Literaturgefluester

2019-02-17

Ich kann dich hören

Filed under: Bücher — jancak @ 00:35
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Es ist ein merkwürdiges Buch, das Debut der 1991 in Achen geborenen Katharina Mevissen, die eine gebärdensprachige Literaturinitative mitbegründet hat.

Ob sie selbst oder jemand in ihrer Familie von Gehörlosigkeit betroffen ist, habe ich nicht ganz herausgefunden, daß es in dem Buch aber um die leisen Töne geht, kann man schon am Titel lesen und auch sonst ist das Buch ziemlich ungewöhnlich, obwohl es eigentlich und genau genommen, nur die Probleme erzählt, die man haben kann, wenn man in Deutschland in den Neunzigerjahren aufgewachsen ist und, das schreibe oder spoilere ich gleich hinzu, es ist eines, wo man das Talent, der Autorin, wie am Klappentext steht, nicht erkennen kann, wenn man es nach den ersten Seiten mit der Frage, um was es hier eigentlich geht, entnervt zuklappt und wegschmeißt, denn das erfährt man erst am Schluß und man muß auch sehr sehr genau lesen, um alles mitzubekommen und nichts zu verpassen, denn Katharina Mevissen nimmt es da sehr genau, hat ungewöhnliche Themen und auch eine ungewöhnliche Art sie zusammen zu mixen.

Es geht um den kurzsichtigen Osman, der hat und das ist vielleicht auch ungewöhnlich, weil das Debut kein „Migratenbuch“ ist, einen türkischen Vater, der ist Musiker, hat aber jetzt einen Unfall an der Hand und einen Tinnitus hat er auch, so daß er seinen Beruf nicht mehr ausüben und aufs Arbeitsamt gehen muß.

Die Mutter Doris, hat Osman und seinen Bruder Willi schon lang verlassen und Osman ist vom Vater und der Tante Elide, die die Kinder nach dem Weggang der Mutter großgezogen hat, nach Hamburg in eine WG weggeflüchtet, um dort Cello zu studieren.

Da ist also schon mal viel passiert, aber, daß man zum Studium von zu Hause auszieht, passiert den anderen auch und ist also normal.

Es geht viel um das Hören, das wissen wir schon. So vergleicht der Musiklehrer Osmans Spiel oftmal mit dem Nebel oder einem Gewitter. Osman scheint aber Ängste und Phobien zu haben, kommt es doch vor, daß er sich manchmal vor oder nach einem Konzert, das habe ich nicht ganz mitbekommen, denn es wird vieles ja zwischen den Zeilen erzählt und man kann es nur erraten, sinnlos betrinkt und dann von den Freunden in ein Taxi geschleppt und ins Bett gelegt werden muß.

In der WG gibt es Luise, die ist ein Tischlerlehrling und muß für eine Prüfung lernen, es kommt zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen den beiden, aber dann geht Luise mit einer Freundin, die Leo heißt Zelten. Da kommt Osman gerade aus Essen zurück, denn es hat sich seit dem Unfall des Vaters, viel ereignet. Der verläßt die Wohnung, warum und wohin habe ich auch nicht verstanden, die Tante kommt darauf, daß sie auch wieder ihr Leben haben und daher zuerst in die Türkei und dann nach Paris will und Osman soll ihr helfen, die Wohnung aufzulösen.

Da findet er alte Fotos von der verschwundenen Doris mit einem Bauch, den sie eigentlich nicht haben dürfte und Osman erfährt durch den Vater, es gab eine Fehlgeburt und eine kleine Schwester, die Esra hieß, deren Grab er nun besucht.

Aber es ist gar nicht mehr ihres, weil die Rechte nach zehn Jahren an eine andere Familie zurückgegangen und Esra wurde vor zweiundzwanzig Jahren fehl oder wahrscheinlich tot geboren und dann, damit es noch komplizierter wird, gibt es noch ein Diktiergerät, das Osman schon am Anfang am Bahnhof findet.

Da sind Stimmen von einer Ella und einer Jo darauf, die in Irland Urlaub machen, aber Jo, die gehörlos ist, soll ein Cochlea-Implantat bekommen, damt sie es bei Jusstudium leichter hat. Osman hört sich das Band ab, während er all das schon Beschriebne erlebt, dann gibt er das Band Ella zurück, spricht ihr aber auch etwas darauf und es gibt auch ein Musikstück, das an „Esra“ heißt.

Sehr leise und ungewöhnlich und sehr spannend, wenn man nur die Geduld aufbringt, sich in Katharina Mevissens Stil einzulassen, was in Zeiten, der hastigen Überforderung und von einem Lärm zum nächsten hetzen, nicht so einfach ist.

Trotzdem bin ich gespannt, wie es dem Buch mit dem Debutpreisen gehen wird, ob es auf die Bloggerdebutpreisliste oder vielleicht sogar den „Aspekte- Literaturpreis“ bekommt. Mal sehen, ich bin gespannt und würde empfehlen, sich auf das Buch einzulassen, auf die leisen Töne  achten und den „Lärm der Zeit“ dabei ein wenig wegzudrängen.

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