Literaturgefluester

2018-02-09

Böhmen ist der Ozean

Filed under: Bücher — jancak @ 00:07
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„Böhmen liegt am Meer“, hat Ingeborg Bachmann gedichtet. Die 1975 in Prag geborene Rhea Krcmarova, die mit sechs Jahren nach Österreich gekommen ist, hat einen Ozean daraus gemacht. Hat sie ja Sprachkunst studiert und ist mir 2010, als Erste übern Weg gelaufen, als ich damals am Tag der offenen Tür, die Angewandte besuchte und dem neugegründetetn Lehrgang für Sprachkunst einen Besuch abstatten wollte.

Bei der Studentenlesung hat sie dann ihr „Kucheldeutsch“ vorgetragen, die „Sprachkunst“ absolviert, einen Roman geschrieben, bei dem Kreativentreff im Fünften habe ich sie einmal in dieser Galerie in der Krongasse getroffen und jetzt ist bei „Kremayr&Scheriau“ ein Erzählband erschienen, in dem sie sehr poetisch, wie im Klappentext steht, „von den Spuren die der Kommunismaus hinterlassen hat, Emigration und Sprachverlust erzählt.

Sehr poetisch macht das Rhea „Kritsch-mar-scho-wa“, der Klappentext gibt auch Aussprachhilfe, was sehr gut ist, denn sonst hätte ich, die den „Hacek“ in meinen Namen längst weggelassen habe, das „sch“ in der Mitte unterschlagen, denn es hagelt in ihren Texten von Wassermännern und Nixen, die es wohl auch in einer Kindheit im Kommunismus gegeben hat und die die grauen Einheitsalltag wohl aufzuhellen wußten.

„Dabei schafft sie eine Sprache, die wie das Wasser in ihren Geschichten als verbindendes Elemengt durch die Geschichten fließt“, steht weiter im Klappentext und es sind neun Geschichten oder Erzählungen, die von der verlorenen Heimat,  dem Widerfinden, Verändern und vom Wasser handeln.

In der ersten „Inselhüpfen“ begegnete ich dem „Kucheldeutsch“ wieder, das ich schon 2011, also damals hörte, als ich Ju Sophie im Literaturhaus kennenlernte und mit ihr zum Bücherschrank ging, um ihm einen Ray Bradbury zu entnehmen.

Rhea Krcmarvoa oder die Erzählerin fährt nach dem, die Grenzen wieder geöffnet sind nach Prag zurück und sucht dort den Wassermann in der Straßenbahn, denn die Zeiten haben sich verändert. Sie findet ihn aber nicht, denn es hat geregnet und so hinterlassen alle Passanten ihre nassen Spuren und als di eMutter mit dem Grenzer , der sie zurückbehalten will, streitet, kann sie auch nicht sehen, ob der vielleicht ein „Hastrman“ ist.

„Lebenstriche“ führt uns in das Cafe Hastrman in eine Plattenbausiedlung, nahe am Fluß, wo die Nutten sitzen und eine von ihnen am Straßenstrich ermordet wurde. Die Erzählerin versteht es aus denHänden zu lesen. Es zieht sie dann zum Fluß, wo das Auto kommt und sie dort hineinlocken will. Die Plane ist schon ausgebreitet, sie weiß aber zu entkommen und wirft die Handschuhe des Freiers ins Wasser, wo sie „vielleicht bis ins Meer getragen werden“ und wenn ich mich nicht irre, werden wir sie in „Mündungen“ wiedertreffen, aber das spielt in Niederösterreich, wo es die Tochter einer Krrankenschwester hinaustreibt in das Leben. Sie ist eine Spezialistin für Flüsse und kann alle ihre Verläufe hersagen „Unsere Strobnitz mündet in die Malse – die mündet t dann in die Vltava und die mündet in die Laber und die mündet hinter Hamburg – in die Nordsee“.

Das wird von den Verwandten und Freunden als lästig empfunden und als sich dann die Grenze öffnet, wandert die Kleine drei Tage lang am Fluß bis Budweis, bis von der Polizei aufgegriffen wird, die ihr Brötchen und Tee geben und sie von ihren Tanten abgeholt wird, die sie dann im nächsten Sommer zum Sprachenlernen nach England schicken. Sie wird späterMeeresbiologin oder so etwas ähnliches, um ihree Sehnsucht nach dem Meer zu stillen und gerät ins Wanken, als die Mutter anruft, ihr ihren Umzug verkündet und von ihr wissen will, ob sie das Häuschen an der Strobnitz kaufen möchte?

Um Übergänge und Ränder und um das Feuer, geht es in dem Interview mit einer verhinderten Widerstandskämpferin, die sich in den Zweitausenddzehner-, zwanziger- oder auch was immer-jahren am Wenzelsblatz mit Benzin übergossen anzünden wollte.

Dann wird es wieder märchenhaft, wenn es zu, wie ich es mir übersetze, Mütterchen Moldau geht, die beschlossen hat ihre Tore und Schleusen zu öffnen und den schon überalteten Meerjungfrauen, Nachwuchs und neue Schwestern zu holen, wobei sich hier die Sage von „Rusalka“ mit der Wirklichkeit der neuen Technik vermengt. Denn die neuen Schwestern waren nicht achtsam und haben nicht aufgepasst. So hat die eine ihr Häuschen zu nahe am Wasser gebaut, die andere ist trotz aller Warnungen losgefahren und steht jetzt mit ihrem Kind im Bauch und dem Handy in der Hand auf dem Dach ihres Autos und späht nach Hilfe aus und während sie das tut und die Fluten immer mehr steigen und steigen, versorgt uns Rhea Krcmarova noch mit den neuen Meldungen aus dem Netz um uns mit dem Wasserstand vertraut zu machen:

„Falschparkern  entlang der Moldau wird die Polizei keine Parkkralle mehr verpassen sondern einen Anker“ oder  „Der Prager Oberbürgermeister schafft die Polizei ab und ersetzt sie durch eine Küstenwache“.

Denn alles hat sich verwandelt und ist zum „Wasserparadies“ geworden:

„Was für ein Anblick wird das sein, unsere Heimat, das tschechische Wasser, der große tschechische Ozean. Acht Meter über dem ewigen Spiegel sind wir schon. Und die Pegel steigen.“

Dann geht es durch eine Führung durch das gespenstische Prag und da erklärt die Führerin ihren Touristen nichgt nur die Geister die es da zu sehen gibt, sondern erlebt ihre eigene Dissitendtenvergangenheit und die ihrer Freundin Milena, die sich immer noch an diversen Gebäuden ankettet, noch einmal mit.

In „Orte aus Sand“ geht es an den wirklichen Ozean, dem echten, in einem heruntergekommenen Viertel von NJ, wo sich nur verzeinzelt ein paar Touristen verirren, wo die Protagonistin steht und Gedichtzeilen zitiert, die ich nicht zuordnen kann: „Schmelzen oder mich auflösen, Vater, das ist die Wahl“

Google verrät mir nicht, ob das aus einem Smetana Llibretto oder von einem tschechischen Nationaldichter ist. Das Meer ist jedenfalls diesmal echt und liegt nicht in Böhmen und dann geht es zurück auf das Inselchen, wo die Großmutter, nicht „Babucko“ sondern „Anezka“, lebte genannt und die Erzählerin steht da und weiß nicht wohin mit der Aschea?.

Denn „Feuer ist diesesmal stärker als Wasser“, das war glaube ich in dem Interview mit der alten Dissidentin vorher umgekehrt und die letzte Geschichte führt wieder zurück zu den Wurzeln oder den Verwirrungen von einer, die gerade nur „Kuchlböhmisch“ spricht und am „Weidlingwasser“ in ihren „Wienzeilenjahren“ aufgewachsen ist.

Sehr poetisch der „Streifzug durch den Kosmos böhmischer Legenden, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln. Geschichten wie ein Ozean: Voller Geheimnisse und Schönheit“, zitiere ich den Buchrücken und wenn man zum rechten Klappentext zurückgeht, kann man Rhea Krcmarova mit wallenden Haaren im glitzernden Nixengewand sehen, die wahrscheinlich nicht dem Rhein, sondern der Moldau entsteigt, wenn es nicht vielleicht doch die Donau bei Kritzendorf sein sollte.

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