Literaturgefluester

2018-12-15

Anmut und Feigheit

Filed under: Bücher — jancak @ 00:55
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Jetzt kommt ein Erzählband, obwohl ich Erzählumgen ja gar nicht so gerne mag, da es mir immer schwer fällt mich so schnell von einem Sujet auf das andere einzulassen, des 1956 geborenen Frank Schulz, einem deutschen Dichter, der mir bisher unbekannt war, der aber schon viel geschrieben und viele Preise gewonnen hat und die  dreiundzwanzig Erzählungen, in denen es in allen Varianten um die Liebe geht, „Liebe ist nichts für Feiglinge -Frank Schulz  blickt in einen Erzählungen hinauf zu Wolke 7 und hinab in die Abgründe der Seele“, steht am Buchrücken, sind auch genau datiert.

Mit denen die im  Jahr 2018 geschrieben wurden, fängt es an und geht bis in das Jahr 1955-1950 hinunter, wo der Autor noch ein Kleinstkind war. Und es beginnt in einer  auffällig sorgsamen Sprache, in der immer wieder für mich seltsame Worte, wie beispielweise das “ voll krass“ auftauchen, die die heutige Jugend offenbar gern verwendet, während man früher „echt geil“ sagte.

In „Szenen in beige“ geht es um einen „Juniorsenior“, einen gerade sechzigjährigen, der aber schon einen Schlaganfall hatte und daher ein Langzeit-EKG benötigt, mit dem er durch die Stadt rennt, um sich mit seiner jungendlichen Betreuerin oder Gefährtin  Yvonne zu treffen und sich mit ihr mit Worten zu duellieren.

In „Rotkehlchen“ geht es um das Sterben einer Mutter, der Erzählung ist ein langes Gedicht hineingepackt:

„Jeden Morgen vier Uhr dreißig

weckt die Mama einen Hahn,

auf dass dann seinerseits der fleißig

krähen und sie wecken kann“.

Sehr originell und beeindruckend, die 2016 geschriebene Erzählung „Zwei Briefe in die Zukunft“, wo sich 1997 zwei Klassenkameraden, ein Mann und eine Frau ausmachen, einander Briefe zu schreiben, die man aber erst zwanzig Jahre später aufmachen und lesen darf.

In „Hüli mit Füll“ geht es um die Leiden eines arbeitslosen Journalisten, der auf eine Verlagsparty seines ehemaligen Chefs eingeladen ist, mit dem er Schwierigkeiten hat, seit er ihm noch als Schulfreund einmal einen zigarillo verweigert hat. Jetzt ist der sein Vorgesetzter und einen Bestseller hat er außerdem auch noch geschrieben. Wieder auffällig sorgsam mit vielen neuen Wendungen und Neuschöpfungen, die Sprache, in der es von Worten und Wendungen, wie „Neuranze“ eine Mischung aus Roman und Neurose oder „Ein Schlittschuh für das gefroene Meer in uns“ nur so kreucht und fleucht.

Gruselig wird es dann wenn die zweiundsechzigjährige Unternehmerin Annelene Borsig zum Feiern ihres Ruhestand ein Luxusspa bucht und dort nicht schlafen kann, weil Gillenzirpen, sie hat eine Insektenphobie sie stört und der Horrortrip beginnt, lernt sie doch an der Bar einen älteren und einem jüngeren Herrn kennen, dem jüngeren erzählt sie ihre Geheimnisse und eine weitere Alptraumnacht beginnt, die zu einer Horrorszene während eines Schneespaziergangs führt, bevor sie sich von ihren Alpträumen und den jungen Männern lösen kann.

Die nächsten zwei Geschichten führen wahrscheinlich in das Heimatdörfchen des Autors und hier hat sich Frank Schulz mit einem Nachlaßredner, wenn ich mich nicht irre, selbst ein Grab gesetzt, während er in der nächsten Geschichte wieder sprachgewaltig mit vielen schönen fast altertümlichen Ausdrücken, das Leben und Sterben einer Roßkastanie erzählt.

Es gibt Schnurren, Anekdoten,  Farces und andere Textsorten in dem schönsprachlichen Liebesgesang durch die Jahrzehnte, die immer wieder durch ihre Aufarbeitung verblüffen und gar nicht so einfach zu lesen sind.

In „Flaschenpost für Ekke Nekkepen“ geht es um eine Frau, die in einer Konditorei am der Nordsee drei Burschen, einer in einem Norwegerpulli, beobachtet, die sich über die Flaschenpost belustigen, die sie beim Liebesspiel zu Silvester am Strand zurückließ und der „Korfiotische Kuss“ schildert  die Tragik, die durch das maßlose Saufen entstehen kann.

Denn da quartiert sich ein Promipaar aus Hamburg auf einer Insel in Korfu ein, im Nebenappartement logiert ein langweiliges Pärchen. Heißt sie jetzt Martinia oder doch Mar- weil das Charlotte nicht langweilig genug ist. Jedenfalls kann sich Evchen ihr Gesicht nicht merken. Man ißt aber mitsammen, besäuft sich am Ouzo und ein Jahr später klingelt in Hamburg das Telefon und Char- oder Marlotte fragt unschuldig, ob Evchen mit ihrem Michael Oralverkehr gehabt hat und dann sitzt in einer anderen Geschichte einer am Balkon, stopft Cola und Schokoriegel in sich hinein und beobachtet in der Nebenwohnung, Vorhänge kennt man in der Gegend nicht, eine schöne Frau, mit der allmählich alt wird.

In“Die weiße Fee von Töwerland“, 1986-1990, steht darüber, geht es um die Feriensommer von Lisa und Swante, wo Lisa un ter dem Namen“Arrassica“, „bei der Errettung der Welt mithelfen“, beziehungsweise, die „unendlichen Weiten des Planeten Fu erkunden“ wollten, damit sie „ihre Puppe und Kuscheltiere dorthin evakuieren konnten, wenn die Welt unterging.“

Eine abenteuerliche Fahrt von „Chalatanango nach San Antonio Los Ranchos „am „11.November 1989“ gibt es in den „Ballistischen Augen“, und dann geht weit in eine vielleicht autobiografisch oder auch nur ausgedachte Kindheit und Jugend zurück, nämlich  in „Drachen über der Alster“, 1973- 1977, in die Lehrlingsjahre von Hans und dem Ich-Erzähler, die sich, während sie arbeiten und zur Schule gingen, an manchen Bierchen in den Alsterstuben erfreuten. Dann gibt es noch die Geschichte vom „Sommer, in dem ich ein Zebra ritt“, 1972, da geht es um die ersten journalistischen Erfahrungen, die ersten Gedichte und natürlich um die ersten Begegnungen mit den Frauen“.

Es folgt, 1968, ein „Tagebucheintrag“ oder ein Schulaufsatz über „Heiligabend, in dem sich der Schreiber über die vier Bücher, die neuen Schuhe und die Süßigkeiten freut, die es für ihn zur Bescherung gegeben hat und dann wird es ein wenig kryptisch, ist doch das „ausgemalte Memoir“ „Mamapapamamapapa“ mit 1950-1055 datiert. Der Autor aber erst 1957 geboren und so kann man sich über die dichterische Freiheit wundern, den Kopf schütteln, sie hinnehmen, den Erzähler mit dem Autor oder was auch immer verwechseln und damit vielleicht den Autor ärgern.

Die dreiundzwanzig Geschichten, beziehungsweise das „Prosa-Album über Leidenschaft“ und der Weg zurück vielleicht in ein Erzählerleben war aber sehr spannend, obwohl ich, wie schon geschrieben, eigentlich keine Erzählungen mag, weil ich nicht so schnell von einem Sujet ins andere hinüberspringen will.

Klaus Kastberger, der Literaturprofessor, Literaturhausleiter und“ Bachmann-Juror“ hat aber auf Twitter vor einiger Zeit nach einem aktuellen Erzählband gefragt und im „Literaturcafe“ gibt es auch einen Artikel, wo sich Vito von Eichborn mit den „Chancen von Kurzgeschichten“ beschäftigt.

Man müßte wahrscheinlich mehr Zeit haben, um sich in sie einzulassen. Dafür dürfte man wahrscheinlich nicht von sovielen Bücherbergen umgeben sein, für die langsam und vor dem Einschlafen Leser wäre das Buch aber als Adventkalender zu empfehlen, jeden Tag eine Geschichte  und einen Freitag zum Verschnaufen hätte man dann auch und die „Weihnachtsgeschichte“ läßt sich vielleicht unter dem Christbaum lesen, damit sich die Kinder wundern können, was es 1968 so unter Christbaum gab.

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4 Kommentare »

  1. Warum ist Bachmann-Juror unter Anführungszeichen gesetzt? Bedeutet das, daß Sie ihn in Wahrheit nicht für einen Bachmann-Juror halten, oder bedeutet es, daß er zwar einer ist, aber die Zuschreibung doch eine so lächerliche, daß Sie sie nicht ernst nehmen und ebendas anzeigen wollen?

    Kommentar von Heini Elberman — 2018-12-15 @ 02:49 | Antwort

  2. Keines von beiden sondern nur, daß ich das gerne herausheben möchte und daher Preise, Verlage, etcetera so schreibe.
    Gefällt manchen nicht, ist vielleicht nach der alten oder neuen Rechtschreibordnung auch nicht richtig, aber wenn Sie es so wollen, meine „dichterische Freiheit“, die ich auch unter Anführungszeichen setzen kann. Sie haben interessante Interpretationen, liebe Grüße!

    Kommentar von jancak — 2018-12-15 @ 04:46 | Antwort

  3. Ich muss Heini Elberman zustimmen. Wenn Sie „Bachmann-Juror“ so schreiben, hat das tatsächlich was despektierliches. Das ist so, als würde ich einen Text über Sie so formulieren: Eva Jancak aus Wien, Bloggerin und „Autorin“. Fällt Ihnen die abfällige Betonung auf? Es hat auch nichts mit alter oder neuer Rechtschreibung zu tun. Bei der „dichterischen Freiheit“ passt es nämlich wieder, weil es auf verschmitzte Art auf eine Besonderheit hinweist. Hervorhebungen, wie Preisnamen, Veranstaltungsorte usw. kann man übrigens ganz prima auch kursiv hervorheben.

    Kommentar von Ulrich Lucas — 2018-12-15 @ 14:01 | Antwort

  4. Könnte man wahrscheinlich, ich mache es aber immer so, so daß meine Leser wahrscheinlich wissen, daß es nicht depektierlich gemeint ist!

    Kommentar von jancak — 2018-12-15 @ 16:24 | Antwort


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