Literaturgefluester

2017-06-15

Ein verpatzter Valentinstag

Es war Valentinstag, wie unschwer an den roten Nelken, die mit einem kleinen ebenso gefärbigen Valentinsherz umbunden waren,  zu erkennen war, die in den kleinen weißen Vasen auf den Tischen standen und Guiseppe hatte ihr, als er ihr das obligatorisch Gläschen Valpolicella auf den Tisch gestellt hatte, noch  extra ein ein kleines, in rotes Stanniolpapier verpacktes Schokoladeherz dazu gelegt.

„Für Sie Sgnora!“, hatte er gesagt und sie angelächelt, bevor er die Speisekarte vor sie ausgebreitethatte und sich erkundigte, ob sie schon wisse, was sie essen wolle?

„Wir haben ein ausgezeichnetes Bruschetta oder wünschen Sie einen Salata mista!“, fragte er.

Sie überlegte und entschied sich für das in Olivenöl geröstete Weißbrot mit der Tomatengarnitur und Guiseppe, von dem sie nicht sicher war, wie gut er wirklich Italienisch konnte, nickte zufrieden.

„Va bene, Guido, unser Koch wird sich freuen, Sie haben einen ausgerzeichneten Geschmack, Signora, dann komme ich gleich mit der Vorspeise. Bis dahin wünsche ich einen schönen Valentinstag oder besser Abend, denn den Tag haben Sie wahrscheinlich schon gehabt!“, smalltalkte er, klappte die Speisekarte wieder zu und sie nickte, während  sie ihm zusah, wie er die leeren Gläser vom Nebentisch abservierte.

Einen schönen Valentinstag oder Abend, wie lange hatte sie das schon nicht gehabt? Die letzten Jahre waren die ihren eher Routine gewesen und nur am Abend hatte Guiseppe sie in der Pozzeria mit einem solchen Herzchen erfreut, daß sie sich als Nachspeise aufheben und statt eines Dessert nach der Bruschetta verspeisen würde, während sie, wenn sie so nachdachte, nur ein einziges Mal in ihrem Leben einen richtigen Valentinstag erlebt hatte. Damals in Berlin vor mehr als dreißoig Jahren, als sie dort im Starverlag gearbeitet hatte, um von ihrer unerfreulichen Vergangenheit und Familiensituation wegzukommen und dort sehr bald den jungen Lektor Moritz Lichtenstern kennenlernte, in dem sie sich verliebte.

Es war wohl das erste und wahrscheinlich auch das einzige Mal gewesen, daß sie sich verliebte, obwohl sie damals gar nicht mehr jung gewesen war, aber das Leben vorher war, auch wenn sie durchaus Männerbekanntschaften gehabt und mit ihnen auch das eine oder das andere Mal ausgegangen war, eher unerfreulich gewesen, in Wien, wo ihr die ungerechte Bevorzugung Natalies, gegen die sie sich nur  schlecht wehren hatte können, im Nacken gesessen hatte. Hatte sich deshalb wahrscheinlich nicht so recht enthalten und frei fühlen können, wie sie sich erinnerte, als sie ihr Glas hochhob, um einen Schluck Wein zu trinken.

Sie konnte selber nicht so genau sagen, was sie damals daran gehindert hatte, sich frei zu fühlen und sich zu verlieben, wie das normal gewesen wäre und die meisten anderen so taten.

Aber die ersten zwanzig oder dreißig Jahre ihres Lebens waren für sie sehr hart gewesen. Die ersten fünfzehn war sie, wie sie es empfunden hatte, immer im Schatten Natalies gestanden. Dann hatten sie die Eltern nach der Beendigung der Pflichtschule in einem Geschäftshaushalt, als Mädchen für alle gegeben, mit der Begründung, daß sie sich eine weitere Ausbildung nicht eisten konnten und sie jetzt alt genug wäre, auf eigene Beinen zu stehen.

So hatte sie mit Fünzehn, wo sie das doch noch gar nicht war, erwachsen sein müßen und auf die drei kleinen Kinder der berufstätrigen Frau Zawric, die mit ihrem Mann die kleine Elektrofirma führte, aufpassen und den Haushalt schupfen und sich daneben, weil sie Natalie ja nicht den Vorzug lassen hatte wollen, auch noch in einer Handelsakademie angemeldet und es in Fernkursen dort bis zur Matura gebracht.

Das hatte naturgeemäß länger gedauert und so war die bevorzugte Schwester, die das scheinbar nicht verstanden hatte, schon mit ihrem Medizinstudium fertig, als sie endlich die Matura schaffte.

Dann hatte sie den Zawrics gekündigt, was die Eltern eher gleichgültig zur Kenntnis genommen hatten, von denen sie eigentlich sicher war, daß sie sie gar nicht bei der Weihnachtsfeier haben wollten und nur zu höflich waren, um sie direkt hinaufzuschmeißen und „Was willst du hier, wir haben doch nur eine Tochter!“, zu sagen. Sie war wahrscheinlich, wie das die Psychoanalytiker nennen würden, aus verletzten Stolz oder, um es ihnen doch zu beweisen hingegangen und hatte wahrscheinlich auch aus diesem Grund  stolz erzählt, daß sie sich in Berlin für die Stelle einer Verlagssekretärin beworben hatte.

„Wie du meinst!“, hatte der Vater, wie sie sich erinnern konnte, uninteressiert gesagt, was sie wahrscheinlich bewogen hatte, besonders begeistert „Auf jeden Fall!“, zu antworten, so daß sogar Natalie, die gerade von der Lehranalyse erzählte, die sie demnächst beendet würde, intereressiert aufgeblickt und „Berlin soll eine interessante Stadt sein, vielleicht sollte ich da meine Praxis aufmachen!“ hinzufügte und sie hatte, wie sie sich eingestehen mußte, das nicht ernst genommen. Hatte sich im Gegenteil sogar gefreut, damit die bevorzugte Schwester, die breitspurig von ihrer Lehranalyse berichtet und damit alle Bewunderer auf ihrer Seite gehabt hatte, endlich mit etwas beeindrucken zu können. Sie hatte also Natalies Ausruf nicht ernst genommen und bald darauf vergessen. War doch anderes viel wichtiger gewesen. Sie hatte ihre Koffer gepackt, war nach Berrlin gezogen, hatte dorr vom Verlag eine kleine Garconniere vermittelt bekommen,  hatte Moritz kennenglertn und sich in ihm verliebt. Ob sie das den Eltern und Natalie geschrieben hatte, wußte sie gar nicht mehr. An Natalie hatte sie eigentlich nicht geschrieben, den Eltern wahrscheinlich eineKarte in dem Bestreben, daß man das als Tochter so tut. Eine Karte miit ihrer Adresse und ihnen wahrscheinlich auch mitgeteilt, daß sie gut in Berlin angekommen sei und ihr die Arbeit im Verlag gefalle. Von Moritz hatte sie mit Sicherheit nichts geschrieben. Htte sie da doch wahrscheinlich intuitiv  ein Gefühl abgehalten Natalie nicht zu tief in ihre Karten blicken zu lassen, denn bei den wenigen Malen, wo sie mit Natalie auf einem Fest oder einer Veranstaltung, der Hochzeit eines Verwandten, der auch sie eingeladen hatte, , gewesen war, war es schon vorgekommen, daß Natalie sich auf die jungen Männer, die vielleicht auf sie ein Auge geworfen hatten, gestürzt und sie ihr ausgepannthatte und Natalie, die Zwillingsschwester, hatte ihr nicht nur  bloß gesehen, wie ein Ei dem anderen. Sie war im Gegenteil immer viel Akttraktiver, Eleganter, Teuerer, Gepflegter, etcetera gewesen. Sie war die Gymnasiastin und spätere Medizinstudentin, während die mitlaufende zweite Tochter zuerst in der Haptschule und später Mädchen für alles war und das interessierte die jungen Männer natürlich nicht zu sehr, wie mit Natalie über Sigmund Freund zu diskutieren oder ihr vorzuschalgen, daß sie sie analysieren solle.

Kein Wort von Moritz also zu Natalie, da war sie sich sicher. Die Schwester war aber, wie ein Wunder trotzdem gerade am Valentinstag vor dreißig oder wahrscheinlich schon einunddreißig Jahren aufgetaucht. Hatte an ihrer Tür geläutet, sogar bei ihr übernachten wollen, weil sie, wie sie sagte nach Berlin gekommen war, um sich hier nach einer Praxis umzusehen und auf diese Art und Weise hatte sie auch Moritz kennengelernt.

„Voila, Signora, Sie schauen so grimmig drein, ist etwas mit dem Valpolicella nicht in Ordnung?“, wollte jetzt Guiseppe erschrocken von ihr wissen, als er ihr die gerösteten Brotscheibben auf den Tisch stellte.

„Doch, doch!“, antwortete sie rasch.

„Ich habe nur an etwas nicht so Angenehmens gedacht!“

Er nickte und schlug ihr vor, dann doch rasch an etwas Erfreulicheres zu denken.

„Denn an einem Valentinstag soll man doch fröhlich sein und sich freuen oder irren ich mich da und Sie sind anderer Meinung?,“ fragte er in seiner freundlichen Art und sie  antwortete genauso rasch „Doch, natürlich!“ und dachte bei sich, wenn das nur so einfach wäre.

Das war es aber nicht. Denn sie hatte den Valentinstag vor dreißig oder schon einunddreißig Jahren mit Moritz allein, in der kleinen Weinstube, die es zwei Straßen vom Verlagshaus gab, verbringen wollen und war mit ihm auch in einer der kleinen Nische gesessen. Er hatte ihr, daran konnte sie noch genau erinnern, eine langstielige und sicher sehr teue Rose, an die ein ebensorotes goldenes Valentinsherz geheftet war, wie es hier an den Nelken steckte, zum Rendezvous mitgebracht, hatte sie sie ihr überreicht, dabei tief in die Augen geblickt „Für die schönste aller Frauen!“ oder ein ähnliches Kompliment gemurmelt, das sie gerne hörte und auch glaubte und dann war auf einmal Natalie aufgetaucht, die sie in ihrer Wohnung glaubte, hatte sich neben sie gesetzt, sich, als Schwester vorgestellt und alles war aus und anders gewesen.

Denn ab da hatte Natalie das Wort an sich gerissen, hatte von sich und ihrer gerade abgeschlossen Lerhanalyse  und davon erzählt, daß sie sich nun in Berlin bei ihrer Schwester, das hatte sie wirklich so dahingelogen, niederlassen wolle, Moritz tief in die Augen geblickt und sich bei ihm erkundigt, welchen Bezirk er ihr  empfehlen würde und Moritz, das konnte sie nicht leugnen, war über die Unterbrechung gar nicht so sehr erfreut, sondern eher irritiert und gestört gewesen. Er hatte Natalie zwar höflich, wie es seiner Art entsprach geantwortet. Sie war aber gänzlich sicher gewsen, daß Natalie keine Bedrohung für sei und er sich nichts aus ihr mache und ein paar Wochen später war alles aus und anderes gewesen, obwohl es die langstielgige und ínzwischen vertrockente Rose noch gegeben hatte. Sie hatte in einer Vase in ihrerm Zimmer gestanden und sie hatte sie auch mitgenommen, als sie noch einmal ein paar Wochen später, Berlin fluchtartig verlassen hatte.

„Wie schmeckt die Bruschetta, Signora?“, wollte Guiseppe jetzt von ihr wissen, als er gekommen war, um den leeren Teller  abzuservieren. Da hatte sie schon nach dem Schokoladeherzchen gegriffen, es ausgepackt, im Mund zergehn lassen und das rote Staniolpapier auf den Teller gelegt.

„Die Schokolade schmeckt sehr gut!“, sagte sie entschlossen, um sich von dem schweren Thema endgültig abzulenken und Guiseppe nickte, griff in seine Kellnerschürze, um noch ein rotes Herzchen auf den Tisch zu legen und „Für Sie, Signora, damit Sie nicht mehr traurig sind, denn schöne Frauen sollen am Valentinstag Freude haben und nicht weinen!“, hinzufügte, bevor er sich erkundigte, ob sie noch ein Glas Wein wünsche?

Sie nickte, fühgte aber entschlossen hinzu, daß er ihr danach die Rechnung bringen solle. War sie doch nicht  in der richtigen Stimmung länger die rote Nelken und die roten Herzchen anzusehen und Guiseppe, der ja eigentlich Mehmet hieß, von einem schönen Valentinstag schwärmen zu hören.

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