Literaturgefluester

2017-06-02

Wald

In der „Falter-Redaktion“, der „Stadtzeitung für Wien“ scheinen lauter Bobos zu sitzen, beziehungsweise gibt es dort einige Redakteure, deren Bücher darüber höchstwahrscheinlich zu Bestsellern wurden.

Anna Maria Dusl ist eine davon, sowie Doris Knecht und der Alfred, der ein Faible dafür zu haben scheint, schenkt mir ihre Bücher auch bevorzugt zu Weihnachten oder zum Geburtstag.

Doris Knecht „Wald“, 2015 erschienen und wie ich glaube auch der Wunsch einiger Blogger für die Buchpreis-LL, habe ich aber im Schrank gefunden und es hat mir auch besser als „Besser“ gefallen und besser, als die Bobo-Visionen der Anna Maria Dusl.

Aber interessant sich vorzustellen in welchen Weltbild die „Falter-Redakteure“ leben und für selches Zielpublikum sie schreiben.

Marianne Malin, die sich längst trendiger Marian nennt, das ist zwar glaube ich ein slowakischer Männername, aber immerhin, gehörte wahrscheinlich zu den „Falter-Abonennten“. Früher, vor 2008, als es ihr noch gut ging und die Wirtschaftskrise, beziehungsweise die Leman-Brothers nicht einen Strich pber die aufsteigende Karriere der Jungdesignerin machte.

Und die hat, erfolgsgewohnt nicht so schnell geschnallt, daß es jetzt vorbei sein könnte mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und sich die Leute, die anderen Bobos, fortan ihre Kleider wieder von der Stange, als in ihrem schicken Atelier kaufen würden. So hat sie investiert, noch einmal einen Kredit aufgenommen, ein neues Studio eröffnet, ein paar Stores und alles verloren. So sitzt sie zu Beginn des Buches im Wald, das heißt im ererbten Häuschen ihrer Tante, das nicht mehr ihr sondern ihrer Tochter Kim gehört, so daß man es ihr auch nicht wegnehmen und auch nichts mehr pfänden kann.

Marian hat sich, als sie schon ganz unten war dorthin zurückgezogen, hat sich wie Doris Knecht das so trendig schreibt „aus dem System ausgeklinkt“, beziehungsweise von dort geflohen und überlebt den ersten Winter in der Kälte. Klaut sich von den bauern der Umgebung, die Kartoffeln, das Gemüse, die Hendln. Läßt sich von der Schwester, die Stromrechnung zahlen und Handy-Wertkarten schenken und versucht mühsam zu überleben.

Das geht nicht ohne einige Verletzungen oder Drohungen ab, so droht ihr der Bauer, dem die Kartoffeln oder auch die Hendln gehörten, mit dem Abfackeln ihres Hauses, denn das geht, da soll sie aufpassen, sehr schnell!

Und dann trifft sie den Franz. Das ist ein schon älterer Grundbesitzer der Umgebung. Einer von denen, der sicher nie die „Seitenblicke“ sah, in denen Marians schicke Mode präsentiert wurde. Er erwischt sie beim Wildern. Der Onkel hat ihr auch ein Gewehr hinterlassen und schießen hat sie früher einmal in ihrer Bobo-Zeit gelernt. Man sieht die Ähnlichkeiten zur Streeruwitz, obwohl die  1966 in Vorarlberg geborene, das Buch hätte ich mir also auch auf den Bodensee mitnehmen können, ganz anders schreibt.

Franz knallt ihr eine hinunter, zeigt ihr aber dann, wie man das Reh ausnimmt und schickt ihr später die einzelnen Portionen schön verpackt nach Hause. Dafür kommt er sie am Nachmittag besuchen, legt ihr die Hand aufs Knie und zieht ihr den  Pullover aus. Auch das kann man bei der Streeruwitz finden und auch hier über die Unterdrückung der Frau nachdenken.

Bei Knecht tut das Marian selbst, den die resumiert an dem Tag in dem das Buch spielt, über ihr bisheriges Leben nach und auch darüber, was Prostitution ist?

Wo hat sie sich mehr prostiuiert, wenn sie mit Franz dafür, daß er ihr Holz liefern läßt, eine Angel schnenkt und auch das Fischrecht über seinen Besitz gibt, ins Bett steigtoder als sie einer Opernball-Pomeranze, als es ihr schon sehr schlecht ging, ein Kleid nach ihren Wünschen nähte und dafür ihre Grundsätze über Bord warf?

Sie hat aber nicht nur Feinde in dem Dorf. Es gibt auch eine alte Nachbarin, auf deren behinderten Sohn sie manchmal aufpasst, die ihr eine alte Nähmaschine schenkt und ihr auch sagt, daß sie beim  Hendl-stehlen aufpassen soll, denn die Bauerin, der es entlaufen ist, hat sie dabei gesehen und hat an der Kasse des Genossenschaftmarktes gesagt, daß sie sie anzeigen wird und irgendjemand hat „HUR“ auf Marians Tür geschrieben, als sie in der Früh fischen war.

Marian überdenkt das alles. Das schöne, schicke Bobo-Leben, wo man das Geld nur so hinaufswar.  Sojamilch statt der normalen kaufte, weil man ja leider allergisch ist. Jetzt, wo sie von der Hand in den Mund lebt, ist sie das seltsamerweise nicht mehr, also nur eine Modekrankheit der schönen reichen Bobos?

Und sie stellt sich auf vor, auf wieviel schönes gutes Essen sie wegen Diäten, die ihr auch die Schickeria und die Modezeitschriften verordnenten, damals verzichtete.

Sie reift, es ist also wieder ein Entwicklungsroman, der zeigt, wo das schöne wahre Leben ist, in der Natur. Und ein bißchen hat Doris Knecht vielleicht auch übertrieben, wenn sie vom Mäusefangen schreibt und Marian zusehr zu den Wurzeln zurückkehren läßt, denn nach einem normalen Abstieg geht man wahrscheinlich zum AMS und in einen Sozialmarkt einkaufen.

Es kommt aber und das finde ich gut, zu einem Happy-End. Sie spricht sich mit Franz aus, darf sich von ihm, der sie jetzt endlich so und nicht mehr altmodisch Marianne nennt, etwas zum Geburtstag wünschen. Sie wünscht sie ein Hendl oder zwei, so daß sie nicht mehr stehlen muß und in dem alten Gasthaus, das Franz Sohn wiederöffnen will, soll sie auch mithelfen und dem Sohn unter die Arme greifen.

So trinkt sie zuversichtlich von Franz guten Wein, wischt dann das „HUR“, Franz wird dafür sorgen, daß das nie mehr passiert, von der Türe weg und geht ins Haus im endlich ihre Tochter anzurufen, was sie solange vermieden hat.

Ein wirklich spannendes Bhuch, das ich sehr interessiert gelesen habe und dabei, glaube ich, meine Knecht-Vorurteile, daß das ja keine Literatur ist, reviderte.

Vorbilder gibt es natürlich auch. Da wäre vor allem die „Wand“ und die hat Doris Knecht sicherlich gelesen. Bei Sophie Kinsella, die ja etwas Ahnliches auf ChickLit Art beschrieben hat, wäre ich mir da nicht ganz sicher und ein Debut, das sich mit dem Überleben beschäftigt, hat es im Herbst ja auch gegeben.

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