Literaturgefluester

2018-03-10

Fliegende Hunde

Filed under: Bücher — jancak @ 00:21
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Jetzt kommt ein wirklich tolles Buch. Das Debut des Jahres, könnte man es vielleicht so pathetisch nennen, eines von dem, ich hoffe, es vielleicht auf der Longlist zu sehen, denn meiner Meinung nach sind Wlada Kolosowas „Fliegende Hunde“ viel aufregender als im Vorjahrt Sasha Mariana Salzzmanns „Außer sich“, das als so außergewöhnlich gelobt wurde, was ich bis heute nicht nachvollziehen kann.

Wieder geht es um eine Exilrussin wurde Wlada Kolosowa doch 1987 in Sankt Petersburg geboren, wuchs in Deutschland auf und studierte sogar Creative Writing in New York bei  Jonathan Safran Foer und Zadie Smith.

Vielleicht ist deshalb ihre Geschichte so ungewöhnlich und nicht so abgelutscht, wie die Familiengeschichte der Sasha Mariana Salzmann, die ich schon hundertmal gelesen habe.

Jetzt geht es direkt in das Sankt Peterburg von heute, oder nein, richtiger in das fiktive Vorstädtchen „Krylatowo“, wo zwei sechszehnjährige Teenager Lena und Oksana, das Buch hat wieder Kapitelnamen, in einer Plattenbausiedlung leben, zur Schule vorbei an den Alkoholikern der Siedlung, den jungen Mütter und den Omchen gehen und sich in dieser Trostlosigkeit in ein trendiges Leben träumen.

Wie tut man das in einer russischen Plattenbausiedlung? Lena hat es scheinbar geschafft, nämlich bei einem Casting in ihrer Schule gewonnen, einen Modelvertrag unterschrieben und wurde nach Shanghai geflogen, wo sie nun von einem Rafik streng bewacht in einer wahrscheinlich noch trostloseren Wohnung, für die sie vierhundert Rubel oder Dollar zahlen muß, mit einer Menge anderer osteuropäischer Mädchen haust, Instantnudeln ißt und von einem Billigcasting zum nächsten gefahren wird, während es für die weniger Erfolgreichen die sogenannten Nachtcastings, in Clubs, etcetera, gibt.

Trotzdem ist Oksana, die mit ihrer Freundin eng umschlungen Seite an Seite aufwuchs und oft mit ihr im selben Bett übernachtete, neidig oder einsam und will auch dorthin.

Wie tut man das? Richtig, man hungert sich auf Modelgröße hinunter und damit das besser geht, hat Oksana auch die entsprechende Internetseite gefunden: „leningrad-diet-ru“, die an die Leningrader Blockade von 1942 erinnert, wo Millionen <menschen von den Deutschen zu Tode gehungert wurden, beziehungsweise Gras und ihre Katzen aßen und diese Seite verspricht den Teenagern nun ewige Schlankheit, wenn sie sich an die Rezepte von damals halten.

Die sind natürlich streng geheim und im Buch gibt es auch nach de üblichen Erklärung, daß „Alle Protagonisten frei erfunden sind“, die Warnung „Die angeführten Rezepte schaden der Gesundheit, schmecken fürchterlich und garantieren keinen Gewichtsverlust“

Na klar, wird man sagen, wenn man sich erst einmal hineingeschaut hat, daß es da „Ledersuppe“, „Pappmache-Buletten“, Grasküchlein gebacken inIndustrieöl“,“Mehl aus Eichelrinde“ etcetera gibt.

Auch Oksana ist da nicht sehr erfolgreich, obwohl sie stundenlang Ledersuppe und Lederpudding kocht oder vor der Brotscheibe mit 125 Gramm sitzt, die ein Teil ihrer Tagesration ist.

So gibt es Rückfälle, Kotzversuche, sie streitet sich mit der Mutter, die gerade Eheprobleme hat, ob sie die teuren Bananen die sie, für sie gekauft hat, essen soll oder nicht und wenn sie über den Hof in die Schule oder in die Bibliothek latscht, trifft sie Sergej Mammontow, Mammut, genannt, den Anführer ihrer Klassengang und eine zarte Liebe bahnt sich an.

Aber das kommt erst später. Erst geht sie in die örtliche Bibliothek, um sich nach der Leningrader Blokade zu erkundigen, will sogar eine Klassenarbeit darüber schreiben und unterhält sich mit Lenas Uroma Baba Polja, die die Blockade selbst er- und überlebte.

Lena lernt in Shanghai indessen den Fotografen Steve kennen, der sie für Sex protagieren will und besesere Aufträge verschafft. So geht sie mit ihm in die Sauna, wo ihr schlecht wird und jobbt auch in einem Freizeitpark, wo sie sich, als „Weiße“ ausstellen, umarmen und fotografieren lassen muß. Dafür wird aber ihr Vertrag verlängert und sie darf sogar über Weihnachten zurückfliegen, um ihr Visum zu verlängern und ihre Familie zu besuchen.

Das Internetforum wird indessen immer dränger. Oksana muß ihren „fetten Arsch“ fotografieren und hineinstellen und als ein Mädchen stirbt, weil ihr wegen der Ledersuppe oder war es das Brätlingrezept das Bapa Polja Oksana verraten hat, die Magenwand durchgebrochen ist, beginnt sie zu rebellieren, rät den Usern aufzuhören und nicht jeden Wahnsinn mitzumachen und auch nicht, die zu verarschen, die vor siebzig Jahren wirklich aus Hunger sterben mjußten.

Die Nachricht wird gelöscht, Oksana auch geraten nicht zur Polizei zu gehen, wie sie drohte, wird aber ansonsten in Ruhe gelassen und auch Lena reist wieder in ihre ungewisse Modelzukunft, die sie vor ihrer Familie und der Freundin natürlich schönfärbt, wieder ab, während sich die Mutter wieder mit dem Vater versöhnt und Oksana vielleicht in eine bessere oder auch nur genauso trostlose Zukunt mit Mammut, der in einer kalten Wohnung sitzt, sich Oksana aber vorsichtigt annähert und für sie auch exotisches Obst aus einem teuen Supermarkt stiehlt, entgegengeht.

Ein ungewöhnlich frisches und scharfgeschriebenes Buch über das Leben der jungen Frauen in Osteuropa, das ich so auf diese Weise noch nicht gelesen habe und tröstlich ist auch, daß es eigentlich hoffnungsvoll endet, Oksana kann sich von der Magersucht lösen und ißt mit Lena in St. Petersburg drei fette Krapfen hintereinander. Ob ihre Zukunft in der Vorstadt rosig wird, ist zwar fraglich. Aber vielleicht kann sie studieren oder geht später als Altenpflegerin in den Westen und man erfährt auch viel von der Leningrader Vergangenheit und das geht bei Wlada Kolosowa auch ohne, daß sie dabei ihre Familiengeschichte auftischen und wiederholen muß.

Und die „fliegenden Hunde“ sind eine Metaüher, beziehungsweise sahen Lena und Oksana sie am Fenster vorüberfliegen, als sie vor ihren Model- und Hunerkarrieren aneinandergekuschelt im Bett lagen.

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1 Kommentar »

  1. […] Literaturgeflüster […]

    Pingback von [Rezension]: Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde – Lesen macht glücklich — 2018-07-12 @ 21:59 | Antwort


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