Literaturgefluester

2018-04-14

Und am Ende stehlen wir Zitronen

Noch ein Debut, von einer mir bisher unbekannten Autorin, der 1985 in NÖ geborenen Eva Lugbauer, deren „Und am Ende stehlen wir Zitronen“ bei „Wortreich“, dem kleinen feinen Verlag erschienen ist, den ich seit vorigen Jahr in Leipzig während des Österreich-Empfangs immer besuche und es ist eines, wo ich nach dem Lesen des Klappentextes beziehungsweise der „Amazon-Rezension“ auch dachte, „Uje, uje, was habe ich mir da geben lassen, das interessiert mich nicht!“

Das soviel zu dem das man den Wert eines Buches auf der ersten Seite oder nach dreißig Sekunden Probelesen erkennen kann.

„Nein, liebe Leute vom Literaturcafe oder sonstwo, so geht das wirklich nicht, jedenfalls nicht bei mir und, ich glaube, das ist auch verallgemeinbar.

Denn noch auf der ersten Seite, dem Kapitel „Im Wasser“, mit sehr poetischen, für mich inhaltslosen Sätzen, hätte ich gedacht „Nun ja, schon wieder ein sprachrauschiges Debut, dann war ich aber gleich im Wasser und fing zu schwimmen an, obwohl ich das in der Realität gar nicht kann und das Kapitel dann auch „Stehen“ hieß.

Denn dann wird es gleich konkret: „Gänsehaufen!“, dachte ich und wir sind im Land in einem Dörfchen namens Unterfichten, sind bei Isa Erlinger, der fünfundzwanzigjährigen Kindergärtnerin, die noch nichts aus ihrem Leben gemacht hat, obwohl sie schon einen Freund namens Martin hat und die sich jetzt auf dem Polterabend einer Freundin befindet, mit ihr „Peniskekse“ verkaufen, ein Sexshop besuchen und sich auch von einem Mann anquatschen lassen soll.

Das ist nichts für sie. So geht sie an den See, will auf ihre Lieblingsbank, aber dort sitzt schon eine Frau, die sie anspricht und am nächsten Tag erfährt sie von ihrer Nachbarin, daß die mit einem Rucksack voller Steine ins Wasser gegangen ist. Die Frau hieß Hilda Haller oder Haller Hilda, wie man die Namen in Isas Provinz ausspricht.

Isa geht zu ihrem Haus „Krippenhaus“ genannt, weil dort zu Weihnachten immer ein Krippe steht, denn Hilda Haller war einmal Bühnenbildnerin und sie hatte auch eine Tochter namens Lou, die vor zehn Jahren verunglückte.

Vielleicht hat sich Hilda Haller deshalb umgebracht. Isa weiß es nicht, geht aber in einen Supermarkt, kauft sich dann Zigaretten und geht damit, weil eine Frau in dem Dörfchen ja nicht rauchen darf, weil das stinkt und unbweiblich ist, auf den Friedhof, wo der Totengräber vielleicht schon Hilde Hallers Grab ausgräbt.

Isa hat dann bald Geburtstag und das wird von ihrem „stinknormalen“ Freund, der bald heiraten und möglichst viele Kinder will, immer in einen Ritual gefeiert. Er bringt ihr den Kaffee ans Bett, bäckt Palatschinken in Herzform, nachher geht es an den See und zum Eisessen und ein Geschenk gibt es auch.

„Hoffentlich kein Ring!“, denkt Isa den ganzen Tag in Panik. Es ist aber, wer hätte das gedacht, daß der Normalo so sensibel sein kann, ein Fallschirmsprung und den hat Isa sich vielleicht auch gewünscht.

Sie lernt etwas später Hilda Hallers Nichte Zora kennen, die das Haus geerbt hat und es ausräumt. Sie freundet sich mit ihr an und die Journalistin aus Wien, erzählt ihr von Lou, die Isa seltsamerweise sehr ähnlich sieht, aber sehr ungewöhnlich war, immer frei sein und reisen wollte, also eigentlich das Gegenteil von Iisa, die ihre schönen Kleider bewundert. Zora schenkt sie ihr, lädt sie auch nach Wien ein und die Beiden gehen mit einen Schal von Lou auch auch auf ein Feuerwehrfest zum Tanzen.

Dort wird viel Schnaps getrunken und vielleicht verschwindet Isa mit ihrem Exfreund Jonas auch hinter ein Gebüsch. Sie kann sich nicht mehr ganz daran erinnern, hat auch ein schlechtes Gewissen wegen Martin und auch Angst vor Aids, will mit ihm Schluß machen, fährt für ein paar Tage zu Zora nach Wien, wo sie einen Ben, der Krankenpflege ist, kennenlernt und sich ihm als Lou, auf seine Frage, wie sie heißt, ausgibt.

„Isa. Ich meine Lou-Isa. Ich meine Louisa-Bella. Louisabealla“ – „Was?“- Du kannst Lou sagen!“

Zu Weihnachten macht Isa  mit Martin Schluß, als der ihr gerade sein Geschenk, einen Gutschein für ein gemeinsames Fotoshooting überreicht hat. Packt ihre Koffer und fährt überstürzt nach Wien und zieht in Zoras Arbeitszimmer. Als die ihr nach einen Besuch in Unterfichten erzählt, daß sie Martin schon mit einem blonden Mädchen gesehen hat, ist sie enttäuscht und auch mit Ben, dem sie erzählt hat, daß sie Schriftstellerin wäre und in Rom leben würde, klappt es nicht so ganz, denn der hat schon eine Freundin.

Zora hat auch einen Freund namens Reinhard und mit dem betrügt Isa sie, die dann so von sich entsetzt von sich ist, daß sie überstürzt nach Rom aufbricht. Der Zug kommt aber nicht einmal bis Klagenfurt, denn dann bleibt er, man weiß nicht so ganz wegen eines Selbstmörders oder eines Herzinfarkts des Zugführers auf einem Feld stehen und Isa fährt mit Lorenz, den sie im Zug kennenlernte, in seine Wohnung nach Klagenfurt.

Dazwischen gibt es immer wieder Selbstgesprche Isas, die sich da „Frau Isa“ nennt und nach Orientierungs sucht. Sehr viel Weinspritz mit Zitrone wird getrunken, der Buchtitel stammt aus Lous Notizbuch und ist eine Metapher auf das freie Leben, der erste Joint geraucht, was die brave Isa sehr entsetzt. Zora ist aber über ihren Betrug gar nicht so böse, als sie wieder zurückkommt.

Später zieht Isa in eine WG, fängt zu studieren an und schenkt sich selbst zum nächsten Geburtstag, eine Reise nach Rom.

Ein spannendes, leises, aber sehr dicht geschriebenes Buch über eine Selbstfindung, das immer wieder an die Bachmann erinnert, beziehungsweise sehr deutliche Anspielungen an sie hat. So liest Isa einen Bachmann-Text, als sie sich am Anfang mit Martin an den See begibt.

„Udine geht“, ist eine nicht zu übersehendes Motiv. Dann die Fahrt nach Rom und vielleicht auch Wunsch seine Verruchtheit durch das Rauchen auszudrücken, etwas, das man inzwischen ja nicht mehr darf und von den politisch korrekten Bloggerinnen, vielleicht angeprangert wird.

Mir hat das Buch, das am blauen Cover eine kräftig gelbe Zitrone hat, sehr gut gefallen. Eine Überraschung, den ich habe von Eva Lugbauer, glaube ich, nocht nichts gehört oder gelesen, also wieder etwas für den Debutpreis  und vielleicht begegne ich der Autorin über die am Buchrücken noch steht „Eva Lugbauer schafft einen poetischen und (aus)druckvollen, musikalisch anmutenden Debutroman, der sich großen Themen nicht verschließt und keine Angst vor lauten Antworten hat“, einmal in der „Alten Schmiede“ oder einem anderen literarischen Ort.

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