Literaturgefluester

2017-05-09

Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Jetzt kommt ein Buch, das ich unter anderen Schätzchen im „Wortschatz“ gefunden habe und eines das mir, was ja, wie meine Leser vielleicht bemerkten, gar nicht so oft vorkommt, erstaunlich gut gefallen hat.

Ein japanischer Roman, von der 1962, geborenenen Yoko Ogawa, von der ich noch nichts gelesen habe, die in den Blogs aber öfter vorkommt und die auch eines meiner Lieblingsthemen, nämlich der Umgang mit dem Gedächtnisverlust, dem Älterwerden und dem Sterben, behandelt.

Sie tut es auf eine sehr poetische Art und Weise: „Ein Buch über Freundschaft und Verlust – und über die Schönheit der Mathematik“, wie auf dem Buchrücken steht und die japanische Literatur, in der ich mich nicht so besonders auskenne, hat auch ihren eigenen, geheimnisvollen Reiz.

Ein Buch von Haruki Murakami, dem Großmeister habe ich gelesen, eines von seinem Namensvetter, eines von  Yasushi Inoue , sowie von Kazuo Ishiguro das sind schon fast meine gesamten Kenntnisse der japanischen Literatur und richtig bei der „Literatur im Herbst“, war es auch einmal das Thema.

Die Funde aus den Bücherschränken sind also ein großer Gewinn,sie füllen meine literarischen Lücken und die Geschichte ist schnell oder auch sehr langsam erzählt, den sie lebt, glaube ich, von den Ausparungen und den Andeutungen.

Eine namenlose Haushälterin ist die Ich-Erzählerin, sie wird von ihrer Agentur zu einem Mathematikprofessor geschickt, der vor einigen Jahren einen Autorunfall hatte und sich die Ereignisse jetzt nur mehr achtzig Minuten merken kann.

Er wohnt in einem Gartenpavillon im Hause seiner Schwägerin, die die Haushälterin, eine junge Frau mit einem zehnjährigen Sohn auch engagiert.

Dann verschwindet sie in ihrem Haus, das die Haushälterin nie betreten soll und der Professor ist ein schmaler Mann in einem schäbigen Anzug auf dem unzählige Zettelchen kleben, damit er sich in seinem Leben zurechtfindet.

Er löst mathematische Rätsel und schickt sie an Zeitschriften, womit er viele Preise gewinnt und er nimmt mit seiner Haushälterin den Kontakt auch über Zahlen auf, so fragt er sie nach ihrer Schuhgröße und erklärt ihr diesbezügliche Zusammenhänge und sie beginnt sich, die wohl keine gründliche Schulbildung hat, für die Mathematik zu interessieren.

Der Professor ist auch sehr kinderliebend, so fordert er sie auf, was in ihrer Agentur eigentlich streng verboten ist, nach der Schule, den Sohn herzuholen und mit ihm geheimsam Abend zu essen, weil das für ein Kind ja wichtig ist und nennt ihn „Root“, Wurzel, nach seiner Kopfform.

Eine wichtige Verbindung ist auch das Baseballspielen. Der Zehnjährige interessiert sich dafür und der Professor tut es auch, aber weil der ja schon Jahre kein Gedächtnis mehr hat, sind seine Lieblingsspieler nicht mehr aktuell und das stellt die beiden vor ein Problem, weil sie nicht wissen, wie sie das dem Professor beibringen sollen, weil sie ihn nicht verletzen wollen.

Es kommt eines Tages auch zu einem kleinen Unfall. Root schneidet sich beim Apfel schälen in den Finger, während die Mutter einkaufen war und, als sie zurückkommt, findet sie die beiden blutüberströmt und außer Fassung vor.

Der Professor trägt das Kind dann ins Krankenhaus und zu einem Baseballspiel wollen die beiden, den Professor auch mitnehmen. Das ist für den alten Herrn, der mit seinen Zettlchen auffällt, natürlich anstrengend und so verfälllt er nachher in ein hohes Fieber, so daß die junge Frau, obwohl auch das streng verboten ist, sich weigert, um neunzehn Uhr nach Hause zu gehen, sondern mit dem Kind die Nacht über bei ihm bleibt. Das führt zu einer Beschwerde, sie wird in ihre Agentur gerufen und muß die Stelle wechseln.

Für den Professor eigentlich kein Problem, hat er sie ja nach achtzig Minuten vergessen, für die unge Frau, die jetzt bei einem Stuerberaterehepaar arbeitet aber schon. Root wird wieder ein Schlüßelkind und sie wird eines Tages von der Agentur angerufen, sie soll sofort in das Haus des Professors kommen, weil ihr Sohn etwas Schreckliches angestellt hat.

Der hat den alten Mann nur besucht, die Schwägerin ist aber mißtrauisch, fragt die ehemalige Haushälerin, ob sie das nur des Geldes wegen getan hat und was sie damit bezweckt? Die antwortet „Aus Freundschaft!“ und der Professor legt plötzlich ein Zettelchen mit der „Eulerischen Formel“ auf den Tisch, als wolle er Streit vermeiden.

Damit wird scheinbar alles wieder gut, die Haushälterin wird wieder eingestellt, der Professor gewinnt den ersten Preis beim Preisausschreiben und Root wird, seltsamerweise, die Geschichte spielt in den Neunzigerjahren, am 11. 9. elf Jahre alt. So beretiten sie für ihn und den Professor ein großes Fest, suchen dafür lang eine Sammelkarte seines Lieblingsspielers, es gibt auch ein Problem mit den Kerzen und der Torte und am nächsten Tag ruft die Schwägerin an. Die Haushälterin braucht nicht mehr kommen, denn der Schwager, dessen Gedächtnisspanne noch kürzer gworden ist und jetzt nicht mehr über das Unfallsjahr 1975 hinausgeht, kommt in ein Altersheim.

Ja, richtig ein Geheimnis gab es auch noch, das die Haushälterin entdeckte, nämlich in einer Kassettte mit den Baseballspielerkarten, lag ein Manuskript und darauf stand „Für N. in ewiger Liebe. Du sollst mich nie vergesssen“ und N. ist, wie die Haushälterin weiß, die Schwägerin und, die sagt ihr dann noch, auf die Frage, ob sie ihn nicht auch im Altersheim betreuen soll: „Das ist nicht nötig. Ich werde bei ihm sein. An Sie wird sich mein Schwager nie mehr erinnern, mich hingegen wird er nie vergessen.“

Sie und Root besuchen ihn aber doch bis zu seinem Tod, das letzte Mal elf jahre später, als Root schon zweiundzwanzig ist und sein Lehramtsexamen bestanden hat, also in Zukunft auch Mathematiklehrer sein wird.

Ein sehr berührende, geheimnisvolle Geschichte, nicht so realistisch, wie meine Texte über den Tod, das Älterwerden und das Sterben, aber trotz aller Aussparungen und der vielen Kleindetail,  verständlich und nachvollziehbar, die mich sehr beeindruckt hat und ich nun auch gern die anderen Bücher der Autorin lesen möchte. Aber die müßte ich erst finden.

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