etcetera spricht, was einem ja in den Sinn kommen könnte, nachdenken sollte, wie man selber gehandelt hätte, hätte man 1936 in Leningrad oder 1942 in Berlin gelebt, beziehungsweise, was man heute tun würde, wenn sich diese Frage stellen sollte?

In „Wikipedia“ kann man, glaube ich, eine gute Zusammenfassung lesen: „Er schrieb im Regime von Josef Stalin Hymnen und blieb gleichzeitig auf Distanz zum stalinistischen System, welches ihn drangsalierte und jahrelang in Todesfurch hielt.“ Und „Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1939 und 1970 nachzuerleben, reicht es aus, die Symphonien von Schostakowotsch zu hören“, schrieb die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti. Der Celist Mistilaw Rostopowitsch sah im  siinfonischen Schaffen Schostakowitschs eine Geheimgeschichte Russlands und Gottfried Blumenstein bezeichnetw sein Werk als „apokalyptischen Soundtrack unseres Jahrhundert.“

Den vierten Leninorden hat er sich übrigens tatsächlich erspart, da Dimitri Schostakowitsch  1975 in Moskau verstorben ist und ich kann das Buch, das wahrscheinlich ein Higlight der Frühjahrsneuerscheinungen darstellt, sowohl, den Musik-, als auch den Literatur-sowie Politikinteressierten sehr empfehlen.

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