Literaturgefluester

2017-09-10

Ikarien

Jetzt kommt ein Buch, das nicht auf der LL steht, ich das aber eigentlich erwartet hätte, ist doch der 1940 geborene Uwe Timm, 2013, glaube ich, mit „Vogelweide“ dort gestanden.

Ich habe noch kein Buch von ihm gelesen, wohl aber, glaube ich, einige Bücher in meinen Regalen und gehört natürlich schon sehr viel und das Thema ist sehr interessant, das Buch aber wahrscheinlich insgesamt zu leise, zu linear und zu chronologisch, um auf die erwähnte Liste zu kommen.

Wir gehen in das Jahr 1945 zurück, in den Frühling, der Krieg ist gerade vorbei und es rücken die amerikanischen Besatzer an, einer von ihnen ist ein junger Literaturwissenschaftler, in Deutschland geboren, aber sein Vater schon 1932 aus beruflichen Gründen nach Amerika immigriert  und nun wird der deutschsprechende Michael Hansen, obwohl er kein Mediziner ist, dem medizinischen Ressort zugeteilt und er soll über die Eutanasie und die Rassenhygenik die im dritten Reich betrieben wurde, recherchieren.

Das Biuch ist vielleicht doch ganz raffiniert geschrieben, beginnt es doch mit einem von seinen Eltern wahrscheinlich versteckten, behinderten Kind, das von den anderen gehänselt wird von Hansen oder seinen Chauffeur einen Kaugummi geschenkt bekommt und den mit dem Papier in den Mund schieben will.

Der Kaugummi, das, was die Amerikaner in das zerbomte Deutschland brachten, spielt in dem Buch auch eine große Rolle und die Vogelstimmen, vielleicht ein Steckenpferd von Uwe timm.

Der junge Amerikaner wird jedenfalls in die Nähe von München geschickt, er soll dort einen alten Mann verhören, einen Widerstandskämpfer, der mit dem Rassenhygieniker Alfred Ploetz befreundet war.

Der, erfährt man, wenn man nachgooglet und das kann man, wie bei Christine Wunnike, hat von 1860 bis 1940 gelebt, wurde sogar einmal für den Nobelpreis vorgeschlagen und war mit Gerhard Hauptmann befreundet.

„Die Reise nach Ikarien“ erfährt man, wenn man weiter googlet, ist ein  utopioscher Roman des Frühsozialisten Etienne Cabet und der Roman von Uwe Timm erzählt nun in zwei Strängen einmal das Lebens und die Frauenbeziehungen von Michael Hansen im frühen Nachkriegsdeutschland und zweitens, vereinfacht ausgedrückt, wie es dazu kommen konnte, daß das Volk der Denker und Dichter, dem Rassenwahnsinn und noch einigem anderen verfiel und im Besonderen, auf die beiden aus Breslau stammenden Freunde Ploetz und Wagner bezogen, wie man von einem Sozialisten zum Nazi werden konnte.

An dreizehn Tagen besucht Michael Hansen nun den alten Mann, einen Antiquar, der in Dachau war und sich auch lange im Keller des Antiquariats verstecken mußte, und der erzählt ihm von der Jugend der Freunde und dem Geheimbund, der Ikarier, dem sie mit den Brüdern Hauptmann am Anfang des Jahrhunderts angehörtetn.

In Amerika gab es auch solche Ikarier. Dort reiten die Freunde auch hin und lebten eine zeitlang die sozialistische Utopie, wo Frauen allerdings kein Mitspracherecht hatten.

Langsam langsam verwandelt sich Alfred Ploetz, der dem Alkohol abgeschworen hat und auch nachweisen will, daß er das Gerhin und die Erbmasse verändert zum Rassenhygieniker und lieferte damit die Grundlage zu dem was im dritten Reich zur Vernichtung des angeblich nicht lebenswerten menschlichen Lebens führte.

Das wird an Beispielen erzählt und dazwischen beschlagnahmt Hansen Autos, verteilt an Kindern Kaugummi und trifft sich mit Frauen, die ihn aber nur ausnützen und eigentlich nichts von ihm wissen wollen.

Nach den dreizehn Gespräch, wird Ploetz Forschungskartei und anatmomischen Sammlungen mit den in Alkohol eingelegten Hirnschnitten  abtransportiert und auch Hansen wird abgezogen und anderen Aufgaben zugeführt.

Verglichen mit den Longlistenromanen wahrscheinlich ein stilles Buch, das  trotzdem auf eine sehr literarische Weise von der Eutanasie und wie es dazu kommen konnte, erzählt und eines mit dem sich Uwe Timm offensichtlich sehr lang beschöftigt hat.

Im Anhang schreibt er, daß er schon in den Siebzigerjahren damit begonnen hat  und er führt, obwohl, wie er schreibt „Ein Roman keine Dissertation ist“, auch einen genauen Nachweis der Werke an, mit denen er sich  für die Recherche beschäftigt hat und führt dabei neben Hauptmann und Ploetz, was ich besonders interessant finde, auch „Wikipedia“ an und da habe auch ich  nachgegooglet, schon um zu verstehen, was das Wort „Ikarien“ und damit der Titel bedeutet.

Als kleinen Nachtrag kann ich noch anmerken, daß Uwe Timm mit dem Buch, zwar nicht auf die LL des dBp aber auf die Shortlist des Wilhelm Raabe Preises gekommen ist. Ich wünsche ihm viel Glück für den Gewinn.

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