Literaturgefluester

2018-07-10

Die Brille mit dem Goldrand

Filed under: Bücher — jancak @ 00:49
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Buch vier der „Hotellreihe“, der wiederaufgelegten Bücher aus dem „Wagenbach-Verlag“, die uns wahrscheinlich in der sommerlichen Leichte, einen guten Einblick durch die Geschichte und die verschiedensten Gegenden Europas geben sollen, vielleicht auch einen Einblick in die verschiedensten Stile.

Sicher eine gute Idee, Altes wiederaufzulegen, nur mit dem Hotel hat Giorgio Bassanis „Die Brille mit dem Goldrand“, noch weniger als Christoph Meckels „Der wahre Muftoni“ zu tun, obwohl die Sommerfrischler, die Mitglieder der guten Mittelschicht des faschistischen Italiens, die hier beschrieben werden, ihre Nächte an der Adria natürlich in einem Hotel verbracht haben dürften und wenn ich mich nicht irre, ist es wieder ein Grandhotel, das hier Erwähnung findet, nur in diesem halten sich die Protagonisten, während der beschriebenen Ereignisse, glaube ich, nur ein einziges Mal, wenn überhaupt, auf.

Giorgio  Bassani wurde jedenfalls 1912 in Bologna geboren und starb 2000 in Rom. Er ist glaube ich ein sehr politischer Autor und von ihm habe ich auch „Der Reiher“, ebenfalls bei „Wagenbach“ herausgegeben, in meinen Regalen. Denn da gab es ja vor Jahren einen Abverkauf bei der „Buchlandung“ auf der Mariahilferstraße, die es ja in dieser Form nicht mehr gibt und da gab es eine Reihe Italiener in der „Wagenbach TB-Reihe“, um einen Euro, zehn Schilling, waren es, glaube ich nicht mehr, denn es wird wahrscheinlich 2006 oder 2007 gewesen sein und ich habe „Erica und ihre Geschwister“ davon auch gelesen und außerhalb dieser Reihe, seit den Bücherschrank- und Literaturgeflüsterzeiten auch einiges von Alberto Moravia und so bin ich an diesen italienischen Stil der Zwischen oder Vorkriegszeit, diese knisternde und bedeutungsschwangere Erotik schon gewont und habe sie bei Michela Murgia, die ja viel jünger ist, erst im letzten <Jahr wiedergefnuden.

Ich könnte aber auch Thomas Mann und seinen  Tod in Venedig“, damit man weiß, was gemeint ist, erwähnen und füge hinzu, daß ich mir mit solchen bedeutungsschweren Gefühlsgeschichten sehr schwer tun, weil sie meinen Widerstand erregen und ich eigentlich die Gefühlsregungen dieses Doktor Fadigati, des Nannes mit der Goldbrille nicht nachvollziehen kann. Sie erscheinen mir, der 1953 geborenen, sehr widersprüchig  und ich kann nur sagen, daß es Gottseidank sowetwas nicht mehr gibt, zumindest hoffe ich das.

So wird aber dieser Dr. Fadigati in den achtzehn Kapiteln der Erzählung auf jeden Fall sehr wiedersprüchig geschildert und man weiß auch nicht genau, wie alt er ist?

Da steht einmal etwas von vierzig und dann ist er plötzlich ein alter Mann. In wenigen Monaten gealtert, gedemptigt, stotternd. Von einem jungen Schönling total ausgenommen, obwohl er doch vorher so erfolgreich war.

Ist er doch HNO- Arzt, Leiter der entsprechenden Abteilung im Krankenhaus mit einer schönen modernen Privatpraxis, wo sämlichte Honoratoren von Ferrara, wo die Geschichte in den dreißiger Jahren spielt, Hitler an die Macht gekommen ist, Dollfuß erfordet und die Juden in dem Städtchen sich Sorgen machen müssen, ob die Rassengesetzte nicht auch bald in Italien angewendet werden, seine <Patienten sind und ihren kindern von ihm die Mandeln nehmen lassen.

Er ist auch ein großer Kunstkenner, geht in die Oper, ist literarisch gebildet, sammelt Gemälde, die man sich in seinem Wartezimmern, wo  die junge schöne Sprechstundenhilfe, die Patienten freundlich begrüßt, auch ansehen kann und hat nur einen Makel, er ist unverheiratet. Hat auch keine Köchin, so kauft er sich zu Mittag seine Thunfischdose und seinen Aufschnitt selbst und am Abend wird er meistens in einem Kino gesehen und so fängt man zu munkeln an, ob er nicht vielleicht und ob es sein könnte…

So fängt es jedenfalls sehr packend und dicht beschrieben, im erste Kapitel an. Dann fährt er plötzlich zweimal in der woche mit dem Zug zweiter Klasse nach Bologna, besucht dort aber die dritte, wo die Stundenten und auch der Erzähler fahren und dort lernt er einen schönen blonden Sportstudenten kennen, verfällt ihm offenbar sofort, wird von ihm gedemütigt und macht sich völlig wehrlos, total lächerlich und mir fällt soetwas schwer zu lesen, wenn es auch vielleicht in den Dreißigerjahren in Italien oder sonstwo sowas gegeben haben mag.

Dann kommt der August und der Erzähler fährt mit seiner Familie ans Meer, wo auch Dr. Fadiati mit seinem Lebhaber Station gemacht hat und der dort mit seinem roten Alfa herumfährt. Kann ein HNO Arzt und Abteilungsvorstand wirklich seine Praxis für zwei Monate verlassen?

Die gute Gesellschaft die sich auch am Strand befindet, redet jedenfalls scheißfreundlich und hinterhältig von ihm und seinen Liebhaber. Der kommt aber nicht, läßt den Doktor warten und stottern, denn er fährt mit dessen Auto nachmittags mit zwei Frauen davon und lädt auch noch andere ein, mitzukommen und als sich der Doktor vielleicht doch wehren will, schlägt er ihn zusammen und raubt ihn aus und der kann ihn nicht anzeigen. Wahrscheinlich wäre das damals wegen der damaligen Gesetze  auch nicht möglich gewesen und so bleibt ihm nichts anderes über, nachdem er seine Stelle und seine Patienten verloren hat, als in den Po zu gehen und der Erzähler erfährt aus der Zeitung davon und erzählt seiner Familie, man ist wieder in Ferrara, während des Mittagessens davon.

Ganz schön beklemmend diese Geschichte.

„Ein genau gezeichnetes Portrait der guten  Gesellschaft und, wie sie ihr Fähnlchen in den Wind hängt,“, steht noch am Buchrücken und mich hat an diesem beklemmenden Portrait vor allem die Vebindung mit dem herannahenden Faschismus beeindruckt.

Die plötzliche Schwäche des erfolgreichen Arztes und Kunstliebhabers war mir nicht nachvollziehbar. Er ist homosexeull gut, muß er dann aber mit über vierzig Jahren, jeden Jünglichen verfallen und von ihm ausrauben, ohrfeigen und lächerlich machen lassen?

Ich würde Homosexualität anders beschreiben und das wird sie inzwischen auch und die Verbindung mit dem Faschismus ist mir auch nachvollziebar und um mehr über Giorgio Bassani, sein Schreiben und seine politsche Einstellung zu erfahren, müßte ich wohl endlich den „Reiher“ und vielleicht auch adneres von ihm lesen und jetzt fehlen mir noch zwei Bücher aus der Hotelreihe, die dieses Wort schon im Namen tragen, nämlich Markus Ohrts Zimmermädchen, wo dieses glaube ich, unter dem Bett eines Hotelgastes liegt und Arnold Bennetts „Grand Hotel Babylon“ von dem ich noch gar nichts gelesen habe.

Mal sehen, ob diese Bücher zu mir kommen, obwohl ich ja schon eine sehr beeindruckende Backlist habe?

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