Literaturgefluester

2018-12-04

Nichts was uns passiert

Nun kommt Buch fünf der Bloggerdebutshortlist und ich muß sagen, es ist diesmal verdammt schwer, denn lauter gute Bücher, entweder sprachlich schön oder relevante Themen, obwohl ich ja noch andere Kanditaten auf meiner Shortlist hätte und drei Favoriten hatte ich schon, habe aber gewußt, nachdem es Mark Richter von „Llesen macht glücklich“ für seine Favoritin hält und die 1989 geborene Bettina Wilpert den „Aspekte-Preis“ gewonnen hat und ich während meines Frankfurtsurvens auch das blaue Sofa- Video mit ihr gesehen habe, das wird schwer werden, denn ein relevantes Thema und eine schöne Sprache.

Dann noch eine blutjunge Autorin, die eine genauso junge Sprache hat, damit aber nicht in den elitären Höhen der Elfenbeintürme schwebt, die mir ja immer, obwohl ich  solche Bücher lese, ein wenig suspekt sind, sondern sich in die tieferen Gefilde des Alltagslebens begibt.

Nicht alles in dem Buchi ist mir glasklar, so habe ich zum Beispiel nicht verstanden, was das „M16“ ist?  Bitte erklären, liebe Lektoren des „Verbrecher Verlags“ und wer hier die Geschichte, es gibt eine gelegentlich aufscheinende Ich-Perspektive, hier erzählt, wurde mir auch nicht ganz klar.

Es geht aber in den eher kurzen Szenen, um Anna und  Jonas und es geht auch um ein brandtaktuelles Thema, das viele Fragen aufwirft und über das man in Zeiten, wie dieses wahrscheinlich lange diskutieren kann und sollte. Es geht um die Me Too- Debatte, beziehungsweise darum, was eine Vergewaltigung ist und, wie man damit umgeht, damit man nicht in solche Situationen kommt?

Das wäre beispielsweise mir ein Anliegen, denn nur mit einer Anzeige allein, ist es, glaube ich, nicht getan.

Da ist also Anna, die Geschichte spielt in Leipzig, im Sommer 2014, glaube ich, während der Fuball WM und Anna ist siebenundzwanzig, kommt ursprünglich aus der Ukraine, hat gerade ihr Dolmetschstudium abgeschlossen, jobbt aber noch in einer Kneipe und trinkt infolgedessen sehr viel.

In diesen Zustand lernt sie Jonas, den Doktoranten in einer Uni-Bibliothek kenne, geht mit ihm auch ins Bett, will vielleicht etwas von ihm, er hat sich aber gerade erst von Lisa getrennt und ist noch nicht so richtig beziehungsreif.

Das ist das Vorspiel, dann kommt es zu einer Geburtstagsparty. Da betrinken beide sich, Anna und Jonas. Sie mehr als er, sie sitzen auch auf dem Spielplatz zusammen, der an den Hof grenzt, in dem die Party grenzt. Anna ist so betrunken, daß sie nicht mehr gehen kann. So bringt Jonas sie mit Hilfe eines Freundes auf sein Zimmer und zieht ihr dann die Hose aus.

Das ist das Letzte, an das Anna sich nach oder vor ihren Filmriß erinnern kann. Dann bleibt sie verstört zurück, beziehungsweise flüchtet in diesem Zustand in ihre WG, sperrt sich dort tagelang ein, vernachläßigt sich selbst, verweigert jeden Kontakt. Erzählt die Geschichte  später ihrer Schwester, die zur Anzeige rät, was sie drei Monate später auch macht.

Bei Jonas kommt es zu einer Hausdurchsuchung. Er ist erstaunt, spricht von einvernehmlichen Geschlchtsverkeht. Sie, daß sie „Nein!“, gesagt und sich sich gewehrt hätte.

Er bekommt dann von jenem „M16“, ein Hausverbot, ich glaube, es ist ein politisches Plenum, wie die Anzeige aber dorthin gedrungen ist, mit allen Namen ist mir auch nicht ganz klar. Mädchen sprechen Jonas in der Mensa dann auch an und bitten ihn den Raum zu verlassen, weil sie sich in seiner Gegenwart unsicher fühlen und am Schluß wird das Verfahren eingestellt und wir können über ein wichtiges Thema, nämlich, was eine Vergewaltigung ist, diskutieren und da habe ich gerade heute erst gehört, daß es nur dann als keine solche gilt, wenn die Frau sich grundsätzlich einverstanden erklärt und vielleicht das auch noch schriftlich festlegen muß und, wie ist das, wenn beide betrunken sind?

Man sollte vielleicht grundsätzlich weniger trinken und aufpassen zu wem man ins Zimmer geht, statt später anzuzeigen, denke ich und habe es auch so gehalten, aber das Thema ist aktuell brissant und Bettina Wilperts Sprache jung und frisch, der „Weiße Mann“ kommt darin vor und die „Rape Cultur“ von der ich auch nicht so genau weiß, was das ist und, ich glaube, ich habe schon wieder meine Favoritin gewechselt, beziehungsweise meine endgültige Rangreihe festgelegt und lasse dabei wieder mindestens ein sehr gutes Buch zurück, was eigentlich sehr schade ist.

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3 Kommentare »

  1. Liebe Eva,
    mich hat „Nichts was uns passiert“ wirklich sprachlos zurückgelassen, auf eine absolut positive Art!
    Aus dem Erzähler wurde ich wie du auch nicht richtig schlau und habe mich gefragt, ob es sich dabei vielleicht um den Leser handeln soll (damit das ganze noch persönlicher verstanden werden kann). Gleichzeitig fand ich es gut, dass die Figuren dadurch immer nur wiedergegeben wurden und nicht direkt „sprechen“ konnten, weil alles dadurch zeitlich versetzt wurde und in gewisser Hinsicht auch ein wenig abgeschwächt. Der Stoff ist schließlich trotz allem sehr hart (emotional gesehen).

    Ja, ich glaube auch, dass das M16 ein politischer Treffpunkt für junge Leute in Leipzig ist (sagt mir aber als Leipzigerin auch nichts, gut möglich, dass das rein fiktiv ist). Ich glaube, es geht auch gar nicht darum, was es ist, sondern wie sie in dieser Szene mit Jonas umgehen im Nachhinein.

    Hach, das Buch gibt so viel Raum für Diskussionen, fantastisch! Es hätte noch weit mehr Aufmerksamkeit verdient als es bisher bekommen hat!
    Viele Grüße von Leipzig nach Wien 🙂
    Jennifer

    Kommentar von Jennifer — 2019-01-06 @ 18:36 | Antwort

  2. Nun ja es hat den Aspekte-Literaturpreis bekommen und vermutlich auch den des Bloggerdebuts, vielen Dank für den Kommentar und Beleuchtung der offenen Fragen, liebe Grüße!

    Kommentar von jancak — 2019-01-06 @ 18:49 | Antwort

  3. […] Rezension auf Literaturgeflüster […]

    Pingback von [Das Debüt 2018] And the winner is… | Das Debüt — 2019-01-07 @ 09:05 | Antwort


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