Literaturgefluester

2018-07-01

Dämmer und Aufruhr

Filed under: Bücher — jancak @ 00:26
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Jetzt kommt der „Roman der frühen Jugend“, also die  poetisch gefärbte Autobiografie, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag, wahrscheinlich nach dem Tod der Mutter geschrieben, des 1948 geborenen Bodo Kirchhoff, der seine Bücher seit 2012 bei FVA verlegt und da 2016 mit seiner Novelle genannten, „Widerfahrnis“, den dBp gewonnen hat, der ja eigentlich ein Romanpreis ist.

Aber Dichtung und Wahrheit liegen ja sehr dicht beeinander, das sieht man auch an dem Roman, dem am Schluß eine Zeittafel angefügt ist und ich bin mit Bodo Kirchhoff, glaube ich, 2002 mit seinem „Schundroman“, den ich mir damals zum Geburtstag wünschte und wofür ich mich fast ein wenig schämte in Berührung gekommen.

Dann habe ich weil FVA es mir getreulich schickte, die wiederaufgelegte und 1984 erstmals erschienene „Mexikanische Novelle“ gelesen, die mir wie „Widerfahrnis“ trotz seiner sehr schönen aber doch sehr künstlichen „machohaften“ Konstruktion nicht so sehr gefallen hat und im letzten Jahr die Erzählung „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“, wo in fast Bernhardesker Manier auf zig Seiten beschrieben wird, warum eine Einladung zu einer solchen nit angenommen werden kann.

Und jetzt also die Kindheitserinnerungen zum Siebziger des eleganten weißhaarigen Herrn, Liebling aller Frauen, füge ich ein wenig vorlaut an und kann ergänzen, das das Buch wieder sehr gekonnt komponiert wurde und es ein wahrscheinlich sehr erfolgreiches Männerleben war, was da beschrieben wird.

Der Hauch des Eror weht überall, das ist sicher eine Kirchhoffsche Spezialität, von mir, der um fünf Jahre jüngern, die erstaunt feststellte, daß ich nur ein Jahr später als er zu studieren begann und sonst vielleicht ähnliche pubertäre Schwierigkeiten erlebte, obwohl das mit dem Eros war bei mir sicher nicht so stark ausgeprägt, Camus und Satre habe ich aber nach meiner Knödelmatura auch mit Begeisterung gelesen und schreiben wollte ich auch, aber das hat Kirchhoff, obwohl es schon frühere Versuche gab, erst nach seinem Militärdienst begonnen, denn da wollte er ja eigentlich Maler werden, ein Winsch den ich nie hatte, manchmal belächelt.

Aber es liest sich, das kann ich nicht bestreiten gut, das über vierhundertfünfzig Seiten Buch, das kunstvoll in eine Rahmenhandlung gewickelt ist.

Da ist einmal er alternde Schriftsteller oder Sohn genannt, der sich mit einer Schachtel mit Bildern in eine kleine Pension in Italien zurückzieht, wo er einmal als Kind mit einen Eltern, bevor die sich trennten, einen Sommeraufenthalt verbrachte.

„Wer spricht da, wenn einer von früher erzählt, auf sein ertes Glühen in der Kindheit blickt, wessen Stimme macht hier den Anfang, sagt Es  war einmal – ein unvergesslicher, gültiger Alpensommer“, lautet der erste lange Satz.

Und da sind wir schon wieder ein paar Jahre früher, nämlich im Jahr 1952, wo der Vierjährige mit seiner „Damemammi“, einer Schauspielerin aus Wien und deren Mutter, einer ehemaligen Opernsängerin, von ihm oft die „Hüterin“ genannt, einen Sommer in Kietzbühel verbringt und da wird die Erotik, wie in Zweigs „Brennenden Geheimnis“ mit aller Bravour berührt und die Beziehung zu der Mutter bleibt auch das Thema des Buches.

Es gibt auch einen Vater, einen Hamburger, der vom Krieg mit einem Holzbeim zurückgekommen, sehr früh mit der jungen Wiener Schauspielerin verheiratet wurde und als der erste frühe Kitzbüheler Sommer, mit den beiden Hüterinnen, die der Kleine aber doch schon, wie ein Kavalier begleitet, erlebt, ist die Mutter wieder mit der Schwester schwanger.

Von vorn nach hinten in dreiHandlungssträngen, werden die frühen Jahre des großen Dichters erzählt. Da ist einmal sein Aufenthalt in der Pension, wo er die Tage in seinem Zimmer verbringt, die Bilder aus der Schachtel nimmt, sich in seine Erinnerungen vertieft, während draußen am Strand nach und nach die Badeliegen und die Sonnenschirme weggeräumt werden, weil, eine gekonnte Metapher, der Herbst des Lebens oder auch nur des Jahres beginnt. Es gibt auch eine wahrscheinlich noch ältere Pensionsbewohnerin, die Amerikanerin Missis Bennet, die immer auftaucht und den Dichter danach fragt, warum er nicht an den Strand geht und sie war damals, in dem letzten Sommer, in dem seine Eltern, noch glücklich waren, auch schon da. Durch einen Zufall hat die Famlie, ihr sonst bewohntes Zimmer bekommen, an das sie ihn lächelnd erinnert und es gibt dann auch ein Plakat von der kleinen Stadt, in den Fünfzigerjahren, das ein Paar zeigt, das die Eltern sein könnten und das die Amerikanerin kauft und den Abreisenden, später, wenn alles geschrieben und geschehen ist, zur Erinnerung schenkt.

Dann geht es durch das Leben, das man hinten in der Biografie, getreulich nachlesen und vergleichen kann, „Wikipedia“ ist dagegen eher schwach bestückt. Da steht eigentlich nur wenig von den frühen Jahren.

Nur, daß es in dem Internat, in das der Jüngling nach der Trennung der Eltern, die sie den Kindern lang verheimlichten und stattdessen glückliche Familie spielten, gegeben wurde, einen Mißbrauchsvorfall gegeben hat.

Der wird in dem Buch fast mit der selben erotischen Leichtigkeit erzählt und darüber hinweggegangen und dann gibt es auch immer wieder, die Besuche des alternden Schriftstellers in der Seniorenredidenz der fast Neunzigjährigen, wo er sie bis zu ihren Tod begleitet und mit ihr immer wieder über die erlebte Kindheit spricht.

Die Sommer wurden also gemeinsam mit der Mutter und der Großmutter meistens in Kitzbühel verbracht. Später zog die Familie, weil der Vater in geschäftlichen Schwierigkeiten war, in den Schwarzwald. Hier ging der Sohn zu Schule. Machte seine ersten erotischen Erfahrungen. Verliebte sich in eine schöne Arzttochter, bei deren Eltern, die Großmutter in Untermiete lebte. Mit zehn kam er in das Internat am Bodensee, die Heimutter Frau Guth war sehr streng. Der Kantor führte den Knaben in ein verbotenes Geheimnis über das man nicht sprechen dürfte und verschwand dann schnell. Dafür kam ein Freund, der sich später mit der jüngeren Schwester verheiratete. Es wurde Satre, Camus und noch einiges andere gelesen, nach dem Abitur in den legendären Jahr 1968 ging es, man glaubt es kaum, zum zweijährigen Militärdienst. Reisen nach Amerika und Mexiko, wo wohl auch die „Mexikanische Novelle“ begonnen wurde, folgten und wiederum erstaunlich, kam es 1978 schon zum ersten Vertrag mit „Suhrkamp“, vom autor, der bald nach Frankfurt in die Stadt, wo die Mutter nach der Scheidung lebte und dort sowohl in einer Agentur, als auch unter den Namen Evelyn Peters und andere Pseudonyme Liebesromane und Krimis schrieb,  „der berühmte Verlag in der Lindenstraße genannt“ und vorher, das Buch ist ja nicht chronologisch geschrieben, sondern springt lustig hin und her, besuchte der frührreife Fünzehnjährige in den Ferien, die Mutter in ihrer Frankfurter Wohnung, die dort mit einem Herrn Kurt lebte oder von ihm besucht wurde. Der gab dem Knaben je zwei fünf Mark Stücke. Sein Taschengeld hatte er schon vorher in einem Pornokino ausgegeben, schwindelte der Mutter vor, das Portemonnaie wurde gestohlen, die gab ihm mitleidig dreißig Mark aus ihrem, damit er sich einen schönen Nachmittag in Frankfurt, während sie arbeite machen könne, Kaffeehaus und Kino schlug sie vor.

Er ging in eine Buchhandlung, kaufte sich dort Tennesse Wililams „Mrs Stone und ihr römischer Frühling“, las es bei einer Cola im „plüschigen Cafe Schwille, das kaum mehr einer kennt“ aus und wollte dann über das berüchtige Bahnhofsviertel ins Kino gehen. Eine Nutte sprach ihn an, verlangte dreißig Mark, der Jüngling hatte aber nur mehr fünfundzwanzig. So gab er das Geld dahin und hatte dann keines mehr für den Kinobesuch. Mußte der Mutter also vorschwindeln, er hätte den Film gesehen. Das Buch war aber gelesen. So war das Fabulieren für den Fantasiebegabten nicht sehr schwer, der inzwischen ein Mann geworden war, schon mit Vierzehn oder Zwölf, etwas das man sich heute nicht mehr vorstellen kann, seine Zigarretten rauchte, wie überhaupt alle, der Mutter Liebhaber, die Heimleiterin, der Verführer Kettenrauchen waren und der alt gewordene Schriftsteller sitzt in Italien über seinen Bildern, denkt an die tote Mutter und an seine Kindheit zuirück.

Hier endet das buch, mit der Rückfahrt aus dem kleinen Strandhotel  Beau Sejour in Alassio, das Paket öffnend, das ihm Missis Bennet mit dem Plakat gegeben hat, während draußen am Gang, die Polizisten, die afrikanischen Flüchtlinge verhaften. Seinen Paß, weil ja ein Weißer, nicht sehen wollen. Die biografieschen Notizen gehen aber weiter, führen auch nach 1984 die Werke an, erwähnen, daß Bodo Kirchhoff, sowohl in Frankfurt, als auch am Gardasee lebt und dort mit seiner Frau schon lange Schreibkurse gibt. Dem Buch ist auch ein kleiner Folder beigelegt, wo man die Bücher des Autors sehen und auch die Adresse finden kann, bei der man sich für diese Schreibkurse am Gardasee anmelden kann.

Das werde ich wohl nicht tun, vielleicht aber noch etwas anderes von Bodo Kirchhoff lesen. Vielleicht schickt es mir FVA in den nächsten Jahren zu oder ich nehme es von meinem reisengroßen SUB, denn  ich habe, wenn ich mich nicht irre, inzwischen auch noch andere Kirchhoff Romane gefunden.

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