Literaturgefluester

2017-04-01

Lieben muss man unfrisiert

Vor  vierzig Jahren hat die in Wien geborene und in der DDR gestorbene Maxie Wander ihren Interviewband „Guten Morgen, du Schöne geschrieben“, der prägend für den Feminismus war und sehr viel vom Leben der Durchschnittsfrau, ihren Gefühlen und Verletzlichkeiten in die Öffentlichkeit brachte.

Ein Buch, das ich wahrscheinlich im „Arbeitskreis schreibender Frauen“ kennenlernte und gelesen habe und das heute wahrscheinlich ziemlich vergessen ist.

Die 1989 geborene Nadine Kegele, die ich, glaube ich, beim „Linken Wort“ kennenlernte und die inzwischen Karriere machte hat in ihrem dritten bei „Kremayr& Scheriau“ erschienen Buch daran gedacht und genau, wie Maxie Wander, ab 2015 Interviewes mit Frauen über ihr Leben ihre Verletzlichkeit und die Gewalt, die sie erlebten, geführt.

„Lieben muss man unfrisiert“ heißt der Band, ein Zitat einer der Frauen, wie Nadine Kegele in Leipzig im „Österreich-Cafe“ Roman Kollmer, der sie  interviewete, erklärte und der, die Gewalt, die Frauen auch heute noch erleben, gar nicht glauben konnte und es ist sicherlich sehr spannend, sich durch die Veränderungen zu lesen, die es inzwischen gegeben hat oder auch nicht, denn vor fast zwei Jahren hat es ja einen Aufschrei gegeben, als Ronja von Rönne „Der Feminismus kotzt mich an!“ oder so polemisierte.

Was ist davon geblieben und wie emanzipiert ist die Frau heute in den neoliberalen Zeiten und war es vielleicht in der DDR doch ein bißchen anders könnte man so meinen oder fragen?

Also „Lieben muss man unfrisiert – Protokolle nach Tonband“, wie gleich unter dem Titel steht und vorher gibt es noch ein fiktives Interview, das Nadine Kegele mit der 1977 gestorbenen Elfriede Brunner führte, wo sie versucht Vergleiche zwischen ihr und sich zu ziehen. Beide haben, glaube ich, kein Abitur beziehungsweise Matura, beide waren Sekretärinnen, beide haben Karriere gemacht und beide haben Frauen interviewt, beziehungsweise sich für das Leben der Frau und ihre Emanzipation sehr eingesetzt.

Nadine Kegele hat das in Leipzig Roman Kollmer gegenüber sehr engagiert getan und hat auch einige Stellen in ihrem Interview umgeschrieben.

Aus der Frau einen Mann gemacht, um zu zeigen, wie absurd das klingt, wenn dem plötzlich, die Gynäkologin Oliver auf den Po klopft.

Kein Wunder also, wenn eine so engagierte Frau wie Marlene Streeruwitz das Vorwort geschrieben hat und dann geht gleich los mit den achtzehn Interviews, da hat sich Nadine Kegele, glaube ich, an die Vorlage gehalten und  auch versucht beim Alter der Interviewpartnerinnen genau zu sein.

Die erste Frau ist  „Michaela, 48, Reinigungsfachkraft“, die aus Serbien kommt und wahrscheinlich so frech und rotzig, wie auch Maxie Wanders Interviepartnerinnen, von ihrem Leben als Putzfrau erzählt und davon, daß den Frauen, das Putzen wahrscheinlich näher, als den Männern ist und sie es mit der Sauberkeit genauer, als sie nehmen.

„Fanny, 92, Konturistin“, ist Nadine Kegeles Nachbarin, von der sie auch in Leipzig erzählte. Mir der hat sie, glaube ich, ihre Interviews begonnen und die alte Dame hat zu sprechen angefangen, als sie das Mikrophon gesehen hat und drei Stunden später oder so damit aufgehört und dazwischen mußte sie ihrer Interviewerin noch erklären, was DDT ist, weil man dieses Spritzmittel heute offenbar nicht mehr kennt.

Und in allen Interviews geht es um die Weiblichkeit, die Verletzlichkeit der Frau, die Aufklärung, das sich wehren oder unterdrückt werden, etcetera.

Die Filmemacherin Ona, kommt aus Polen, lebte und arbeitete offenbar viel in Spanien und ist die, die ihre Erlebnisse beim Gynäkologen erzählt, beziehungsweise die im Bus, wenn man plötzlich eine Hand auf die Schenkel gelegt bekommt und sich nicht wehren kann. Sie hatte aber einen aufgeklärten Vater, der der Mutter immer Blumen zum Frauentag schenkte und ihr welche als sie die erste Regel bekam und sie war auch die erste in ihrer Klasse die einen BH trug.

„Ich kenne Catwalk, Cat Lady kenne ich nicht“, sagt „Ingrid, 60, Architektin, die, obwohl in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen, wo schon die Mutter studieren durfte, ähnliche Erfahrunge, wie ich hat. Jedenfalls erwähnt sie oft Johanna Dohnal, mit ihrem Frauenstaatssekretariat, die später die erste Frauenministerin wurde, erwähnt die Skulpturen am „Vorwärts-Haus“ und am ehemaligen „Staffa-Gebäude“ auf der  Mariahilferstraße und  die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky mit ihrer Frankfurter-Küche, als ihr großes Vorbild, deretwegen, sie zur Architektin wurde.

Rosa und Greta scheinen aus Berlin zu kommen und „Rosas, 27, Autorin“ Ansichten über das Schreiben sind besonders interessant.

Eine so junge Frau und schon Autorin, die gelegentlich vom Staat für ihre Arbeit finanziert wird, aber keine Garantien auf Förderung hat, sich vorher aber von Praktikum zum Praktikum weiterhantelte, was wohl auch nicht aussichtsreicher war.

Nur bekommen nicht alle Autoren Förderungen, manche müssen sich mit dem Hobbyautorstatus herumstreiten und „Autorin“ sagt Rosa „ist ein Beruf, der nicht als Beruf anerkannt ist. Eines der Probleme beim Schreiben ist, dass die Leute denken, das könne jeder, sie könnten das ebenfalls, Aufsätze in der Schule hätten sie ja auch geschrieben.“

Das ist ein Argument, das ich auch schon öfter hörte und bei dem ich bekannterweise anderer Ansicht bin, denn ich denke ja, ein jeder, der es will, soll es tun und tue es ja auch, aber interessant, daß eine so junge Frau schon so selbstbewußt ist und sich in den Ringkampf des Literaturbetriebs hineinwirft, der ja, wie ich glaube, mindestens so hart wie vor vierzig Jahren, vielleicht sogar in Zeiten des Prekariats noch härter ist.

Sehr schön die Geschichte von der Lesung von Wilhelm Genazino auf der sie  einmal war. Nachher stand sie neben ihm am Getränkebuffet und griff gleichzeitig mit ihm nach einem Glas. Er sagte „Prost!“, sie auch, als sich das dann wiederholte ist sie von der Veranstaltung davongelaufen.

Und „Greta, 42, Bibliothekarin“ ist eine Frau neben der Mauer aufgewachsen, die sie später auch vermißte, weil ihr ein Teil ihrer Lebensrealität entschwand,  mit einer Vielzahl von Problemen, in Zeiten aufgewachsen, wo die Frauenemanzipation zumindestens in Liedern selbstverständlich war und das Gärtnerkind ganz selbstverständlich neben dem Arztkind auf der Schulbank saß. Die Ungleichheiten sind ihr dann erst später aufgefallen, haben sie eingeschränkt und geprägt.

Das Elternhaus war nicht gut, so daß sie Ängst, Depressionen und auch ein Übergewicht entwickelte, daß sie dann insbesondere auf Flugzeugsitzen einschränkte und weil alle auf sie schauen, diskriminierten.

„Hillary, 16 und Barbara, 17, Schülerinnen“, sind Nadine Kegeles jüngste Gesprächspartnerinnen, scheinen aus Ghana, beziehungsweise aus Serbien zu kommen und plaudern locker über Snapchat und die Mühe einer Mutterschaft vor sich hin.

Die Scheidungsanwältin „Ruth, 45“ scheine ich zu kenne oder gibt es eine andere mit diesen Namen, die sehr berühmt in der Wiener Szene ist. Sie hat von Robert zwei Kinder, sich dann geoutet und ist von ihrer Freundin Adriana inzwischen wieder getrennt. Die Kinder gleich und mit gleichen Rechten zu erziehen hat sie versucht und sie schildert aus ihrer Praxis auch die Schwierigkeiten und Unterschiede beim Scheidungsrecht.

Dann kommt die Transfrau „Helen, 45, Informatikerin“, die sich als als „femmesexuell“ bezeichnet und „Ist okay, wie du bist!“, als ihr Motto nimmt.

Das „Kind aus dem Käfig“ – „Nehir, 28, juristische Mitarbeiterin, ist Türkin und sowohl in einer Hausmeisterwohnung, als auch auf dem Fußballplatz im Park aufgewachsen, obwohl sie als Mädchen nicht Fußball spielen durfte und sie sich trotzdem zur Feministin entwickelt hat.

Und die „Prinzessin mit Cape“ – „Esther, 49, Tänzerin“, ist besonders vielseitig, nämlich Spastikerin und auch eine Zeitlang als „Drag  King“ unterwegs und ebenfalls sehr kämpferisch und selbstbewußt, so führt sie Nadine Kegele auch in die „Behindertensprache“ ein und erklärt ihr, was ein „Rehabler“,  ein „Geher“ und ein „Roller“ ist.

„Nora, 35, Sozialarbeiterin“ hat ein Kind mit Klumpfuß und die Wohnungslosenhilfe gearbeitet.

Dann gibt es noch eine Lesbierin, eine Transenfrau und eine mit Fluchterfahrungen und und….

Nadine Kegele hat „Nach dem Vorbild von Maxie Wanders Kultbuch“, wie auf dem Buchrücken steht, „Literarische Portrait voll Weisheit und Witz“ geschaffen, die das gesamte Spektrum der Frauenwelt umfassen, weil man, wie Maxie Wander einmal sagte „Über alles reden können muß“, deshalb „Ich sage es hier auf Tonbald,damit alle mich hören können“, ist das Zitat, das großauf den roten Seiten vorn und hinten steht und das Buch sozusagen umfassen.

Ein bißchen schwierig war für mich noch, daß ich nicht immer zuordnen konnte, ob es sich jetzt um eine deutsche oder österreichische Gesprächspartnerin handelte, wenn von „Abitur“, „Kita“, gesprochen und geschrieben wurde.

Aber eigentlich ist das auch eigtal, denn das Frauenleben ist ja länderübergreifen und es ist auch sicher interessant Nadine Kegels Portraits der Zeitausendfünfzehnerjahre mit den vierzig Jahre vorher entstandenen zu vergleichen und etwaige gesellschaftspolitische Unterschiede zu analysieren.

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