Literaturgefluester

2017-05-24

Das Gespräch

Lily war noch eine Weile den Kaffebecher in der Hand auf der Küchentheke sitzen geblieben und starrte auf den Brief, als ob sie sich nicht entscheiden könne.

Sie sollte ins Institut fahren, Slavenka Jagoda kennenlernen und die heutige Veranstaltung organisieren. Das war klar und wichtig. Daran gab es keinen Zweifel und trotzdem hinderte sie etwas daran, aufzustehen, den Brief wegzulegen, die Jacke anzuziehen und das Loft zu verlassen.

Mit der Mami hatte sie vorhin telefoniert, hatte ihr das Versprechen abverlangt, auf das Begräbnis zu gehen und ihr darüber zu berichten. Also war alles erledigt, wie der praktische Phil sagen würde, der sicher nicht verstehen konnte, warum sie trotzdem sitzen blieb und trostlos vor sich hinstarrte.

Auf den Brief in ihrer Hand schaute, den Brief ihrer ihr unbekannten und inzwischen auch verstorbenen Tante, die ihr nicht nur den Namen ihres Vaters, sondern auch seine Adresse und Telefonnummer verraten hatte.

„Das war es!“, dachte Lily, atmete erleichtert auf und griff wieder nach dem Handy, beziehungsweise nahm sie einen Schluck Kaffee, um Kraft und Energie in sich aufzutanken, die sie für das, was sie tun würde sicher brauchen konnte, dachte sie und stürzte mit hastigen Schlucken, die halbwarme Flüßigkeit in sich hinein. Dann nahm sie das Handy in die Hand, schaute noch einmal in den Brief und tippte die Nummer ein.

Erst als das getan war, begann sie nachzudenken, ob das wirkliche einge gute Idee und bezüglich der Zeitverschiebung zu Deutschland der richtige Zeitpunkt war?

Aber die Mami hatte sie vorhin auch angerufen und die hatte nichts dagegen gehabt, sondern nach anfänglichen Sträuben sogar versprochen auf das Beräbnis zu gehen. Also würde es auch hier klappen und sie nicht so falsch liegen.  Und wenn sie schon  dreißig Jahre auf diesen Zeitpunkt gewartet hatte, war die Urzeit eigentlich  egal, dachte sie und schluckte, weil sich jetzt eine rauchige Männerstimme meldete.

„Lichtenstern!“

Aha, ach  richtig und was sollte sie jetzt sagen?

„Hallo, hier ist Lily Schmidt, aus New York, Mathildes Tochter, die Nichte von Tante Natalie und da habe ich jetzt einen Brief von der Tante beziehungsweise deren Notar bekommen, die mir mitteilte, daß ich deine Tochter bin!“, stammelte sie in das Telefon und war schon bereit abzubrechen, als sie die rauchige Stimme übern Ozean, in dem ihr nicht sehr bekannten Berlin, erstaunt sagen hörte „Lily! So ein Zufall, ich wollte gerade selbst nach dem Hörer greifen und dich anrufen, habe ich doch auch einen Brief von Dr. Höllmoser bekommen, wo mir Natalie, die offenbar gestorben ist, mitteilte, daß ich eine Tochter habe! Verzeih, dem alten Mann, daß er nicht so schnell reagierte und du mir zuvorkamst! Aber das ist wunderbar, ich habe nicht gewußt, daß ich eine Tochter habe! Mathilde ist damals so schnell verschwunden, als ich mich von Natalie düpieren und ohne, daß ich die Verwechslung merkte, zum Traualtar schleppen ließ und hat sich nie mehr gemeldet! So erfahre ich erst, als alter Mann etwas von dir!“, stammelte  auch er verwirrt und wollte von ihr wissen, ob sie auf das Begräbnis käme und sie sich dort kennenlernen könnten?“

„Das nein, das nicht, ich fürchte, ich komme vom Institut nicht weg! Aber die Mami, das hat sie mir gerade versichert geht dorthin, wenn du das vielleicht auch tun willst, dann könntest du-!“, stammelte nun wieder sie und die rauchige Stimme am anderen Ende des Ozeans schien sich gefaßt zu haben und sagte beruhigend „Natürlich, Lily und dann schnappe ich deine Mutter und komme mit ihr zu dir, falls sie das will und jetzt fahre ich nach Wien, um mich mit ihr auszusprechen!“
Sie nickte, sagte „Ja!“ und „Natürlich, Papa!“, erzählte ihm von Phil, ihrem derzeitgen Lebensabschnittspartner, der sie höchstwahrscheinlich nicht so einfach verwechseln würde, aber sie hatte auch keine Zwillingsschwester, so daß, das gar nicht möglich war.

Dachte dann an Slavenka Jagoda, die schon im Institut auf sie wartete und stammelte weiter in die Leitung, daß sie sich freue, ihn so leicht erreicht zu haben und sie jetzt wisse, daß ihr bisher unbekannter Onkel auch ihr Vater wäre!

„Und jetzt muß ich ins Institut, Papa, die neue Praktikantin, die ich einführen muß, wartet sicher schon auf mich!“, stammelte sie erneut.

Er nickte und antwortete „Natürlich, Lily, mach dir keine Sorgen! Ich muß, glaube ich, jetzt auch nach Wien und melde mich wieder, wenn ich mit deiner Mutter gesprochen habe! Dann komme ich, das verspreche ich,  entweder mit ihr oder allein  nach New York und schaue mir das Kulturinstitut, das sehr berühmt sein soll und wenn du möchtest auch deine Praktikantin an! Aber die Hauptsache ist natürlich mein mir unbekanntes Töchterlein!“, hörte sie seine Stimme in der Leitung und hatte Tränen in den Augen, als sie das Handy weglegte, beziehungsweise Phil schnell ein SMS schickte, damit auch er erfuhr, was in dem Brief gestanden hatte und, daß sie jetzt wußte, wer ihr Vater war und sie gerade mit ihm gesprochen hatte.

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