Literaturgefluester

2017-05-05

Eine unerwartete Aufforderung

„Bitte sehr, Signora, Signore!“, sagte Guiseppe, drehte, wie nur er es zu tun verstand, an seiner weißen Serviette und stellte die beiden Rotweingläser vor sie ab.

Vor sie und Moritz Lichternstern, der den Kellner freundlich anlächelte, sich bei ihm bedankte, dann sein Glas erhob und ihr zuprostete.

„Auf uns, laß es dir schmecken, Mathilde!“, sagte er und lächelte sie so an, wie er es vor über dreißig Jahren in Berlin getan hatte. Vor dreißig Jahren und neun Monaten, um genau zu sein, in den Räumen des Starverlags, wo er nach Abschluß seines Literaturstudiums gerade eingetreten war und sie auch erst seit ein paar Monaten, als Sekretärin tätig gewesen war.

„Wohl bekomms!“

So waren sie einander damals auch in den kleinen Buschenschenken an der Spree gegenübergesessen, hatten sich angelächelt, einander zugeprostet, den Wein genossen und sie, die mit ihren fast dreißig Jahren ja kein wirklich junges Mädchen mehr gewesen war, hatte sich in ihn verliebt und war damals wahrscheinlich genauso rot geworden, wie es ihr jetzt passierte.

Der Unterschied war nur, daß sie damals wahrscheinlich weiß getragen hatte oder fröhliche Farben. Ein leichtes Kleid mit Blumenmuster, während sie heute schwarz gekleidet waren. Sie in einem Kostüm, er im korrekten schwarzen Anzug, der trauernde Witwer und die traurige Schwester, obwohl beides  nicht stimmte und zumindestens was sie betraf, erstunken und erlogen war.

Sie trauerte nicht um Natalie, die vor zwei Wochen einem Krebsleiden erlegen war. Gar nicht und keine Spur. Nicht die Bohne und hatte allen Grund dazu. Die Schwester war ihr piepegal, auch wenn sie, wie sie auf dem Partzettel gelesen hatte, ihrem schweren Leiden tapfer erlegen war, kümerte sie das nicht und sie säße jetzt nicht hier in einem schwarzen Kostüm, das sie zuletzt beim Begräbnis ihrer Mutter getragen hatte, hätte Lilly sie nicht so gedrängt und regelrecht unter Druck gesetzt, doch zu dem Begräbnis zu gehen.

„Bitte Mama!“, hatte sie gesagt und ihre Stimme hatte versöhnend geklungen.

„Tu es mir mir zu liebe, ich weiß, daß du dich mit Tante Natalie nicht verstanden hast! Sie ist aber deine Zwillingsschwester und soll man nicht vergeben und verzeihen?“, hatte das Töchterlein geflötet und sie hatte nachgegeben, das Kostüm aus dem Kasten geholt und war mit zitternden Knien und sehr gegen ihren Willen auf den Zentralfriedhof gefahren. Denn sie wollte nicht vergeben und verzeihen. Würde das nie tun und hatte solcher Art der begnadenten Psychoanalytikerin keine Rose in den Sarg geworfen. Sie hatte ihr auch keinen Kranz bestellt, sondern war nur Lily wegen, die nach Töchterart vergeben und versöhnen wollte und noch keine Ahnung hatte, daß das vergebliche Mühe war und nie und niemals geschehen würde, auf den Friedhof gefahren.

Daß sie hier Moritz treffen würde, den sie dreißig Jahre nicht gesehen hatte, hatte sie da noch nicht gewußt, obwohl sie es sich denken hätte können oder eigentlich auch nicht, war er doch, wie sie einmal gehört hatte, von Natalie längst geschieden und er trug, wie sie sehen konnte, auch keinen Ring an seinem Finger seiner schönen Hand.

„Grüß dich, Mathilde!“, hatte er gesagt, sich über ihre Hand gebeugt und, wie ein Charmeur einen leichten Kuß darauf gedrückt. Dann war er nicht von ihrer Seite gewichen, nebenan waren sie in der ersten Reihe in der Aufbahrungshalle gesessen, denn die berühmte Psychoanalytikerin und begnadete Frau, wie sie sich ihre Schwester immer vorgestellt hatte, war offenbar doch nicht so beliebt gewesen, da sie und Moritz die einzigen Trauergäste waren.

Das stimmte wohl nicht so ganz und war erlogen, rief sie sich jetzt selbst zur Ordnung zurück. Das war natürlich nicht der Grund. In Berlin trauerten wahrscheinlich, die ehemaligen Patientien, aber Natalie hatte darauf bestanden, in Wien im Grab der Eltern bestatten zu werden und da sie schon dreißig Jahre in Berlin lebte und dort ihre Praxis hatte, waren ihre Freunde eben dort und der Weg von Berlin nach Wien war lang. Nur Moritz hatte ihn genommen, obwohl er von Natalie geschieden war und Lily, ihre Nichte lebte in  New York, war dort Kuratorin am österreichischen Kulturinstitut und konnte auch nicht kommen. Deshalb hatte sie sie überredet hinzugehen. Hatte regelrecht  darum gebettelt. Und sie hatte nachgegeben und war Moritz in der Aufbahrungshalle in die Arme glaufen. War während der Trauerworte des Pfarrers neben ihm gesessen, hatte mit ihm dem Sarg gefolgt und, als sie sich anschließend verabschieden wollte, war er auch an ihrer Seite geblieben, hatte sie angesehen und gefragt, ob sie nicht ihr Wiedersehen feiern wollten?

„Wir haben uns lange nicht gesehen, Mathilde!“, hatte er gesagt und dazu gefügt,“Ich habe dich nicht vergessen und oft an dich gedacht!“ und dann von ihr wissen wollen, wie es ihr ginge.

„Geht es dir gut, Mathilde?“, hatte er gefragt. Sie hatte genickt und gelogen und dann noch einmal genickt, als er sie fragte, ob sie nicht ein Glas Wein trinken wollte und dann noch einmal gelogen und war mit ihm mit der Straßenbahn in die Pizzeria Venezia, ihrem Stammlokal, wo sie nun schon fast dreißig Jahren jeden Abend ihr Gläschen trank, gefahren, wo sie Guiseppe, der in Wahrheit Mehmet hieß und türkischer Kurde und kein Italiener war, anstarrte, denn in den Jahren, wo er hier bediente, war es noch nie vorgekommen, daß sie Begleitung in das Lokal gekommen war. Da war sie immer allein gewesen und er hatte sie wohl für eine einsame alte Frau gehalten. Ließ sich seine Verwundertung aber nicht ansehen, sondern hatte sie sofort angelächelt und „Ist das Ihr Gatte, Signora?“, gefragt.

Er hatte das wohl selbst nicht geglaubt, dennn dann hätte er ihn wohl kennen müßen und sie hatte auch energisch den Kopf geschüttelt „Der Gatte meiner Schwester!“, geantwortet und auf ihr schwarzes Kostüm und seinen dunklen Anzug gezeigt.

„Beim Begräbnis haben wir uns getroffen!“, hatte sie noch hinzugefügt und Guiseppe hatte einsichtsvoll  genickt. War dann verschwunden, um zehn Minuten später mit den beiden Achterln Valpolilcella wiederzukehren, mit denen sie nun ansteißen und Moritz schaute sie lang und tief und eigentlich unverschämt an, wie sie dachte. Aber ehe sie ihm das sagen konnte, hatte er sein Glas zurückgestellt, in seine Anzugstasche gegriffen und von dort ein Foto herausgeholt, das er ihr unter die Nase hielt und auf dem sie verblüfft, einen orangen Kleinbus erkannte, der auf einer staubigen Straße entlangfuhr.

„Das ist mein Freund und little helper, mit ihm bin ich von Berlin hergefahren, Mathilde, um Natalie die letzte Ehre zu erweisen, wie das so schön heißt. Aber um ehrlich zu sein, auch dich zu treffen! Denn du weißt ja sicher, daß meine kurze Ehe ein Irrtum war und ich längst bereute, dich damals verlassen zu haben! Aber du weißt vielleicht auch, Fehler kann man wiedergutmachen, soll es auch, wenn man schon über siebzig ist und von seinem Verlag, für den man  noch ein paar jahre tätig sein wollte, in Pension geschickt wurde. Ein paar Jahre habe ich noch Zeit,  ihn zu verändern! Deshalb habe ich mich gefreut, dich heute zu treffen! Wenn ich ich ehrlich bin, habe ich darauf gewartet! Bin eigentlich mehr wegen dir, als wegen Natalie nach Wien gefahren und jetzt sind meine Wünsche in Erfüllung gegangen, ich sehe dich seit dreißig Jahren wieder“, sagte er und wollte wohl noch etwas dazusetzen, wurde aber von Guiseppe unterbrochen, der mit den Speisekarten auf sie zugekommen war, sie vor sie hinlegte und sich erkundigte ob sie etwas essen wollten?

„Später vielleicht!“, antwortete Moritz, schlug die Karte auf und steckte das Foto in seine Jackentasche zurück. Dann hob er noch einmal sein Glas und sah sie an.

„Nach meiner Pension habe ich mir vorgenommen eine Weltreise zu machen! Mit dem Bus wollte ich durch Europa zu fahren. Aber wie soll ich das allein, als einsamer Mann? Das wäre wohl nicht ganz das Richtige!“, sagte er, brach ab, griff er noch einmal in die Tasche, holte das Foto erneut heraus und legte es vor sie auf die Speisekarte, die sie gerade aufgeschlagen hatte, um sich einen Insalata Mista zu bestellten, schaute sie tief an und sagte, sie glaubte nicht richtig zu hören und ihn falsch zu verstehen „Lass uns abhauen! Einfach wegfahren und das Leben genießen, Mathilde!“

Seine Augen glänzten dabei, als er ihre Hand berührte. Sie wurde aber, wie sie befürchtete, rot, machte eine abwehrende Bewegung und schüttelte auch, wie sie sich später zu erinnern glaubte, den Kopf.

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