Literaturgefluester

2017-08-13

Aus dem Cafe Größenwahn

Jetzt kommt wieder etwas vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, mit dem ich ja schon in China war, das alte Prag und ihn dan noch im mexikanischen Exil besuchte.

„Wagenbach“ machts möglich, obwohl die Berlinder reportagen aus den Neunzehnzwanzigerjahren schon im Frühjahr 2013 erschienen sind.

Nun denn auf, bevor es an das große und auch doppelte Buchpreislesen geht, in die Weltstad,t der Zwischenkriegszeit,, die ja schon bei der guten alten Hedwig Courths Mahler so treffend beschrieben wird, ich nur damals, als ich sie verschlungen habe, leider noch nicht bloggte.

Der rasende Reporter aus dem alten Prag machts natürlich auf seine männliche überlegene Art mit der Prise Humor und da „sucht er sich gleich eine Frau“, denn in Berlin wurden die Heiratsannoucen oder die Heiratswilligen damals offenbar in einem Lokal ausgestellt.

Nur leider ist das schon geschlossen, als es der Reporter besucht,  die Damen, die in der entsprechenden Zeitung inserieren, passen dann auch nicht und die Heiratsvermittlerin im schmuddeligen Hinterhof kassiert zwar die Vermittlungsgebühr, meldet sich dann aber nicht mehr.

Dafür kann man in einer „Gelehrten Gesellschaft für okkultues Wissen“ alles über Lombros Totenköpfe erfahren und sehr hinterhältig listig ist die kurz Notiz über die „Weihnachtsfreude“ aus dem „Echtesten Berin W“, denn da schickt die Dame das Mädchen aus, den Christbaum samt Weihnachtsschmuck zu kaufen. Der wird dann am nächsten Tag samt Monteur und Grammaphon geliefert und die Familie braucht dann für die 325 Mark, die sie dafür ausgegeben hat, nichts weiter zu machen, als den stecker aufzudrehen.

Daß die Echtheit des Berlin vorwiegend aus Böhmen oder den anderen Kronländern stammt, wird dann im folgenden Artikel bewiesen und das Cafe Größenwahn war wohl das Cafe des Westens, Ecke Kurfürstendamm Joachimsthaler Straße. Da verkehrte die Bohemie, Künstler wie Else Lasker- Schüler, Erich Mühsam, etcetera, wurde dann vom Besitzer hinausgeschmissen, weil offenbar zu wenig Umsatz. Das Cafe auf schön renoviert, nur leider kamen dann die anderen Gäste nicht mehr.

In den Tabakläden wurden die Tabakdosen wegen unsittlicher Darstellungen am Deckel konfisziert, während die Lokale alle schon, um ein Uhr morgens geschlossen wurden, so daß die noch Amüsierlustigen, dann von Schleppern oder Spannern umgeleitet werden mußten.

Dann wird das Themas gewechselt und es geht in die „Bülowstraße“ zu einem „Nasendoktor“, der seine Patienten zuerst fragt, woher sie kommen und wieviel Geld sie hätten und dann kosmetische Korrekturen an ihren Nasen vornahm.

In die politische Situation geht es dann bei der Glosse „Professor Einstein stellt die Vorlesung ein“, da gibt es auch ein Bild von Albert Einstein aus dem Jahr 1925, wie das Buch überhaupt sehr schöne Fotos aus der damaligen Zeit hat.

Mit der Untergrundbahn wird auch gefahren und dann beschäftigt Egon Erwin Kisch sich mit den Auswirkungen der Inflation, wo ein Pfund Butter eine Million Mark kostet.

Mit den kriegsbedingten Veränderungen geht es gleich weiter. So wurden auf den Straßen die Normaluhren und die schönen alten Toilettenhäuschen, die es, glaube ich, in Wien manchmal noch zu sehen gibt, entfernt und dafür amerikanische Wechslestuben aufgestellt,  die Bettler kommen und die ehrbaren Gattinnen von nun arbeitslosen Architekten, die sich inflationsbedingt prostiutieren müssen.

Über die „Siegesallee“, das ist eine Reihe von Büsten, die Kaiser Wilhelm im Tiergarten aufstellen ließ, macht Kisch sich gehörig lustig und damit das so bleibt, gehts gleich in den „Lunapark“ der angeblich weniger harmlos als der „Wiener Wurstlprater“ war und ins „Anatomische Museum“.

Dann geht es zu dem Rettungsgürtel, der an der kleinen Brücke beim Landwehrkanal hängt oder hing. Das ist nur auf dem ersten Blick kurios, denn Kisch kommt  gleich zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die dort hineingestoßen und nicht gerettet wurden.

Weniger dramatisch, dafür kurios geht es weiter, wenn Kisch erzählt, wie er Experimente beim Trinkgeldgeben bei den Berliner Bus- und Straßenbahnschaffnern machte, die sich angeblich für fünf Pfennige dreimal verbeugen sollen, gibt man dagegen eine Mark wird man verachtet und muß vor Scham vorher aussteigen.

Dann gibt es noch das „Sechstagerennen“ und das „Böhmische Dorf“ und der Polizei wird das längste Kapitel des Buches gewidmet, die agiert oft sehr gewalttätig, hat Spitzel und Spione und dann wahrscheinlich auch sehr bald das Hakenkreuz angelegt und dem, dem politischen Aufstieg Hitlers ist die letzte Kolumne im Buch gewidmet.

Die wurde dann schon  schon 1933 geschrieben, die ersten stammen noch aus den Neunzehnhundertneunzehnerjahren und da wurde nach dem Reichstagbrandt der „ganze Kulturbolschweismus“ verhaftet. So läutete es  um fünf Uhr früh bei Kischs Wirtin, der konnte sich noch schnell anziehen und sich fünf Mark ausborgen. Dann wurde er ausf Revier gebracht, traf dort gleich Carl von Oissiesky, Ludwig Renn und andere Intellektuelle, so wie einen Rechtsnwalt, der aber ebenfalls verhaftet war und wurde mit ihnen nach Spandau gebracht.

Später hat er Berlin wahrscheinlich verlassen, emigrierte wie schon beschrieben nach Mexiko und kehrte nach dem dritten Reich nach Prag zurück, wo er 1948 starb.

Ein tolles Buch mit tollen Reportagen aus einem längstvergangenen Berlin, das ich allen, die sich nicht die Mühe machen wollen, sich durch gesamte Courths-Mahler zu lesen und die vielleicht auch als zu trivial empfinden, sehr empfehlen kann.

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