Literaturgefluester

2018-05-24

Schreckliche Gewalten

Jetzt kommt Buch fünf von meiner Backlist in diesem Jahr, um dieses Buchhandelsfachausdruck zu verwenden, den ich eigentlich nicht mag und Buch achtzen des dBp 2017, während die dBp-Jury 2018 zu der interessanterweise auch der „Kaffehaussitzer“ gehört, der ja den „Buchblog-Award“ gewonnen hat und schon bei den offiziellen Buchpreisbloggern war, also diese große Ehre nicht mehr gewinnen konnte.

Ich blogge ja seit 2015 für mich selbst und  die deutschen Buchpreisbücher 2017 und habe jetzt auch alle, siebzehn schon im vorigen Jahr beim offiziellen Lesen, mir Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ zum Geburtstag schenken lassen und Buch neunzehn und zwanzig,  „Schlafende Sonne“ und Flugschnee“ habe ich im Jänner bekommen, als wir zum Umtrunk der zum Geburtstag bekommmenen Riesenflasche geladen haben und „Schreckliche Gewalten“ des 1988 geborenen Jakob Nolte, leider gibt es in dem „Matthes & Seitz-Bändchen“ keine biografischen Angaben, so daß ich das erst googlen mußte, das im Vorjahr auf der Longlist stand, ist sicher ein sehr interessantes Buch.

Ob es leichter oder schwerer zu lesen, als Lehr „Schlafende sonne“ ist, wird sich, wenn überhaupt, erst nächstes Jahr entscheiden. Es ist aber nicht, wie ich irgendwie dachte, ein Wehrwolfroman, sondern Nolte wird mit Schwitters und dem jungen Georg Klein verglichen, von der experimentellen Sorte und auch der berühmte Satz, der vor einem dreiviertel Jahr überall herumschwirrte:  „Eines Nachts verwandelt sich Hilma Honik in ein Monster und tötet ihren Mann. Ihre Kinder sind von nun an fortan auf sich selbst gestellt. Iselin entscheidet sich dafür in Bergen zu bleiben und Edvard bereist die Ränder der Sowetunion auf dem Weg nach Afghanistan“, steht nicht am Anfang des Buches, wie ich dachte oder in einigen Rezensionen gelesen habe, sondern am Buchrücken und damit ist eigentlich schon alles gesagt oder gar nichts, denn es ist, wie wahrscheinlich schon aus dem bisher Geschriebenen klar wird, kein Buch von dem man den Inhalt so einfach herunterspoilern kann.

Es scheiden sich an ihm auch die Geister, wurde es von einigen doch als sehr toll von anderen wieder als eher enttäuschtend bewertet. Je nach dem von welcher Seite man kommt wahrscheinlich. Hat man sich einen spannenden Wehrwolfroman erwartet, ist man enttäuscht, liebt man Kurt Schwitters oder Georg Klein ist man das wahrscheinlich auch und ruft noch immer: „Warum stand es nicht auch auf der Shortlist oder hat sogar den dbp 2017 gewonnen?“

Ich bin wieder in der neutralen Mitte. Habe mir, ich gebe es zu, etwas anderes erwartet, habe aber vor kurzem Wandeler-Deck und zwar noch nicht Schwitters, aber schon Georg Klein gelesen, habe wie beim „Buch der Zahlen“ nicht viel verstanden. Aber irgendwie immer den Eindruck, daß das ein sehr interessantes Buch ist, das ich da lese und es mir deshalb auch zum Geburtstag gewünscht, da ich es von „Matthes&Seitz“ nicht bekommen habe.

Es ist auch außerlich ungewöhnlich „Schreckliche Gewalten und Jakob Nolte“ steht ganz klein und ganz oben am Cover, „Roman und Matthes & Seitz Berlin“ ganz klein unten. Sonst gibt es ein schwarzes Viereck, das bunt umrandet ist, hinten den oben zitierten Satz und Schande über „Matthes & Seitz“, weil mich das ja immer sehr stört, keine biografischen Anfgaben.

Das Buch besteht dann ähnlich, wie das Cover aus überschriftlosen Kapitel oder Abschnitten, die zwischen einer Zeile und mehreren Seiten variieren und aus zwei Teilen, der erste „Honik“ genannt, so heißt besagte norwegische Familie und einen kürzeren zweiten, die zwischen „Frühling“,“Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ unterscheidet und das Leben einer Hyänenfamilie in den afhghanischen Bergen schildert.

Man sieht nochmals, es ist sehr kompliziert und es wird auch im ersten Teil munter hin und hergesprungen und von besagter Wilma Honik ist eigentlich sehr wenig die Rede. Es kann aber sein, ich habe etwas überlesen, denn das Buch springt hin und her. Namen werden ein und wieder ausgeführt, Geschichten erzählt und die Gewaltgeschichte, um auf den Titel zurückzukommen von den Neunzehnsechzigerjahren aufwärts, das besagte Ereignis passierte, glaube ich, 1974 in dem norwegischen Städtchen Bergen, zitiert, den Terroranschlag von München 1972 beispielsweise, Flugzeugentführungen, den schwarzen September und auch Schwesterchen Iselin, die sich ja für Bergen entschied, gründet eine Wohngemeinschaft und setzt sich hier mit zwei anderen Frauen für die Rechte der Prostiutierten ein, in dem sie sie als Geisel nimmt, während der Bruder von Riga aus über Kiew und odesser nach Afghanistan will, sich da auch mit zwei Männern zusammentut und ein norwegisches Flugzeug entführt und dabei einen Anschlag macht.

Es passiert aber auch viel Banaleres in dem Buch. Eine Kuh wird entführt und es wird, glaube ich, auch behauptet, daß die Erde eine Scheibe ist und der Mond im Inneren hohl ist.

Pessoa und Mandelstam werden zitiert. Über Pessoa steht auf Seite zweihundertvierunddreißig „Pessoa war ein loses Kollektiv von Vielschläfern, Protopunks und Hysterikern, deren Hauptwerk  das Buch der unsichtbaten Langweile, eine recht aufwendiger poetisierte  Alltagsbeschreibung darstellt. Aphorismen, wie „Der Besitz besitzt den Besitzer“ oder „Ein Roman ist die Geschichte dessen was nie war“ machten es der Intellegenzia der Partei einfach, sie für ihre Sache umzudeuten.“

Und über Mandelstam heißt es: „Ossip Mandelstam war ein russischer Schriftsteller. Er schrieb Gedichte gegen alles, wofür Stalin einstand (sowohl als Politiker als als Mensch). Mandelstam unterstellte Stalin beispielsweise, dass er Himbeeren mochte. Mandelstam konnte auch nichts mit diesem Schnurrbart anfangen oder dem Gulag oder der Tatsache, dass er seine Meinung nicht ändern durfte. Er verfasste Gedichte gegen die Unterdrückung. Daraufhin kam er in Gefängnis und wieder ins Gefängnis und starb im Dezember 1937 unter den entsetzlichen Bedingungen eines sowetischen Arbeitslager. Heutzutage gilt er als einer der wichtigsten Vertreter der höheren russischen Zensur.“

Es gibt aber auch Haikus oder was sich Noltes Protagonisten darunter vorstellen, wie:

„Dümmer als

Schlau Fauler

Als Wach“    oder

„Viele Dinge

Wären

Romantisch“

oder die Beschreibungen des Inhaltes der Rucksäcke, die Iselin und ihre Gefährten auf ihre Exkursionen mitnehmen:

„Moiras Rucksack

-2 Maschinenpistolen

-3 Kurvenmagazine a 30 Patronen

-2 Sturmmasken

-1Beutel für Wertsachen

-Unterwäsche

-Brems Tierleben, Band 2: die Vielfüßler, Insekten und Spinnenkerle (1915“)

Und so weiter und so fort. Ich könnte hier noch seitenlang interessante Textstellen anführen, der „BH“ wird beispielsweise mit dem Begriff des „Metiers“ verglichen. Es wird erklärt, was ein „Brimborium ist und „Zwei Arten zu sterben“:

„Peng peng peng

bla bla bla“

Man sieht, es ist wirklich kein herkömmlicher Werwolfroman. Wahrscheinlich nicht einmal eine Satire darauf. Aber sicher ein interessantes Buch, was wieder einmal die Bandbreite der besten belletristischen Neuerscheinungen eines Jahres deutlich macht und nun lese ich auf meiner „Backlist“ weiter.

Da steht ja noch sehr viel Interessantes darauf, warte auf weitere Rezensionsexemplare und bin natürlich auf die Longlist des dBp 2018 schon sehr gespannt und rate, wieviele Bücher ich davon schon gelesen habe werde…?

Und um noch auf einen Bloggerartikel zu reagieren, wieviel Druck das Bloggen machen und, wie sehr es einem die Freude am Lesen nehmen kann, den ich bei „Herzpotenal“ kürzlich las.

Nein, ich bin nicht davon betroffen. Ich lese immer noch neugierig und begierig über den Tellerrand und schreibe oder spoilere dann meine Besprechungen für mein persönliches Erinnerungsarchiv eher locker hinunter, weil mich die Flüchtingkeitsfehler, die ich dabei vielleicht übersehe, eigentlich nicht wirklich stören und ich mich auch immer noch darüber freue, wieviel Bücher es gibt und, wie unterschiedlich man schreiben kann.

 

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