Literaturgefluester

2018-07-05

Der wahre Muftoni

Filed under: Bücher — jancak @ 00:15
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„Eine Nacht im Hotel zu gewinnen (oder viele) hat mir „Wagenbach“ vor kurzem geschrieben und mich davon informiert, daß sie in der TB-Reihe sechs große Roman, die alle vom Hotelleben handeln oder dort spielen, wieder aufgelegt haben.

Etwas, was mir gar nicht so unbekannt gewesen war, bin ich doch doch vor fast zwei Monaten von der Wien-Bibliothek und dem Jahr 1938 nach Hause gegangen und habe da bei „Anna Jeller“ in der Auslage Vicki Baums „Hotel Berlin“ liegen sehen, auf das ich ja schon so lange spitzte und eigentlich nicht glaubte, daß ich es jemals bekommen würde und da stand  hinten etwas von „Menschen in Hotels“ zu lesen und die Namen der sechs, beziehungsweise fünf Bücher waren abgedruckt.

Markus Orths „Zimmermädchen“, aus dem er, glaube ich, lang lang ists her einmal in Klagenfurt gelesen hat, war dabei und ich habe angesichts der Bücherberge, die mich umgeben, darauf vergessen.

Wurde nun wieder erinnert und ja eine Nacht im Hotel, läßt sich angesichts der nahenden Sommerfrische die ja inzwischen nur mehr aus verlängerten Wochenenden besteht, immer gerne gewinnen, habe aber das „Zimmermädchen“ und auch Jarolav Rudis „Grand Hotel“, der ja heuer den „Preis der Literaturhäuser“ gewonnen hat, ignoriert und mir stattdessen Christiph Meckels „Der wahre Muftoni“ gewünscht.

Denn von Chruistoph Meckel, dem 1935 in Berlin geborenen Autor und Graphiker, den ich eigentlich für einen Ostdeutschen hielt, obwohl er in Freiburg aufgewachsen ist, habe ich schon einiges gehört und auch einige Bücher in den Regalen von denen ich, fürchte, noch nicht viel gelesen habe, also der „Wahre Muftoni“ für meine zweite Nacht im Hotel und wurde, was soll ich sagen, gleich einmal enttäuscht.

Auf der einen Seite nur, denn wenn auch am Buchrücken „Wir lebten, wer weiß, zum letzten Mal im Hotel, im luftigsten unserer Stile – Salut und chapeau! Wir gingen wie gewähnlich am Morgen aus, begrüßten den Herrn Portier und blieben weg“, heißt, so ist von Hotelleben und seinenMenschen darin, in dem Buch nicht viel die Rede, so daß ich fragen kann, hat der, der das 1982 bei „Hanser“ erschienene Buch für die Sommerreihe aussuchte, es überhaupt gelesen oder ist er nur ein Meckel Fan, der es unbedingt und um jeden Preis einschmuggeln und wieder auflegen wollte?

Denn es geht in dem phantasischen märchenhaften kleinen Büchlein mit zehn Illustrationen vom Autor um sehr viel, am wenigstens aber um Hotels, obwohl, ja natürlich, eines in Paris vorkommt und eines in der Normandie und dann noch ein Landgasthof, wo alles beginnt.

Aber beginnen tut die skurrile kleine Geschichte, die sich sehr wohl als Sommerlektüre eignet ganz traditionell orignell mit einem Klappentext, dem Motto und der Widmung und dann geht es los mit dem Leben der Susanne, die ihren Bruder verloren hat, was sie sehr traurig macht, so daß sie mit ihrem Auto zu dem Gasthof reist, wo die Kinder „in Milchkannen schlafen gelegt werden“, man sieht schon den skurillen Stil und es „überall nach Rauchspeck, Hefe und frischen Holunder“ riecht. Sie will schlafen gehen, da hört sie Rufe aus dem Kohlenkeller „Susanne, Susanne!“, klingt es ihr entgegen und sie in einem Faß einen „erwachsenen Gnom mit dem Kopf meines Bruders“, findet.

Der muß natürlich erst wachsen, also schmuggelt sie ihm am Dienstmädchen vorbei in ihr Zimmer und ernährt ihn tüchtig mit der Vollpension und als er groß genug ist, läßt sie ihn des Nachts hinaus und am Morgen klopft das Dienstmädchen und sagt artig „Fräulein susanne, der Herr Bruder ist da!

Die beiden frühstücken noch einmal zusammen und verlassen dann den Gasthof. Fahren nach Paris und quartieren sich, jawohl im GRANDE BRETAGNE, „einem schrägen Haus“ ein, denn der wahre Muftoni, so wird das zwergenhafte und jetzt großgewordene Brüderchen genannt, oder auch petin Matin, besitzt eine Zauberhose, aus der die Gelscheine nur so herausquellen, so daß er dem Schwesterchen alle Wünsche erfüllen kann.

Der Geldsegen versiegt allerdings sehr bald, so verlassen die Beiden und das ist die schon zitierte Stelle, das Hotel und ein wahrer geisterhafter Reigen durch ganz Europa oder auch ins ferne Amerika zu den Warner oder sonsitgen Brothers beginnt.

Denn jetzt werden Coups ausgedacht, Häuser, Villen und anderes überfallen, Plakate entworfen und damit  viel Geld gemacht, das wieder zerrinnt. Ein Riese wird gefunden, ein Fräulein entwächst einem Ei, bis alles, wie üblich zu Ende geht. Der Traum zerrinnt und das Brüderchen wieder schrumpft und wenn ich auch nicht, wie versprochen eine oder zwei Nächte in einem Hotel verbracht habe, so habe ich doch mit Christoph Meckels wiederaufgelegten Buch eine höchst phantastische Reise durch die Welt gemacht und bin jetzt auf das Weitere, auf eventuell folgende Hotelnächte, sowie auf meine Sommerfrische in Harland bei St. Pölten, ganz ohne Hotelzimmer sehr gespannt.

Und ein Nachwort, ja richtig, fast hätte ichs vergessen, gibt es in ähnlich phantastischen Stil geschrieben, natürlich auch.

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